Venus Williams: Schöne Siege, quälende Gedanken

Venus Williams hat einen Tag vor Roger Federer ihr 100. Wimbledon-Einzel bestritten – und gewonnen. Ihre guten Leistungen sind erstaunlich, ist sie doch vor einem Monat an einem Autounfall mit ­Todesfolge beteiligt gewesen.

Venus Williams freut sich über den Halbfinaleinzug: Die Amerikanerin ist mit 37 Jahren immer noch motiviert und konkurrenzfähig.

Venus Williams freut sich über den Halbfinaleinzug: Die Amerikanerin ist mit 37 Jahren immer noch motiviert und konkurrenzfähig.

(Bild: Keystone)

Venus Williams winkt auf dem Centre-Court von Wimbledon ins Publikum. Soeben hat sie den Lauf der French-Open-Gewinnerin Jelena Ostapenko (20) gestoppt. Zum dritten Mal in Folge hat die 37-Jährige eine Spielerin geschlagen, die im Extremfall ­ihre Tochter sein könnte.

Als Williams im All England Club gefragt wird, ob ihr Siege immer noch so viel Freude bereiteten wie früher, antwortet sie: «Gewinnen wird nie langweilig.» In diesem Moment ist der Anflug eines Lächelns zu erkennen. Das ist insofern bemerkenswert, als die ältere Schwester der wegen Schwangerschaft pausierenden Serena derzeit eine schwere Zeit durchmacht.

Kein Rotlicht missachtet

Denn Venus Williams war am 9. Juni in Florida an einem Verkehrsunfall mit Todesfolge beteiligt. Ein Fahrzeug prallte auf einer Kreuzung mit dem von ihr gesteuerten Wagen zusammen.

Zwei Wochen später starb der 78-jährige Beifahrer des anderen Autos an den erlittenen Kopfverletzungen. Zuerst hiess es, Williams trage die Schuld. Auf Facebook drückte die fünfmalige Wimbledon-Siegerin ihr Bedauern aus.

Und als in Wimbledon nach ihrem Erstrundenmatch der Unfall an der Pressekonferenz thematisiert wurde, schossen ihr Tränen in die Augen. «Es gibt keine Worte, welche beschreiben könnten, wie verheerend es ist. Ich bin total sprachlos», war das Einzige, was sie von sich gab, von sich geben konnte.

Letzte Woche veröffentlichte die Polizei von Palm Beach Gardens ein Video, aus dem hervorgeht, dass Williams, die laut diversen US-Medien von der Familie des Todesopfers wegen fahrlässiger Tötung eingeklagt worden ist, kein Rotlicht missachtet hatte.

Aufgrund eines anderen, wohl inkorrekt fahrenden Lenkers musste sie aber abbremsen, worauf ihr SUV gerammt wurde – mit den erwähnt fatalen Folgen. Am Montag veröffentlichte die Zeitung «Palm Beach Post» einen Artikel, in dem der Anwalt der Gegenpartei bestreitet, dass das Video die Tennisspielerin entlastet.

Die Liebe zum Spiel

Es vergeht kaum ein Tag ohne neue Meldung aus Florida. Man kann nur erahnen, wie belastend die Situation für die Amerikanerin ist. Doch offenbar gelingt es ihr, auf dem Court die quälenden Gedanken zu vermeiden.

«Viele Spieler finden auf dem Tennisplatz ihre Ruhe, es ist der Ort, wo sie ihrem Job nachgehen und alles, was sonst noch in ihrem Leben passiert, zur Seite schieben. Insofern ist es für Venus sogar gut, kann sie hier Tennis spielen und die Tragödie für kurze Zeit vergessen», erklärt Ex-Profi Patrick McEnroe.

Williams, die am Australian Open erst im Final an ihrer Schwester scheiterte, tritt in Wimbledon beeindruckend auf, was selbst unter anderen Umständen keine Selbstverständlichkeit wäre.

2011 war bei der ehemaligen Nummer 1 das Sjö­gren-Syndrom diagnostiziert worden, eine Krankheit, die unter anderem Müdigkeit, Erschöpfungszustände sowie Gelenkentzündungen auslösen kann. Damals schien sich ihre Karriere dem Ende zuzuneigen; die Kalifornierin fiel sogar aus den Top 100.

Derzeit ist der Rücktritt kein Thema. Ihre sportliche Langlebigkeit erklärt sie so: «Es ist die Liebe zum Spiel. Es ist viel Arbeit, es ist viel Druck, es ist nicht einfach, aber ich liebe Tennis.» Den letzten ihrer sieben Grand-Slam-Titel hat sie 2008 an der Church Road gewonnen, doch die Einzelolympiasiegerin von 2000 hat keine Lust, in Erinnerungen zu schwelgen.

«Die Vergangenheit kannst du nicht ändern. Ich will in der Zukunft leben und noch mehr erreichen.»Venus Williams

«Die Vergangenheit kannst du nicht ändern. Ich will in der Zukunft leben und noch mehr erreichen.» Die Aussichten, den sechsten Wimbledon-Titel zu holen, sind auch deshalb so gut wie schon lange nicht mehr, weil ihre geliebte Schwester ihr diesmal nicht im Weg stehen kann.

Auf Navratilovas Spuren

Auf ihr Leben nach der Profilaufbahn angesprochen, meint sie: «Es gibt immer ein neues Kapitel in deinem Leben. Ich weiss nicht, wie ich mich nach der Karriere fühlen werde, denn im Herzen werde ich immer eine Tennisspielerin sein. Es wird mir bestimmt etwas fehlen ohne die Wettkämpfe, aber noch ist es nicht so weit.»

Venus Williams bestreitet ihr 75. Grand-Slam-Turnier, ein Rekord in der Profiära. Sie ist die älteste Wimbledon-Halbfinalistin seit Martina Navratilova 1994. Auf dem heiligen Rasen hat sie exakt 100 Einzel bestritten, am Mittwoch zieht Roger Federer nach. Was bedeuten ihr solche Zahlen und Rekorde? «Das weiss ich derzeit nicht, fragen sie mich wieder, wenn ich aufgehört habe.»

Vorerst denke sie nur daran, wie sie im nächsten Spiel die bestmögliche Leistung abrufen könne. Johanna Konta, gegen die Williams am Donnerstag spielt, sagt: «Ich fühle mich geehrt, mit Venus den Centre-Court zu teilen.» Und Williams wird froh sein, wenn sie wieder auf dem Platz steht und die quälenden ­Gedanken an den Autounfall nur noch im Hinterkopf vorhanden sind.

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