Vergleich: Dieses Duell elektrisiert die Tenniswelt

Es ist gut möglich, dass Roger Federer und Rafael Nadal heute zum letzten Mal aufeinandertreffen. Die Erzrivalen im grossen Vergleich.

Da spielten sie ausnahmsweise mal miteinander: Rafael Nadal und Roger Federer am Laver-Cup 2017.

Da spielten sie ausnahmsweise mal miteinander: Rafael Nadal und Roger Federer am Laver-Cup 2017.

(Bild: Keystone)

Yannick Wiget@yannickw3
Dino Caracciolo@dino_caracciolo ‏

Wer weiss, wie lange Roger Federer und Rafael Nadal noch auf dem Platz stehen werden. Der Schweizer ist 37-jährig und tritt (seinem Körper zuliebe) nur noch bei ausgewählten Turnieren an, der Spanier ist lediglich vier Jahre jünger und verletzungsanfällig. Jeder Match zwischen den beiden könnte der letzte sein – und das Ende einer Ära und einer der grössten Rivalitäten im Sport bedeuten.

Auch deshalb fiebert die Tenniswelt dem heutigen Duell in Paris entgegen, noch mehr als sonst. Die Stadt ist elektrisiert, die Erwartungen sind riesig. Fans zahlen Tausende von Euros, um sich doch noch ein Ticket für das Spiel der Spiele zu ergattern. Schliesslich treten zwei Legenden gegeneinander an, die erfolgreichsten Spieler, die es in diesem Sport je gegeben hat.

Riesiger Hype: Roger Federer (Mitte) versucht mithilfe von Bodyguards, sich einen Weg durch die Fans zu bahnen. (Bild: Keystone)

Und die Vorgeschichte könnte nicht besser sein: Federer ist nach vier Jahren Abstinenz ans French Open zurückgekehrt. Viele dachten, er würde nie mehr in Roland Garros spielen, nachdem er das Turnier zuvor dreimal ausgelassen hatte – um sich zu schonen und auch, weil es ihm eine Zeit lang nicht mehr lief.

Doch Federer, den Kritiker nach fünf Jahren ohne grossen Triumph schon abgeschrieben hatten, schaffte das fast für unmöglich gehaltene Comeback, holte sich für einige Wochen den ersten Platz in der Weltrangliste zurück und gewann seit 2017 nochmals drei Grand-Slam-Titel. Damit verschaffte er sich wieder etwas Luft im Kampf um den Allzeitrekord. Denn einer ist im dicht auf den Fersen: Rafael Nadal.

Federer kommt mittlerweile auf 20 Grand-Slam-Erfolge, sein grösster Widersacher Nadal auf 17. Auch bei anderen Kategorien liegt der Schweizer (noch) vorne: Federer hat in seiner Karriere 101 Titel geholt und damit zwanzig mehr als sein Erzrivale. Er war 310 Wochen lang die Nummer eins der Weltrangliste, Nadal nur 196 Wochen.

Aber der Spanier ist fast fünf Jahre jünger, kann theoretisch also noch länger spielen als der Schweizer.

Dass Nadal überhaupt so nahe an «King Roger» heranrücken konnte, hat viel mit dem Turnier zu tun, an dem die beiden jetzt aufeinandertreffen. Nadal ist eben auch ein König, der «Sandkönig» und der «König von Paris». In Roland Garros feierte er 11 seiner 17 Grand-Slam-Titel, verlor von insgesamt 93 Spielen gerade einmal zwei. Auf Sand ist er fast unbesiegbar – auch für Federer.

15-mal duellierten sich die beiden auf dieser Unterlage schon, 13-mal gewann der Spanier. Besonders bitter für Federer: 2006, 2007, 2008 und 2011 unterlag er seinem Erzrivalen im Final von Roland Garros. Der letzte Sieg des Schweizers liegt zehn Jahre zurück (2009 in Madrid). Kein Wunder, denn Nadals Bilanz auf Sand ist unglaublich. Er gewann in seiner Karriere 92 Prozent der Spiele und holte 58 Titel, deutlich mehr als Federer.

Sand ist ­Nadals Lieblingsbelag, weil er hier mehr Zeit für seine Schläge hat und der Ball höher abspringt. Aber nicht nur deswegen wird er vor dem heutigen Match als Favorit gehandelt. In allen Direktduellen (Head to Head) führt er mit 23 zu 15. Der Spanier hat also 61 Prozent seiner Spiele gegen den Schweizer für sich entschieden.

Federer - Nadal findet heute zum 39. Mal statt und ist damit die dritthäufigste Affiche in der Tennisgeschichte (seit 1968 die sogenannte Open Era begann und Tennis zum Profisport wurde). Nur die Duelle Federer - Djokovic (47) und Djokovic - Nadal (54) gab es noch öfter.

Am häufigsten spielten Federer und Nadal auf Hartbelag (inklusive Indoors) gegeneinander. Hier hat der Schweizer die Nase mit 11:9 Siegen knapp vorne. Nur dreimal duellierten sich die beiden auf Rasen: dreimal im Final von Wimbledon. Die ersten beiden Matchs 2006 und 2007 entschied Federer für sich. Ein Jahr später gewann Nadal nach fast fünf Stunden den letzten Satz mit 9:7 – und damit eine legendäre Partie, die von vielen als bestes Spiel aller Zeiten angesehen wird.

«Wer weiss, was passiert wäre, hätte sich Nadal nicht so oft verletzt.» Diesen Satz hört man unter Tennis-Fans immer wieder. Der Spanier gewann schon 18-jährig seinen ersten Grand Slam (natürlich in Paris). Mit 21 standen bereits drei solche Trophäen in seiner Vitrine. Federer war fast 22, als er erstmals ein Grand-Slam-Turnier gewann. Doch Nadal konnte seine Pace nicht fortsetzen, weil er immer wieder von körperlichen Beschwerden zurückgebunden wurde.

«Sorry, aber ihr könnt mich nicht mit Federer vergleichen.»Rafael Nadal

Das Supertalent hatte schon zu Beginn seiner Profikarriere mit Blessuren zu kämpfen. 2004 etwa verpasste Nadal wegen einer Handverletzung die Turniere in Roland Garros, Wimbledon und an den Olympischen Spielen in Athen. Ein Jahr später zwang ihn der linke Fuss zu einer Pause von drei Monaten. Seither spielte er laut seinem ehemaligen Trainer und Onkel Toni Nadal mit Schmerzmitteln und fiel immer wieder aus. Über 50-mal in seiner Karriere musste er pausieren oder in einem Spiel Forfait geben, weil sein Körper nicht mehr mitmachte.

Vielleicht hätte Nadal Federer ja eingeholt, hätte es all diese Unterbrüche nicht gegeben. Der Spanier deutete das auch schon selbst an: «Sorry, aber ihr könnt mich nicht mit Federer und Djokovic vergleichen. Das ist nicht fair», sagt Nadal nach seiner verletzungsbedingten Aufgabe im US-Open-Halbfinal 2018. «Sie hatten nicht gleich viele Verletzungen. Ich habe viel mehr Grand-Slam-Turniere verpasst als die anderen Top-Spieler.»

Verletzungen sind Teil seiner Karriere: Rafael Nadal lässt sich auf dem Court behandeln, hier am Australian Open 2010. (Bild: Keystone)

Unter Tennisexperten ist unstrittig, dass der kräftezehrende Spielstil von Nadal einen Einfluss auf dessen Verletzungen hat. Gleichzeitig ist er wohl ein Grund dafür, dass der Spanier eine so erfolgreiche Karriere hingelegt hat. Federer spielt mit weniger Kraftaufwand, ist deutlich weniger oft ausgefallen und baute in jüngster Zeit immer wieder selbst auferlegte Pausen ein, um seinen Körper zu schonen.

Auch das ist ein Grund, warum der Schweizer 37-jährig immer noch zu den Besten der Welt gehört und um grosse Titel mitspielt. In diesem Jahr hat er bisher 90 Prozent seiner Spiele gewonnen (27:3) und zwei Titel geholt: in Dubai und am ATP Masters in Miami. Auch auf Sand weist Federer eine gute Bilanz auf: neun Siegen steht nur eine Niederlage gegenüber. Damit ist Federer aktuell sogar besser als Nadal.

Wer gewinnt also heute? Beide Spieler haben auf dem Weg in den Halbfinal von Roland Garros nur einen Satz abgegeben und 15 gewonnen. Beide sind ähnlich lang auf dem Platz gestanden, Federer mit 10 Stunden und 45 Minuten ein bisschen weniger lang als Nadal mit 10 Stunden und 59 Minuten. Zudem hat der Schweizer die letzten fünf Spiele gegen Nadal allesamt gewonnen – so viele wie nie zuvor am Stück.

Trotzdem sehen die meisten Nadal als klaren Favoriten. Er dominierte seine bisherigen Spiele in Paris und gewann sie überzeugend. Federer musste sich seine Siege zum Teil hart erarbeiten, vor allem gegen Landsmann Stan Wawrinka im Viertelfinal. Glaubt man den Wettanbietern, ist die Sache klar: Wer auf Nadal (Quote 1,12) setzt, verdient bei seinem Sieg nicht viel. Bei Federer (6,25) könnte sich der Einsatz lohnen.

Federer ist für einmal Aussenseiter, rechnet sich heute aber durchaus Chancen aus – auch wenn er im Wohnzimmer des «Königs von Paris» antreten muss. Nach dem Viertelfinalsieg sagte er im Platzinterview: «Es gibt gegen jeden Spieler eine Chance. Sonst würde ja niemand ins Stadion kommen, um die Matchs zu schauen. Wenn ich mit der Einstellung ins Turnier gestiegen wäre, Nadal möglichst zu vermeiden, hätte ich gar nicht antreten müssen.»

«Mein nächster Gegner ist ganz okay. Er spielt ziemlich gut auf Sand.»Roger Federer

Fünfmal trafen Federer und Nadal in Roland Garros bisher aufeinander, fünfmal gewann Nadal. Darauf angesprochen, scherzte der Schweizer: «Ja, mein nächster Gegner ist ganz okay. Er spielt ziemlich gut auf Sand.» Um anzufügen: «Nein, was für eine Freude, auf Rafa zu treffen! Ich bin auch deshalb zurückgekehrt auf Sand, um gegen ihn spielen zu können. Jetzt bekomme ich diesen Match.»

Auch die Tennisfans hoffen, dass sie ein legendäres Spiel zu sehen bekommen – wie schon oft, wenn diese beiden Ikonen des Sports gegeneinander angetreten sind. In einer Kategorie hat Federer bereits gewonnen: Die vergangenen Spiele haben gezeigt, dass er auf die Unterstützung eines Grossteils des Publikums zählen kann.

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