«Vom Typ her bin ich eher wie Wawrinka»

Der 50-Jährige Jakob Hlasek bestritt 1992 für die Schweiz den Davis-Cup-Final. Er erklärt, warum die Franzosen bis Freitag favorisiert sind.

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Vergangene Woche feierten Sie ihren 50. Geburtstag. Wähnen Sie sich dieser Tage 22 Jahre jünger?
Jakob Hlasek: Natürlich, jetzt, wo die Schweiz den Davis-Cup gewinnen kann, kommt alles wieder hoch. Ich werde seit Wochen auf den Final 1992 in den USA angesprochen, viele wollen in Erinnerungen schwelgen. Die Emotionen sind wieder da. Ich bin Fan des Davis-Cups, hoffe sehr auf einen Schweizer Triumph.

Sie und Teamkollege Marc Rosset brachten die USA an den Rand einer Niederlage...
... notabene das wohl beste Team in der Geschichte. Courier, Sampras, McEnroe, Agassi – das waren vier Top-20-Spieler. Das 1:1 am Freitag liess die Amerikaner nervös werden. Über Nacht organisierte die Stadtverwaltung von Fort Worth Tausende US-Fahnen, die Medien berichteten patriotisch. Das Doppel verloren wir trotz 2:0-Satzführung. Wir hätten gewinnen müssen, das schmerzt heute noch.

Die Amerikaner, vorab McEnroe und Agassi, provozierten heftig. Übertrieben sie es?
Sie standen gewaltig unter Druck. In den Zeitungen war die Frage aufgeworfen worden, warum die kleinen Schweizer überhaupt anreisten (lacht). McEnroe befand sich in der Scheidung von seiner Frau; er war zusätzlich angeheizt, machte viel Trash Talk. Agassi spuckte gar Rosset an; der nahm das aber cool, spielte danach noch besser. McEnroe und Jim Courier entschuldigten sich später bei uns; von Agassi kam kein Sorry, das hätte nicht zu ihm gepasst.

Wie heute Roger Federer und Stan Wawrinka bildeten Sie und Rosset mangels Alternativen quasi ein Zweimannteam – ein wesentlicher Nachteil?
Bestimmt, ja. Darum sage ich, dass Frankreich bis Freitag Favorit ist. Sollten Roger und Stan tatsächlich auf dem Platz stehen, hat die Schweiz Vorteile. Aber es fehlen Alternativen – kein anderer ist in der Lage, ein Einzel zu gewinnen.

Sie und Rosset wirkten wie ein harmonisches Duo. Allerdings soll es immer wieder Reibereien gegeben haben.
Wir waren mehr als eine Zweckgemeinschaft. Marc und ich sind grundverschiedene Typen, wir hatten unterschiedliche Trainingsphilosophien. Aber wir spielten auch ausserhalb des Davis-Cups Doppel, gewannen 1992 die French Open. Die Probleme, welche es zu Beginn meiner Zeit als Captain gab, sind ausgeräumt.

Auch Ihr Verhältnis zu Roger Federer, der einst Ihre Absetzung als Davis-Cup-Captain forderte, gab zu reden. Wieso kamen Sie miteinander nicht klar?
Es scheiterte an vielen Dingen. Der Verband offerierte mir einen Fünfjahresvertrag, die Spieler hatten davon nichts gewusst. Marc Rosset wollte ein Zeichen setzen und machte Stunk, ich bot ihn deswegen nicht auf. Das war unsensibel. Roger konnte meinen Entscheid nicht verstehen.

Rebellierte er?
Ja, aber das tat er in jungen Jahren oft. Es war auch nicht einfach für Roger, jeder sagte ihm ja, dass er einmal ein ganz Grosser werden würde. Wir hatten andere Ansichten, ich wollte beispielsweise weniger Leute rund ums Team haben. Ich wollte an einem Tisch essen, nicht an fünf Tischen.

Stimmt es, dass der Streit nie ausdiskutiert worden ist?
Wir sprachen nach dem Konflikt 2001 in Neuenburg kurz miteinander. Die Sache ist abgehakt, es war sinnvoll, dass ich ging. Weil ich mich selten im Tenniszirkus bewege, sehen wir uns fast nie. Vom Typ her bin ich eher wie Wawrinka. Aber ich habe grossen Respekt vor Rogers Leistungen.

Für Federer hatte der Davis-Cup lange Zeit keine Priorität. Weshalb liessen Sie keine einzige Begegnung aus?
Diese Frage stellte sich nie. Der Davis Cup hatte bei mir stets einen hohen Stellenwert. Roger jedoch hat seit Jahren ein sehr dichtes Programm, da muss man es akzeptieren, wenn er andere Prioritäten setzt. Sein Vorgehen in den letzten Jahren fand ich aber seltsam. Man kennt ihn als ausgezeichneten Planer, der weit vorausblickt. Warum er dann manchmal sehr kurzfristig ab- oder zusagte, kann ich nicht nachvollziehen. Das Team, der Verband und die Fans verdienen Klarheit.

Sie reisten nach Neuseeland und Indien, bestritten nach dem Abstieg auch Begegnungen in Zimbabwe und Indonesien. Welche Erinnerungen sind geblieben?
Früher war der Davis-Cup schlechter organisiert, weniger fair. In Russland wurden wir von den Linienrichtern betrogen. In Zimbabwe spielten wir in einer provisorischen Halle, als Dach war eine Plane gespannt – diese fing Feuer, alles wurde evakuiert. In Israel hatten wir keinen Strom, konnten nicht einmal unsere Schläger bespannen. Brutal war es in Indien. Das Elend rund ums Stadion war so krass, das ging extrem unter die Haut.

Sie waren erst Spieler, danach Teamchef. Wie bedeutend ist die Rolle von Captain Severin Lüthi?
Sehr wichtig, vor allem in diesen Tagen. Roger und Stan haben am Samstag gegeneinander gespielt, diese Partie muss aufgearbeitet werden. Nun besteht zudem die Unsicherheit wegen Federers Verletzung. Es darf jetzt keine Unsicherheit aufkommen, Lüthi muss das Team gut führen.

Sie überraschten zuletzt mit der Aussage, das Captainamt sollten Leute ausüben, die einst selbst gespielt haben. Das klingt wie ein Angriff auf Lüthi.
Nein, meine Worte waren nicht gegen ihn gerichtet. Lüthi ist ein ausgezeichneter Coach. Meiner Meinung nach kann aber nicht jeder Captain sein. Auf dem Stuhl sollte jemand sitzen, der für die Schweiz gespielt hat, mit diesen Emotionen und der Verantwortung vertraut ist. Ich hoffe, dass Stan und Roger eines Tages zur Verfügung stehen werden.

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