Warum es zum Schweizer Tennisdrama kam

Roger Federer und Stan Wawrinka machten sich kurz vor dem Davis-Cup-Final gegenseitig fertig. Sie konnten nicht anders.

Kein Gewinner: Federer (l.) wehrte gegen Wawrinka vier Matchbälle ab – und machte dabei seinen Rücken kaputt.

Kein Gewinner: Federer (l.) wehrte gegen Wawrinka vier Matchbälle ab – und machte dabei seinen Rücken kaputt.

(Bild: Keystone Andy Rain)

Res Strehle@resstrehle

Nie hatte die Schweiz so gute Chancen, den Davis-Cup zu gewinnen. Doch nach dem Tennisdrama vom Samstagabend in London wird sie in Lille mit einem körperlich angeschlagenen Roger Federer (wenn er überhaupt spielt) und einem mental nach vier vergebenen Matchbällen noch etwas labileren Stan Wawrinka antreten. Sowie mit zwei weiteren Mitgliedern des Teams, denen man einen Punktgewinn gegen die starken Franzosen im Hexenkessel von Lille weder im Einzel noch im Doppel ernsthaft wird zutrauen können.

Dabei schienen die beiden Schweizer Cracks erstmals gemeinsam Freude am Mannschaftswettbewerb bekommen zu haben: Wawrinka war stets mit Herzblut dabei, Federer mit Unterbrüchen, aber die gute Stimmung im Publikum und der Teamgeist schienen dem FC-Basel-Fan die Freude am Teamsport erst jetzt richtig geweckt zu haben.

Warum dann haben die beiden Freunde im Halbfinal vom Samstag bis an die Grenzen ihrer physischen und mentalen Kräfte gekämpft? Natürlich will ein Crack jedes Spiel gewinnen, das macht ihn so erfolgreich. Gleichzeitig müsste die Vernunft Federer und Wawrinka doch auch gesagt haben, dass von einem Abnützungskampf fünf Tage vor dem Davis-Cup-Final einzig die Franzosen profitieren. Gewiss, der Sieger hätte sich für die Finalteilnahme am Sonntag gegen Djokovic qualifiziert, aber was wäre das gewesen im Vergleich zur historisch vermutlich einmaligen Chance der Schweiz im Davis-Cup? Federer hat am ATP-Finale schon sechsmal triumphiert, Wawrinka ist im Gruppenspiel gegen Djokovic chancenlos geblieben.

Der entscheidende Punkt

Folglich braucht es noch eine andere Erklärung für diesen Abnützungskampf. Schlüsselszene für die nachfolgende Entwicklung war der erste Punkt in Federers erstem Aufschlagsspiel zu Beginn des dritten Satzes, als Wawrinka einen Passierball ins Out setzte. Der Schiedsrichter überstimmte den Linienrichter und gab den Ball gut. Federer schien den Entscheid zu akzeptieren und verlangte keine Überprüfung mittels Hawkeye. Dem neutralen Zuschauer schien dies eine faire Geste, fast schon ein Anzeichen, dass Federer seinem Freund Wawrinka den Sieg gönnte. Nach zwei weiteren Punkten stand es 0:40, drei Breakbälle für Wawrinka – eine mögliche Vorentscheidung.

Jetzt erst realisierte Federer, was passiert war und legte sich mit dem Schiedsrichter an. Daran hätte ein John McEnroe seine helle Freude gehabt, er war der Meister des grenzenlos ehrgeizigen Genres, und damit war nun jedem klar: Federer wollte dieses Spiel unbedingt gewinnen.

Ich habe Roger Federer 2006 am Turnier in Basel interviewt (zusammen mit einem Kollegen der «Basler Zeitung») – mich interessierte in erster Linie, warum er so erfolgreich ist und heute als einer der besten Tennisspieler aller Zeiten gilt. Natürlich hat er grosses Talent und ist mental stark, aber das haben ein paar andere hundert Tennisspieler auf der Welt auch. Seine Antwort auf meine entsprechende Frage lautete: «Den unbedingten Willen gut zu werden, hatte ich seinerzeit schon im Fussball, Basketball und Pingpong – ich wollte immer gewinnen, das hat mich sicher sehr weit gebracht.» Etwas weniger diplomatisch gesagt: Er hasst es auf den Tod, zu verlieren, und tut alles dafür, damit dies nicht passiert, er kann im Grund bis heute nicht verlieren.

Verlieren verboten

Als junger Spieler zertrümmerte Federer in solchen Situationen seinen Schläger und legte sich mit Schiedsrichter und Gegner an. Das tut er längst nicht mehr, aber weniger, weil er inzwischen mit Gelassenheit verlieren gelernt hätte, sondern weil ein Spieler aus Ärger und Wut in der Regel gleich die nächsten Punkte auch verliert. Wawrinka wird es ähnlich gehen, anders ist nicht zu erklären, warum er sich seinerseits im dritten Satz mit Mirka anlegte. Sie hatte für seinen Geschmack ihren Gatten etwas zu aktiv unterstützt und Wawrinka dabei in der Konzentration gestört. Offenkundig hasst auch er es auf den Tod, zu verlieren. So brachte es dieser Spieler, der vom Talent her etwas weniger gesegnet ist als Federer, seinerseits zum Virtuosen in diesem Fach. Bis so einer an der Weltspitze ist, heisst es: üben, üben, üben, sich schinden, die eigenen Grenzen überwinden bis zur Erschöpfung. Und eben: verlieren verboten.

Diese mentale Konstellation hat am Samstag zum Abnützungskampf wider alle Vernunft geführt. Und zu einem Ergebnis, das keiner der beiden Schweizer wollte: Einer ist körperlich angeschlagen, der andere mental angeknackst, die Freundschaft auf die Probe gestellt und die Hoffnung auf einen historischen Teamsieg arg geknickt.

Roger Federer im Interview mit der ATP nach dem verpassten Finale. (Video:Youtube/ATPWorldTour)

berneroberlaender.ch/Newsnetz

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt