Weshalb Federers Forfait nötig war

Durch den Verzicht auf das Endspiel in London hat Roger Federer die Chance massiv erhöht, diese Woche im Davis-Cup-Final spielen zu können. Ein Sportarzt bezeichnet Federers Verhalten als «hoch professionell».

Rückenschmerzen sind für Roger Federer nichts Neues: 2008 musste er sich etwa am ATP-Finalturnier in Shanghai behandeln lassen.

Rückenschmerzen sind für Roger Federer nichts Neues: 2008 musste er sich etwa am ATP-Finalturnier in Shanghai behandeln lassen.

(Bild: Keystone)

Adrian Ruch

Zuweilen wird Roger Federer in den Status eines Überirdischen gehoben, einerseits seines eleganten Stils, andererseits seiner Robustheit wegen. Der Schweizer hat noch nie einen Match aufgegeben und in 15 Saisons nicht ein einziges Grand-Slam-Turnier verpasst. Doch auch Federer ist nicht unzerbrechlich; seine Achillessehne ist, das wissen wir nicht erst seit seinem Forfait für das sonntägliche Endspiel in London, der Rücken.

Schon 2003 musste er im Achtelfinal gegen Feliciano Lopez auf dem Weg zum ersten Grand-Slam-Titel einen Schreckmoment überstehen. Doch drei Tage später waren die Beschwerden verschwunden – der begabte Schweizer war nicht mehr aufzuhalten. Später bereitete der Rücken Federer immer wieder mal Sorgen; so trat er beispielsweise 2008 in Paris-Bercy nicht gegen James Blake an und schied kurz darauf in Shanghai an der Tennis-WM zum ersten und bisher auch letzten Mal in der Vorrunde aus. Ein Dauerthema waren Rückenbeschwerden 2013, als der Superstar oft eingeschränkt war, weshalb er ungewöhnliche viele Partien und schliesslich auch das Selbstvertrauen verlor.

Am Samstag tauchten die Probleme unvermittelt auf; Federer hatte zuvor mehrmals gesagt, er sei seit über einem Jahr beschwerdefrei. Rückenschmerzen können auf strukturellen (z.B. Diskushernie) sowie auf funktionellen Problemen basieren. Bei Federer dürfte Letzteres der Fall sein, sprach er gegenüber der ATP doch von «Muskelkrämpfen im Rücken».

«Wenn Gelenke, Bänder, Sehnen und Muskeln nicht mehr harmonisch zusammenarbeiten, löst dies Schmerzen aus. Der betroffene Muskel zieht sich als Schutzmechanismus zusammen, was den Schmerz wiederum verstärkt», erklärt Walter O. Frey, Sportarzt an der Uniklinik Balgrist. «Diese Spirale gilt es zu stoppen und dann zu veranlassen, dass sie in die andere Richtung dreht.»

Bekämpft wird ein funktionelles Problem meistens mit einer Doppelstrategie. Einerseits werden dem Patienten schmerzlindernde, entzündungshemmende und muskelentspannende Medikamente verabreicht, anderseits die betroffene Stelle mit Wärme, Massagen, Physiotherapie und weiteren Techniken behandelt. «Wichtig ist, den Teufelskreis sofort zu durchbrechen», sagt Frey, der auch als zentraler Chefarzt von Swiss-Ski amtet. «Je kürzer die Spirale in die falsche Richtung dreht, desto schneller verläuft normalerweise der Heilungsprozess.»

Federer und sein Coach, Severin Lüthi, handelten also klug, als sie Davis-Cup-Teamarzt Roland Biedert noch in der Nacht nach dem Halbfinal anriefen und nach London beorderten. Walter O. Frey attestiert Federer «hoch professionelles Verhalten. Es war wichtig, gegen Novak Djokovic nicht anzutreten. Sonst hätte sich die Verletzung möglicherweise verschlimmert. Er hat alles,soweit man dies aus Distanz beurteilen kann, richtig gemacht.»

Training für die Gewissheit

Federer konnte wohl auch aufgrund seiner leidvollen Erfahrungen einschätzen, was das Beste für ihn ist. Weil er den Tennisprofi nicht selber untersucht hat, kann Frey keine Prognose abgeben. Doch die Schweizer Fans dürfen hoffen. «Es gibt keine Garantie, aber funktionelle Probleme können sich innert weniger Tage lösen», meint der Sportarzt.

Knapp wird die Zeit so oder so, zumal noch ein Belagwechsel auf dem Programm steht. Auf Sand ist die Beinarbeit ganz anders als auf Hartplatz. Frey glaubt aber nicht, dass Federer im Vorfeld viel trainieren muss. «Aufgrund seiner starken Leistungen vermute ich, dass er schon ein gutes Gefühl hat, wenn er das Racket nur anschaut. Aber er muss die Gewissheit haben, dass der Rücken hält. Nur so kann er mit der nötigen Lockerheit aufspielen.»

Berner Zeitung

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