Barça-Trainer beweist ein gutes Auge – auch hinter der Kamera

Als Fotograf will Ernesto Valverde «Verletzlichkeit einfangen», als Trainer mit Barcelona das Triple gewinnen.

Eine deutliche Ansage des Barça-Stürmers: Luis Suárez verspricht, in Anfield nicht zu jubeln, sollte er ein Tor schiessen. (Video: Teleclub)

Wenn sich Ernesto Valverde heute in Anfield kurz vor 21 Uhr auf die Trainerbank setzt, wird er von Dutzenden Menschen umringt sein, die er als Kollegen begreifen könnte. Und nicht anders wird es sein, wenn er nach dem Halbfinal-Rückspiel der Champions League im Presseraum das Surren und Klicken der Fotokameras hört und er seine Augen wegen der blitzenden Lichter zu kleinen Schlitzen formt.

Valverde (55) ist nicht nur der Trainer des alten und neuen spanischen Meisters Barcelona - noch ein Spiel vom Champions-League-Final und damit vom grössten Erfolg seiner Karriere entfernt. Valverde ist auch Fotograf. Und als solcher mit grösserem künstlerischem Talent gesegnet als so mancher, der ihn von Berufs wegen ablichtet. Die Fotografie, sagte Valverde unlängst in einem bemerkenswerten Interview mit der Zeitung «La Vanguardia», sei eine Form, dem Alltag zu entfliehen. Doch sie sei «kein Hobby, sondern etwas sehr Ernsthaftes in meinem Leben».

Bemerkenswert war das Interview auch, weil Valverde eigentlich für exklusive Gespräche nicht zur Verfügung steht, seit er 2017 die Arbeit bei Barça aufnahm. Von sich reden macht bloss sein Team: Es hat vor wenigen Wochen den zweiten Meistertitel in Serie perfekt gemacht, steht zum zweiten Mal nacheinander im Cup-Final. Und seit dem 3:0 im Hinspiel gegen Liverpool braucht der Barça-Coach auch nicht mehr das Teleobjektiv, um den Champions-League-Final-Schauplatz Madrid zu sehen.

Kamera von den Kanaren

Der Weg dahin war weit. Valverde ist in der kargen Extremadura geboren, seine Eltern wanderten aus ins Baskenland, als er noch ein Baby war. Der Vater verdingte sich als Arbeiter in einer Reifenfabrik, er selbst wurde Fussballer, debütierte als Profi bei Alavés. Schon damals faszinierte ihn die Fotografie: Zu seinen Erinnerungen gehört, dass er sich seine erste richtige Kamera von einem Kollegen auf den Kanaren erstehen liess, wo die Steuersätze für solche Produkte viel günstiger waren.

1986 wechselte Valverde nach Barcelona, wo er nicht nur Fussball spielte – zunächst bei Espanyol, dann beim FC unter Johan Cruyff –, sondern sich auch am Institut dEstudis Fotogràfics einschrieb.

Der Brotberuf aber blieb der Fussball. Seine Trainerkarriere begann im Nachwuchs von Bilbao; sie führte ihn bis zum Cheftrainerposten der ersten Mannschaft, die er 2005, in seinem zweiten Jahr, auf Rang 5 der Liga führte. Nach Engagements bei Espanyol, Villarreal und Valencia empfahl er sich mit seiner Arbeit bei Olympiakos Piräus für höchste Aufgaben. In Griechenland schoss er fantastische Fotos, erlangte aber vor allem bei vielen gottgleichen Status, weil er Olympiakos zu drei Meistertiteln und zwei Cup-Siegen führte - eine Labsal in Zeiten der Krise. Und: Er erlangte den Respekt von Johan Cruyff. «Es macht Spass, seinen Teams zuzuschauen», lobte Barças Übervater. Das klang vielen Barça-Fans im Ohr, als Valverde 2017 den heutigen spanischen Nationaltrainer Luis Enrique beerbte, der 2015 das bislang letzte Triple Barças geholt hatte. Nun eifert Valverde ihm nach.

105 Siege in 116 Spielen

Die Skepsis, die in Barcelona hin und wieder durchschimmerte, wird allmählich grobkörniger. Die Mannschaft hat er auf seiner Seite, weil sie seine unaufgeregte Art schätzt, seine Neigung, alles zu entdramatisieren, die Spieler einzubinden und ihnen im Zweifel die Entscheidung auf dem Platz zu überlassen. Zwar attestierten ihm die radikalsten Puristen des «Cruyffismus» lange einen Stilbruch, weil er der Defensive einen höheren Stellenwert beimisst als diverse Vorgänger, weil er weniger auf Ballbesitz fixiert ist. Doch die Ergebnisse sprechen eine so formidable Sprache für Valverde wie seine bisherige Gesamtbilanz. Er hat bei Barça in 116 Pflichtspielen 105 Siege erzielt. Am Samstag verlor Barcelona in Vigo erst sein viertes Ligaspiel – in zwei Jahren. Und: Valverde hat wichtige Fürsprecher. Allen voran Lionel Messi.

Der Captain hatte sich kleinere Scharmützel mit beiden Triple-Trainern Barças geleistet, mit Pep Guardiola und mit Luis Enrique. Mit Valverde aber versteht er sich, weil dieser «sich nicht darum schert, zu transzendieren, weil er weder Grössenwahn noch Wichtigskeitsanfälle verspürt, sich nicht für den Wächter eines Stils hält, sondern alles macht, um zu gewinnen», so Messi.

Und heute? Barcelona muss in Liverpool ein 3:0 verteidigen – gegen einen Gegner, dem mit Salah und Firmino zwei Leistungsträger verletzt fehlen. Und doch warnte Valverde schon nach dem Hinspiel, dass man 2018 bei der Roma einen Dreitore-Vorsprung aus der Hand gegeben habe. Was nichts anderes bedeutete, als dass man vor nichts gefeit sei, weder auf dem Rasen noch im Leben.

Genau das sei es auch, was er mit der Kamera einfangen wolle, sagte er einmal. In Schwarzweiss, weil dem «etwas Poetisches, Mysteriöses» innewohne. Sollte er sich einmal selbst porträtieren, würde er anstreben, «den Grad an Verletzlichkeit, den wir alle haben», einzufangen, sagt Valverde. Und was sollte schon verletzlicher sein als eine Fussballmannschaft, so sehr sie oft in Technicolor geglänzt hat.

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