Ein Sekundenbruchteil veränderte ihr Leben

Olympiasiegerin

Die Triathletin Nicola Spirig ist ausgebucht. Zu den sportlichen und gesellschaftlichen Verpflichtungen kommen jetzt auch noch private. Die Athletin wurde schwanger, heiratete und kaufte ein Haus.

Das erste Trainingsgerät für den Nachwuchs: Die schwangere Nicola Spirig mit einem Kindervelo, das sie von einem Sponsor erhielt.

Das erste Trainingsgerät für den Nachwuchs: Die schwangere Nicola Spirig mit einem Kindervelo, das sie von einem Sponsor erhielt.

(Bild: Dominique Meienberg)

Hugo Stamm@HugoStamm

London, 4. August 2012, 12 Uhr: Die Zürcher Unterländer Triathletin Nicola Spirig sprintet dem Ziel entgegen, im Nacken ihre letzte Konkurrentin Lisa Nordén. Beide kreuzen auf die Zehntelsekunde gleichzeitig die Ziellinie. Ein Fotofinish, der um die Welt geht. Die Athletinnen schauen sich fragend an. «Gold medal for Switzerland», verkündet schliesslich der Speaker. Zentimeter entscheiden, ein Sekundenbruchteil, der ein Leben verändert. Das Leben von Nicola Spirig.

Ein halbes Jahr später. Die Olympiasiegerin sitzt auf der Betontreppe ihres neuen Hauses in Bachenbülach und erzählt von ihrem turbulenten Leben nach dem Olympiasieg. «Kannst du mal am Kabel ziehen», ruft ihr Mann, Reto Hug, aus dem Keller. Bevor er Triathlon-Profi wurde, war er Elektriker und erneuert nun in seiner Freizeit im ganzen Haus die elektrischen Installationen. Beruflich hat er das Amt des Chefs Sport bei Swiss Triathlon übernommen.

Zurückhaltend und beliebt

Nicola zieht das geschmeidige Zugkabel aus einer Buchse im ersten Stock. Drei Drähte sind daran geknüpft. «Langsam», ruft Reto Hug durchs Haus, «es klemmt.» «Beim Umbau bin ich Reto leider keine grosse Hilfe», bedauert Spirig. «Ich habe in vielen Bereichen Talente, aber handwerklich bin ich nicht sonderlich begabt.» Das Einrichten des Hauses liegt ihr besser.

Die Goldmedaille von London hat die vielseitige und attraktive Athletin in höchste Promi-Sphären katapultiert. An ihrem Erfolg nahm die ganze Schweiz teil, das Bild der strahlenden Zürcherin ging durch alle Medien. So sagt sie denn, wieder auf der Treppe sitzend, mit natürlicher Zurückhaltung: «Ich würde die Öffentlichkeit eher nicht suchen, wenn ich nicht Spitzensportlerin wäre.» Das Publikum belohnte die Ausnahmeathletin für ihre Leistung und liebenswürdige Art mit grossem Vorsprung mit dem Titel «Sportlerin des Jahres».

London war für Nicola Spirig eine Zäsur. Die Mission Olympia war geprägt von einem schier übermenschlichen Trainingseinsatz. Akribisch und perfektionistisch strebte sie die Medaille an. Doch mit dem Sieg begann für Nicola Spirig ein neues Leben: Waren ihre Tage vor Olympia schon viel zu kurz, sind sie es seither erst recht. Viele möchten mit ihr den Erfolg teilen und den Glanz des Goldes miterleben.

Empfänge und Ehrungen

Das drückt sich in Dutzenden Anfragen und Einladungen aus. Täglich. Schulklassen laden sie zu einem Gespräch ein, Firmen zu einem Referat; Veranstalter möchten sie für einen Event gewinnen, Journalisten für ein Interview oder eine Homestory; Gemeinden suchen eine prominente Rednerin für den 1. August, Sportgeschäfte wollen sie für eine Signierstunde gewinnen, Sponsoren die Zusammenarbeit mit ihr bei Events noch besser nutzen und vieles mehr. Ganz zu schweigen von all den Autogrammwünschen.

Dann sind da noch die Empfänge und Ehrungen, Verhandlungen mit Sponsoren, Fotoshootings. Mit Absagen tut sie sich schwer, diese lassen sich auch nicht mit einem raschen Mausklick erledigen. Obwohl ihre Eltern sie unterstützen, sitzt sie täglich oft mehrere Stunden am Computer und beantwortet jede Anfrage gewissenhaft.

Sind diese Verpflichtungen die Kehrseite der (Gold-)Medaille? Nein, nur die andere Seite, sagt Nicola Spirig. Sie gehöre zum Erfolg wie der Sieg. Sie weiss, dass sie als Olympiasiegerin Teil der Öffentlichkeit ist, und erfüllt die neuen Anforderungen gleich akribisch wie die Trainings. «Das bin ich mir, das bin ich den Fans, das bin ich den Sponsoren schuldig», sagt sie. Auch wenn ihr Leben als Olympiasiegerin anstrengend ist, so geniesst sie die öffentliche Aufmerksamkeit als Lohn für den jahrelangen entbehrungsreichen Kampf im Wasser, auf dem Rennrad und auf der Laufstrecke. «Ich habe ein spannendes Leben und mache wertvolle Erfahrungen», sagt die studierte Juristin.

Schwangerschaft und Heirat

Ein Teil ihrer Belastung ist allerdings «hausgemacht». Sie und ihr Lebenspartner Reto Hug nutzen den Höhepunkt ihrer Karriere, um eine Familie zu gründen: Sie kauften nach den Spielen ein Haus in Bachenbülach, Nicola wurde schwanger, und die beiden heirateten. All dies in sportlich ambitioniertem Tempo.

Doch nun kommt eine Grenze auf sie zu, die sie akzeptieren muss: Als baldige Mutter kann sie nicht mehr ihre eigene Managerin sein oder ihre Eltern weiter einspannen. Deshalb sucht sie eine Vertrauensperson, die sie in administrativen Belangen unterstützt. Die gewonnene Zeit soll ihrem Kind gehören.

«Wir freuen uns sehr auf unser eigenes Zuhause», erzählt die Olympiasiegerin, die schon ein markantes Bäuchlein vor sich her trägt. Dieses Zuhause soll ganz ihnen gehören, die Privatsphäre ist ihr wichtig, diese möchte sie vor allem auch für das Kind wahren. Interviews im eigenen Heim und Homestorys sind tabu.

Wie sieht der Terminplan aus? «Ende März sollten wir hier einziehen, doch wenn ich mich umschaue ...» Das entkernte Haus erinnert tatsächlich mehr an einen Rohbau als an einen Umbau. Fast alles wird neu: Der Grundriss, die Böden, die Decken, die Nasszellen, die Küche.

«Ich brauche Ende März im Minimum ein Zimmer und die Küche», sagt Nicola Spirig herzhaft lachend und zieht die Drähte aus der Wand, die dereinst das Schlafzimmer beleuchten helfen. Dann naht der Geburtstermin, dann soll fertig sein mit der Familien-WG. So nennt ihre Mutter Ursula Spirig die momentane Wohnform. Denn Spirig und Hug leben gezwungenermassen bei den Eltern von Nicola im Nachbardorf Winkel.

«Ihr Zimmer darf ich ihnen nicht zeigen», sagt ihre Mutter, Ursula Spirig, später bei einem Besuch in der Familien-WG. «Sie können sich ausrechnen, wie es aussieht, wenn ein komplizierter Haushalt auf ein paar Quadratmeter reduziert werden muss.» Dafür gewährt sie mit der Einwilligung ihrer Tochter einen Einblick in den Kellerraum. Berge von Fan-Geschenken stapeln sich. Schmuckstück ist ein kleines Holzvelo von Sponsor Erdgas. Dieser hofft wohl, dass der Nachwuchs früh seinen Eltern nacheifert. Sollten die Triathlon-Gene der beiden voll durchschlagen – Hug holte EM-Gold und WM-Silber –, kann der Spender in zwei bis drei Jahrzehnten auf eine weitere Goldmedaille aus dem Haus Hug-Spirig hoffen.

Ah ja, da sind noch Trainings. «Nur noch zwei täglich», relativiert Nicola Spirig. Vor London waren es drei. Die Schwangerschaft zwingt sie kürzerzutreten. Doch wie verkraftet ein Mensch das harte Training, wie geht sie mit den vielen privaten, gesellschaftlichen und sportlichen Verpflichtungen nach dem Olympiasieg um? «Der Sport ist mein Leben, auch wenn ich vielseitige Interessen habe. Ich liebe es, mir hohe Ziele zu stecken, und zu beobachten, wie weit ich Grenzen verschieben kann. Dies nicht nur im Sport, sondern in allen Lebensbereichen», antwortet die Athletin. «Was für andere Leute vielleicht eine Qual wäre, ist für mich eine willkommene Herausforderung.» So geniesst sie geradezu die reduzierten Trainings: «Es sind die einzigen Stunden im Tag, die ich ganz für mich habe. Ich kann Gedanken nachhängen und über unsere Zukunft nachdenken.»

Gold glänzt stärker als Silber

Doch was wäre, wenn Nicola Spirig den Spurt in London verloren hätte und die Medaille «nur» silbern glänzen würde? Wäre ihr Alltag heute weniger anstrengend? Ihr ist bewusst, dass zwischen Gold und Silber eine halbe Welt liegt. Sie ist erst die dritte Schweizer Sportlerin, die sich in den letzten 100 Jahren bei Sommerspielen Gold umhängen lassen konnte. «Hätte ich nicht gewonnen, würde mich heute die Frage verfolgen, was ich bei der Vorbereitung oder beim Wettkampf noch besser hätte machen können», sagt Nicola Spirig. «So kann ich das Thema abhaken, ich habe mir einen Traum erfüllt und kann mich anderen Zielen widmen.»

Und ein Rücktritt auf dem Höhepunkt der Karriere? Sie habe sich natürlich Gedanken in alle Richtungen gemacht, doch die Idee schnell verworfen. Zu sehr liebe sie den Sport. Sie mag nicht aufhören, nur weil sie das höchste Ziel erreicht hat. Rasch fand sie eine neue Herausforderung: die Leichtathletik-Europameisterschaften 2014 in Zürich. «Über 5000 Meter, vielleicht über 10'000 Meter oder die Marathon-Distanz», sagt Nicola Spirig. Marathon? Inzwischen traut man ihr alles zu. «Der Trainingsaufwand für reine Laufwettkämpfe ist etwas geringer als beim Triathlon, mir bleibt so mehr Zeit für die Familie», sagt sie und denkt dabei auch wieder an den Triathlon, ihrer wahren Liebe: Die nächsten Olympischen Spiele finden 2016 in Rio de Janeiro statt.

Tages-Anzeiger

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