Experiment Höhentraining

Ramona Kupferschmied setzt eine spezielle Idee um. Die 19-jährige Mountainbikerin übernachtet auf dem Niesen. Nicht aus romantischen Gründen, sondern zu Trainingszwecken.

Mountainbikerin Ramona Kupferschmied absolviert als Pionierin ein Höhentraining auf dem Niesen.
Peter Berger@PeterBerger67

Ein Vollmonddinner mit anschliessender Übernachtung – beim kulinarischen Angebot und beim Panoramablick kommen Gäste auf dem Niesen durchaus auf ihre Kosten. Doch Ramona Kupferschmied geht nicht deswegen täglich auf den 2362 Meter hohen Berg. Das 5-Gang-Menü lässt sie aus.

Sie bewältigt die 1670 Meter Höhenunterschied zwischen Mülenen und dem Kulm auch nicht joggend, wie es viele (Hobby-)Sportler tun oder Hanspeter Latour die Spieler des FC Thun schon tun liess. Sie benutzt auch nicht die 11'674 Stufen der längsten Treppe der Welt entlang der Bahn, um zum Berghaus zu kommen. Den Treppenlauf überlässt sie dem SC Bern in der Saisonvorbereitung, oder den vielen Athleten wie am 2. Juni beim Volkslauf. Das alles interessiert Kupferschmied nicht.

Sie will bloss oben übernachten. Die 19-jährige Mountainbikerin aus Spiez hat den «Hausberg» als Höhentraining auserkoren. «Mitte Juli haben wir in Andorra auf über 2000 Metern ein Weltcuprennen. Ich suchte nach einer Möglichkeit, mich akklimatisieren zu können», erklärt die U-23-Fahrerin.

Als Alternative stand zu Hause die Installation eines Höhenzeltes mit Generator zur Diskussion, was ihr nicht sonderlich komfortabel erschien. Viele Sportler schlafen indes in solchen Zelten mit verringertem Sauerstoffangebot und simulieren damit den Aufenthalt in der Höhe (siehe Infobox).

Rasche Zusage

«Dann kam die Idee mit dem Niesen», sagt Kupferschmied. «Der Berg ist mächtig und liegt direkt vor meiner Haustüre – er ist die bessere und komfortablere Variante.» Als Kupferschmied und ihr Vater Manfred bei Urs Wohler mit ihrer Idee vorstellig wurden, überlegte der Geschäftsführer der Niesenbahn nicht lange: «Wir haben schnell zugesagt.

Schliesslich bietet der Niesen nicht nur Kultur und Kulinarik, sondern ist auch ein Berg für Sportler.» So fährt Kupferschmied seit dem 7. Juni werktags mit der letzten Bahn um 17 Uhr hoch, am Wochenende um 19.30 Uhr. Nach der Übernachtung in einem Zimmer für die Angestellten, oder bei Vollbesetzung auch mal auf einer Matratze, fährt sie mit der ersten Bahn um 8.15 Uhr wieder ins Tal.

Nur wenn keine Gäste oder Mitarbeiter oben sind, darf sie aus Sicherheitsgründen nicht alleine im Berghaus sein. Fünfmal wird das bis zum 3. Juli der Fall sein. Für diese Ausnahmen weicht Kupferschmied auf die Alp Matten ob Reutigen aus.

«Live high, train low»

Kupferschmied hat sich für die Variante «live high, train low» (In der Höhe wohnen, im Tal trainieren) entschieden, «weil ich ja noch arbeiten muss und meine Lehrabschlussprüfungen anstanden.

Deshalb war auch ein Höhentraining im Engadin kein Thema», sagt die Absolventin des Sportler-KV. Bevor Kupferschmied das Experiment in Angriff nahm, liess sie bei ihrer Ärztin eine Blutanalyse vornehmen. Am Ende wird dies erneut gemacht, um feststellen zu können, wie sich die roten Blutkörperchen vermehrt haben.

«Wir sind froh, wird das Experiment ärztlich begleitet», sagt Wohler. Der CEO kann sich durchaus vorstellen, dass Pionierin Kupferschmied Nachahmer finden wird, die den Niesen ebenfalls dem Zelt vorziehen werden. Wohler denkt dabei an die vielen aktiven Spitzenläufer und Skilangläufer im Oberland.

«Ich schlafe sehr gut. Und im Training im Tal fühle ich mich fit.»Ramona Kupferschmied

Kupferschmied ist überzeugt von ihrem Abenteuer. «Ich schlafe sehr gut. Und im Training im Tal fühle ich mich fit.» Ob die Übernachtungen die gewünschte Wirkung erzielen, wird sich am 15. Juli in Andorra weisen.

Die beste Berner Nachwuchsbikerin möchte die bereits einmal erfüllte WM-Limite (Top 25) nochmals bestätigen. Und nach den Heimtitelkämpfen in der Lenzerheide im September hat sie sich auch ein 5-Gang-Menü auf dem Niesen verdient.

Berner Zeitung

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