«Ich sehne mich nach Liebe»

Iouri Podladtchikov erlitt im Januar eine Hirnblutung. Nun ist er auf dem Weg zurück und erzählt, wie ihn die Verletzung innerlich beinahe explodieren liess.

«Wenn ich jemals aufhöre, dann mit einer hohen Note»: Iouri Podladtchikov machte sich Gedanken zum Rücktritt. Foto: Fabienne Andreoli

«Wenn ich jemals aufhöre, dann mit einer hohen Note»: Iouri Podladtchikov machte sich Gedanken zum Rücktritt. Foto: Fabienne Andreoli

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Iouri Podladtchikov hat Angst. Angst vor Fragen, auf die er keine Antwort weiss. Also lehnt er über Monate Interviewanfragen ab – eine, zwei, drei. Mitte August geht es schnell. Anfrage, dann innert Minuten die Zusage, Podladtchikov hat Antworten gefunden. Bei einem Sturz im Januar schlägt er schwer mit dem Kopf auf und erleidet eine Hirnblutung, er muss auf die Olympischen Spiele in Südkorea verzichten und kann seine Goldmedaille nicht verteidigen. Podladtchikov kann während Wochen keine zwei Buchseiten mehr lesen, einfache Dinge werden zu grossen Aufgaben – die Karriere ist in der Schwebe. Ärzte sagen ihm, wenn er in dieser Verfassung noch einmal auf den Kopf falle, stehe er nicht mehr auf.

Sieben Monate später sitzt Podladtchikov auf dem Sechseläutenplatz. Er redet und redet, schweift ab und findet zurück. Er scheint wieder der Alte zu sein.

Wie kuriert man eine Hirnblutung?
Ich machte viele Tests. Es ging darum, zu schauen, was das Hirn bereits wieder leisten kann. Ich sagte den Ärzten: «Mein Sport verzeiht mir nichts. Vergleicht mich darum mit einem Jetpiloten.» Alle haben mich angelächelt. Doch es war mein Ernst: Wenn ich noch einmal in einen Jet einsteige, darf nichts Falsches geschehen. Wenn ich meinen Körper auf dem Brett nicht steuern kann, weil wir bei der Genesung etwas übersehen haben, wäre das fahrlässig – und ich bin nicht fahrlässig. Es muss alles wieder stimmen.

Stimmt alles?
Heute fühle ich mich fast wie vor dem Unfall. Ich hatte grossen Respekt vor den Nachwirkungen. Ich war extrem schnell gereizt, konnte kaum lesen und brauchte viel mehr Schlaf als vorher. Der grösste schwarze Fleck auf dem MRI war im Grosshirn zu sehen, das für die emotionalen Dinge zuständig ist, in diesem Bereich ist die Empathie zu Hause. Die Ärzte vermuten, dass hier Veränderungen geschehen sein könnten.

Wurden Sie zum Soziopathen, der keine Empathie zeigen kann?
Im Gegenteil. Ich war eine Zeit lang gereizter, bin manchmal innerlich fast explodiert, aber gegen aussen bin ich weniger ausgerastet und bin ich gelassener geworden. Gewissen Sachen, die mich früher nervten, gehe ich heute aus dem Weg. Ich bin heute weniger konfrontativ.

Sie rissen sich 2017 das Kreuzband. Welche Verletzung war härter: Kopf oder Knie?
Die zwei Verletzungen kann man nicht miteinander vergleichen. Der Kreuzbandriss war einfach ein beschädigtes Knie, das durch eine Operation repariert wurde. Die Kopfverletzung ist viel komplizierter, es ist schwieriger, mit ihr umzugehen. Der Kopf ist so etwas wie das Herz, der Antrieb, der Ursprung. Ich konnte auch im Januar noch in der Pipe fahren, doch es fehlte etwas, es funktionierte nicht alles vollständig. Darum war die Kopfverletzung zu Beginn viel härter – mein Leben stand auf dem Spiel. Durch beide Verletzungen durfte ich aber viel über mich lernen.

Was denn?
Vor der Knieverletzung hatte ich gedacht, dass ich mittlerweile sehr professionell arbeite. Doch erst nach einem Kreuzbandriss erfährst du, was harte Arbeit ist. Ein Kreuzbandriss ist wie links und rechts geohrfeigt zu werden. Jeden Tag fühlte ich mich wie auf einer Baustelle, es war einfach pure, harte Arbeit.

«Ich lebe in einer anderen Welt. 
Ich bin völlig am Rand. Ein 
Aussenseiter.»

Was lernten Sie beim Kopf?
Wie zentral der Kopf ist und wie wenig wir ihn kontrollieren können. Die Heilung war keine Frage des Aufwands, sondern eher eine der Geduld. Ich wollte immer alles wissen, wollte verstehen, was dieser schwarze Fleck auf dem MRI bedeutet. Ich wollte wissen, welche Fähigkeiten ich verloren haben könnte. Die Neurologen sagten dann: «Können wir nicht genau sagen.» Sie erzählen dir, wie schnell die Hirnzellen sich wieder erneuern können, manchmal dauere es aber auch vier Jahre, bis gewisse Dinge wieder funktionieren. Das machte Angst. Ich glaube, die Neurologen sind ein bisschen neidisch auf die Kniespezialisten. Sie können dir nichts Stichfestes sagen, sie laufen ein bisschen im Blauen herum und deuten, was sie sehen – sie sind wie Philosophen.

Podladtchikov hat nicht nur seine Hirnblutung kuriert, er hat seinen Körper generalüberholt. Ärzte operieren seine beim Sturz gebrochene Nase. Dafür nehmen sie Knorpel aus dem linken Ohr, weil jener aus dem rechten beim letzten Nasenbeinbruch gebraucht wurde. Ein Eingriff mit Folgen: Podladtchikov ist Linksschläfer und schläft plötzlich schlecht, das Ersatzteillager linkes Ohr macht Probleme. Überhaupt das Schlafen: Der 29-Jährige knirscht seit Jahren mit den Zähnen, sodass oft Kopf und Nacken schmerzen. Ein Arzt sagt ihm vor Jahren: Wenn er so weitermache, habe er Mitte 30 keine Zähne mehr. Podladtchikov lässt sich im Frühling eine Schiene fertigen, die dem Knirschen vorbeugt.

Und dann ist da noch der Fuss. Seit zehn Jahren machte er Probleme, seit 2013 ernsthafte. Podladtchikov nimmt mehrere Jahre Schmerzmittel, macht zuletzt gar Stammzellenkuren – hilft alles nichts. Auch hier: eine Operation. Nun ist Podladtchikov repariert, der Motor läuft wieder, Ende September will er wieder in bester Verfassung sein.

Glauben Sie wieder an sich?
Ich hatte gewisse Momente nach der Kopfverletzung, in denen ich alles infrage stellen musste. Die Sache mit dem Kopf kann man vergleichen mit der Situation, wenn du weit weg gehst und plötzlich Heimweh spürst. Etwas fehlt. Und du fragst dich, ob es sich bei der Rückkehr wieder so anfühlt wie bei der Abreise. Ich hatte einen riesigen Glücksmoment, als mir klar wurde: Mir fehlt gar nichts, ich spüre keinen Unterschied mehr zu früher. Das war unbeschreiblich. Zugleich spüre ich in mir diese Sehnsucht nach dem Auftritt, nach der Performance. Ich sehne mich nach der Aufmerksamkeit und Liebe der Leute. Das fehlte mir plötzlich enorm, ich will es wieder leben.

Darum sprangen Sie im Sommer mit einem Auerbach aus 20 Metern in die Maggia?
Ich brauchte diesen Moment, diesen Kick, diese Überwindung. Es war mein persönlicher Rekord, ich sprang schon aus 13 Metern, noch nie aber aus 20.

Ebenfalls sprangen Sie nackt von einem Felsen, filmten und teilten es in den sozialen Medien. Weshalb?
Wir sind dort vier Stunden hochgewandert, und ich hatte unglaubliche Lust auf diesen Sprung. Nackt in einen eiskalten Bergsee zu springen, ist für mich das ultimative Gefühl von Freiheit.

Es scheint, Sie können nicht ohne Aufmerksamkeit leben.
Wenn du verletzt bist und im Sommerloch steckst, dann bist du weit weg von all dem Aufregenden, was in Zukunft passieren wird. Du bist komplett irrelevant, niemand interessiert sich für dich. Es ist hart. Ich kann gar nichts dafür, dass ich mich so fühle. Wenn die Menschen dir so viel Aufmerksamkeit schenken in vier, fünf Monaten im Jahr, dann kannst du schlecht damit umgehen, wenn alle Aufmerksamkeit weg ist. Bei Verletzungen ist es noch einmal schlimmer. Ich glaube, das ist nur menschlich.

Sind Sie einsam?
O ja!

Weshalb?
Je besser du in einer Sache wirst, umso weniger nimmst du am richtigen Leben teil. Es ist unglaublich, wie viele Opfer wir bringen – der Weg ist trotzdem wunderschön. Aber: Du hast sozusagen kein richtiges Leben mehr: Du trainierst, bist weg, lebst immer wieder in einer Blase. Ich verabschiede mich stetig vom Leben als Gesellschaftsmensch. Das soziale Leben schwindet. Gönne ich mir und meinem Körper eine Pause, meinen die Menschen, der Podladtchikov mache ja nichts. Dabei verbringe ich in erster Linie die Zeit mit Erholen, weil mir alles wehtut. Ich lebe in einer anderen Welt, die für diese Welt manchmal schwer zu verstehen ist. Ich bin völlig am Rand, ein Aussenseiter.

Sie ein Aussenseiter?
Sicher.

Wer umarmt Sie?
Mein Trainer. Und ein paar andere Leute. Aber sie werden weniger.

Die Fans aber, die bleiben. Ein Bub fragt ihn auf dem Sechseläutenplatz nach einem Autogramm. Auf das Ronaldo-Leibchen oder auf den Pizzakarton? Auf den Karton. Die Anteilnahme der Menschen hat ihn diesen Frühling beinahe erdrückt: Liegt er an der Sonne, sitzt er im Café – die Leute sprechen ihn auf die Verletzung an, dass es ihnen leid tue, dass sie alles Gute wünschten. Podladtchikov hat das Gefühl, die Menschen würden ihm kondolieren, als sei jemand gestorben. Er geht den Leuten aus dem Weg, meidet öffentliche Anlässe. Podladtchikov will bewundert werden, nicht bemitleidet. Gleichzeitig wachsen in ihm neue Ziele. Er überlegt sich, an den Olympischen Sommerspielen 2020 mit dem Skateboard zu starten. Doch Priorität hat das Snowboard, erst die WM 2019, später Olympia 2022.

Glauben auch die Menschen wieder an Sie?
Ein paar haben den Glauben verloren, das spürst du sehr schnell.

Tut das weh?
Das ist für mich reine Motivation. Wenn du Olympiasieger bist, dann interessiert sich niemand mehr für Weltcupsiege. Sie werden in der öffentlichen Betrachtung zu Grümpelturniersiegen. Das schmerzt, denn für mich ist jeder Sieg ein grosser. Sie haben vorhin den Glauben an mich angesprochen. Den töten die Leute nicht aus mir heraus. Nach den Verletzungen spüre ich auch, dass ich mit meiner Geschichte auch anderen Leuten Glauben schenken kann. Tausende Mütter schrieben mir …

… Tausende?
Ich neige zu Übertreibungen. Über hundert waren es schon. Sie schrieben und dankten mir. Sie können jetzt ihren Kids sagen: «Nimm dir Zeit auf dem Weg zurück.» Ich bin da ein bisschen ein Vorzeigepeter, und es freut mich extrem, dass die Menschen auf meine Ratschläge hören.

Viele Leute sagten nach der Hirnblutung: Der Iouri hört auf.
Ich wusste tatsächlich nicht, wie es weitergeht. Nach dem Olympiasieg war es ähnlich. Ich habe mich gefragt: Was kommt jetzt? Da bin ich in ein Loch gefallen. Doch die Lust auf die Pipe und auf die Performance hat mich weiter angetrieben. Das ist auch jetzt der Fall. Jede Verletzung ist ein Fehler, und ich muss jeden Fehler korrigieren. Ich höre nicht mit einem Fehler auf. Wenn ich jemals aufhöre, dann mit einer hohen Note. Das ist mir extrem wichtig. Ich brauchte zudem eine gewisse Zeit, um zu merken, wie wichtig mir das Snowboarden ist – viel wichtiger als das Fotografieren oder das Skateboarden. Wenn mich das Snowboarden erfasst, beginne ich zu träumen, von einer nicht einsamen Welt.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 31.08.2018, 22:49 Uhr

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