«Abkürzung? Noch nie erlebt»

Marcel Hug gilt als bester Rennrollstuhlfahrer der Welt. Der 31 Jahre alte Innerschweizer hat im Vorjahr bei den Paralympics in Rio Gold über 800 Meter und die Marathondistanz geholt. Vor der WM in London spricht Hug im Interview über die Eigenheiten seiner Sportart.

Die WM im Blickfeld: Rennrollstuhlfahrer Marcel Hug tritt in London als Favorit an.

Die WM im Blickfeld: Rennrollstuhlfahrer Marcel Hug tritt in London als Favorit an.

(Bild: Keystone)

Sind Sie eigentlich Sprinter oder Marathonspezialist?Marcel Hug: Ich sehe mich als Mittel- und Langstreckenfahrer, der einen guten Endspurt hat. Sprintqualitäten sind in unserer Sportart von Vorteil; egal, über welche Distanz.

Gibt es Unterschiede in der Technik zwischen Strassen- und Bahnrennen?Nicht gross. Im Marathon kommt es sicher noch mehr auf die Kurventechnik drauf an, auf der Bahn sind es ja immer die gleichen Radien, die wir fahren müssen.

Wie unterscheidet sich das Bahn- vom Marathontraining?Die Umfänge auf der Strasse sind höher. Vor den grossen Marathons streue ich persönlich jeweils eine Intensivwoche ein, in der ich vier oder fünf ganze Marathondistanzen am Stück fahre, indem ich Runde um Runde um den Sempachersee fahre. Das sind dann rund 300 Kilometer in sieben Tagen. Nach so einer Woche weiss ich, dass ich bereit bin.

Geben Sie uns einen Einblick: Wie sieht eine typische ­Trainingswoche aus?Ich trainiere sechs Tage die Woche, jeden Tag ein- bis dreimal, 25 bis 30 Stunden pro Woche. Dazu kommt zwei- bis dreimal ein Krafttraining.

«Drei, vier Jahre sollte ein Rollstuhl schon halten.»

Ist Rollstuhlfahren eher Kraft- denn Ausdauersport?Am besten ist eine Mischung aus Kraft und Ausdauer. In der Technik gibt es da zwei Ansätze. Es gibt Fahrer, die eine niedrige Anstossfrequenz pro Minute haben, dafür mehr Kraft pro Stoss anwenden. Das sind dann eher die kräftig gebauten Athleten wie ich. Dabei profitiere ich davon, dass ich lange Arme habe, was vermutlich auch ein Grund für meinen Erfolg ist. Und dann gibt es Athleten, die eine höhere Frequenz fahren, dafür weniger Kraft aufwenden. Heinz Frei (Schweizer Rollstuhlfahrer und Weltrekordhalter über die Marathondistanz; die Red.) fährt so.

Wie teuer ist ein Rennrollstuhl?Das ist abhängig vom Modell, ob der Rollstuhl aus Carbon besteht oder, wie meiner, eine Mischung aus Carbon und Aluminium ist. Mit den Rädern und allem Drum und Dran: 10'000 Franken.

Wie lange hält ein Rollstuhl?So lange, bis er auseinanderbricht (lacht).

Ist Ihnen das schon mal passiert?Mir nicht, aber bei anderen Athleten kam das schon vor. Drei, vier Jahre sollte ein Rollstuhl schon halten. Ich bekomme jede Saison das neuste Modell von meinem Materialsponsor, ich mache mir keine Sorgen.

Und wie wird gelenkt?Auf der Bahn haben wir den Bahnregulator. Sobald wir in die Kurve gehen, müssen wir diesem einen Schlag geben, dann stellt sich das Rad automatisch auf den Radius der Kurve ein. Wenn man aus der Kurve fährt, gibt man auf der anderen Seite wieder einen Schlag – und schon gehts geradeaus. Den Kurvenradius muss man vor einem Wettkampf einstellen, der ist dann fix. Auf der Strasse gibts den klassischen Lenker, da steuert man manuell.

«Den Kurvenradius am Bahnregulator muss man vor einem Wettkampf einstellen, der ist dann fix.»

Wie ist es mit kleinen Anpassungen, zum Beispiel, wenn Sie überholen und an einem Konkurrenten vorbeiziehen möchten?Dort reicht es dann, wenn man mit dem Oberkörper ausgleicht oder auf der einen Seite ein wenig mehr Kraft aufs Rad gibt.

Gibt es Stürze bei den Rennen?Ja, vor allem bei den Marathons, wenn man die Kurve nicht erwischt oder zu nahe aneinander vorbeifährt. Auch auf der Bahn können Fahrfehler passieren.

Die typische Rennrollstuhl­fahrer-Verletzung?Wenn man stürzt, dann kanns ­üble Schürfwunden geben, hab ich auch schon erlebt. Sonst natürlich die klassischen Überbelastungen in den Gelenken.

Und das Einklemmen der Finger in den Rädern?Da sorgen die Handschuhe dafür, dass das nicht passieren kann. Das Handgelenk überdrehen, das kann hingegen vorkommen.

Kann es zu Defekten kommen?Ein platter Reifen ist der Klassiker, kommt ab und zu mal vor.

Haben Sie bei langen Trainingsausfahrten Werkzeug dabei?Nein, da bei langen Trainings meistens jemand dabei ist, der helfen könnte. Ich habe auch ­immer mein Handy dabei – und sonst fahre ich halt mit einem Platten heim.

Welche Geschwindigkeit erreichen Sie im Schlussspurt eines Rennens?37 Stundenkilometer hat man da schon drauf auf der Bahn.

Zum Thema Beine verstauen: Wird mehr auf den Komfort oder die Aerodynamik geachtet?Die Sitzposition sollte so kompakt wie möglich sein. Ich selber knie im Rollstuhl, von den Winkeln und der Kraftübertragung auf die Räder muss das perfekt abgestimmt sein.

«37 Stundenkilometer hat man da schon drauf auf der Bahn.»

Das hört sich nicht sonderlich bequem an.Stimmt, aber es kommt auch drauf an, wie gut man seine Beine noch spürt. Es gibt Athleten, die haben ein relativ gutes Gefühl in den Beinen, und die sind nach einem Marathon froh, wenn es vorbei ist. Dann gibt es solche, die wirklich nichts mehr spüren.

Wie fühlen sich Ihre Beine nach einem Marathon an?Es ist schon schön, wenn ich nach eineinhalb Stunden aus dem Rollstuhl steigen und meine Beine wieder entlasten kann.

Ist der Muskelkater einen Tag nach einem Rollstuhlrennen ­also in den Beinen schlimmer als in den Armen?Nein, nein, in den Beinen habe ich kaum je Muskelkater. Im Oberkörper schon eher.

Können Sie vom Sport leben?Ja, das geht. Letztes Jahr gewann ich alle grossen Städtemarathons, da konnte ich sogar noch etwas auf die Seite legen für spätere Zeiten. Ausserdem profitiere ich von Sponsorengeldern.

In welchem Rahmen bewegen sich die Preisgelder?Für den Sieg beim Boston Marathon – es handelt sich um ein Rennen der Marathon-Majors – bekam ich beispielsweise 20'000 Dollar.

Gibt es ein Dopingproblem in den paralympischen Sportarten?Ja, das Doping ist schon ein Thema, wir werden regelmässig kon­trolliert. Und es gab auch schon Dopingfälle in der Vergangenheit in unserer Sportart.

Inwiefern kann man beim Rollstuhlfahren mogeln? Gibt es ­Abkürzungen? Oder eingebaute Motoren?Eine Abkürzung nehmen? Das habe ich bisher noch nie erlebt (lacht). Und auch, dass jemand mit Motor gefahren sein soll, hats noch nie gegeben, denke ich.

«Letztes Jahr gewann ich alle grossen Städtemarathons, da konnte ich sogar noch etwas auf die Seite legen für spätere Zeiten.»

Also ist der Behindertensport frei von Mogelei.Nein, das nicht. Bei den Tetraplegikern, also bei denen, die noch stärker gelähmt sind als wir in unserer Kategorie, gibt es das sogenannte Boosting. Diese Athleten spüren keinen Schmerz, wenn sie nicht auf die Toilette gehen, obwohl sie eigentlich müssten. Aufgrund der Unterdrückung des Drangs steigt der Blutdruck – und dadurch kann mehr geleistet werden. Dies ist gesundheitlich sehr gefährlich, aber bringt halt einen Schub in der Performance. Darum ist es verboten und wird beim Wettkampf entsprechend getestet.

Wird während eines Rennens diskutiert? Gibt es Trashtalk?Mal mehr, mal weniger. Zum ­Beispiel kommt es schon auch zu Diskussionen im Feld, wenn einer keine Führungsarbeit leistet und nur hinten dranhängt. Das wird nicht gerne gesehen.

Werden auch mal die Ellen­bogen ausgefahren im Endspurt? Oder kommt es vor, dass einer dem anderen den Weg versperrt?Sicher, das Reglement lässt da auch gewisse Sachen zu; zum Beispiel, dass man sich besonders breit macht und so den Konkurrenten ein Stück weit den Weg versperrt. Aber normalerweise geht es bei uns ziemlich fair zu und her.

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