«Das ist das beste Gefühl, das man haben kann»

Der Holländer Michael Van Gerwen wird zum dritten Mal Darts-Weltmeister und sichert sich ein Rekord-Preisgeld. Verlierer Michael Smith muss ohne Pokal zum Altar schreiten.

Ihn kann keiner stoppen: Michael Van Gerwen schlägt Michael Smith im Darts-WM-Final.

Ihn kann keiner stoppen: Michael Van Gerwen schlägt Michael Smith im Darts-WM-Final.

(Bild: Keystone)

Ruhe kehrte ein im Alexandra Palace, in dem während den Weltmeisterschaften im Darts quasi sonst bis zum Umfallen gefeiert wird. Die Zuschauer mussten einsehen, dass sich am Ausgang des Finals zwischen Michael van Gerwen, 29, und Michael Smith, 28, nichts mehr ändern lassen würde.

Knapp zwei Stunden hatten die rund 3000 Leute ihren Ally Pally in eine Spielhölle verwandelt und sich dabei gänzlich ungeniert hinter Smith aus St Helens bei Liverpool gestellt, um wie im Vorjahr beim überraschenden Triumph von Rob Cross einen Heimsieg bejubeln zu können.

Aber als sich für van Gerwen die Möglichkeit auftat, mit einem Treffer auf das Feld der Doppel-16 das Endspiel zu beenden, gaben die Zuschauer, die es mit Smith hielten, die Unterstützung letztlich auf. Fast schweigend verfolgten sie, wie sich van Gerwen mit dem zweiten Pfeil, seinem dritten Match-Dart insgesamt, um 22:07 Uhr Ortszeit zum neuen Weltmeister warf.

Der Premierminister gratuliert am Telefon

Beim 7:3 über Smith im best-of-13-Modus ausgetragenen Finale bewies van Gerwen als seit fünf Jahren dauerhafter Weltranglistenerster einmal mehr seine Überlegenheit im Darts. Das erste Endspiel zweier Spieler unter 30 Jahren seit 1983 geriet statt des erhofften Spektakels mit Volltreffern en masse zu einem Fehlerspiel, bei dem Smith die Bedeutung seiner ersten Finalteilnahme nicht verbergen konnte.

«Ich wusste, dass er nervös sein würde und habe das gegen ihn ausgenutzt. Ich habe die richtigen Dinge zur richtigen Zeit gemacht», sagte van Gerwen. Durch seinen dritten WM-Erfolg nach den Titelgewinnen der Auflagen 2014 und 2017 rückt er in der Bestenliste auf den vierten Platz vor. Über ihm befinden sich lediglich noch Taylor (16 Titel), der im April verstorbene englische Altmeister Eric Bristow und van Gerwens niederländische Landsmann Raymond van Barneveld (beide fünf Titel).

«Das ist das beste Gefühl, das man haben kann», erklärte van Gerwen: «Vermutlich hätte ich hier schon häufiger triumphieren müssen. Trotzdem ist es grossartig, mich dreimaliger Weltmeister nennen zu dürfen. Jetzt ist Zeit für einen wohlverdienten Urlaub.»

Neben dem 25 Kilogramm schweren Pokal, benannt nach dem britischen Darts-Kommentator Sid Waddell, bekam der frühere Fliesenleger zu seinen bisher an Preisgeld eingespielten sechseinhalb Millionen Pfund den Rekordscheck für den Sieger von einer halben Million Pfund überreicht. Im Konfetti hielt er die Trophäe über seinen Kopf, als hätte sie das Gewicht eines Dartspfeils. Am Telefon gratulierte der niederländische Premierminister und seine Verlobte, die das Spiel zuhause mit dem Sohnemann verfolgte.

Die Bierdusche zum Turnierstart

Mit seinem 20. Turniersieg der Saison hat es van Gerwen am Neujahrsabend nicht nur sich selbst gezeigt, sondern gleichermassen seinen Konkurrenten und dem Publikum, das für ihn ein weiteres Hindernis auf dem Weg zum Sieg darstellte. Im Halbfinale des Vorjahres hatten ihn Buhrufe aus der Menge bei seinen Fehlwürfen aus dem Rhythmus gebracht und eine schmerzhafte Niederlage gegen den späteren Weltmeister Rob Cross eingeleitet.

An dieses Erlebnis wurde van Gerwen bei der Begrüssung zum diesjährigen Turnier erinnert. Vor dem Einlaufen zu seinem ersten Spiel bekam er eine Ladung Bier über sein Shirt geschüttet – mit Tränen in den Augen kehrte van Gerwen nach einem Kleidungswechsel auf die Bühne zurück. In jedem weiteren Duell musste er damit zurechtkommen, dass sich das Partyvolk ganz in den Dienst des jeweiligen Aussenseiters stellte, am offensichtlichsten im Finale. Das Vorhaben seines Gegners war nämlich kaum zu toppen.

Als amtierender Weltmeister wollte Michael Smith nämlich am kommenden Samstag seine langjährige Lebensgefährtin heiraten, mit der er zwei kleine Söhne hat. Das Vorhaben stiess naturgemäss auf Gegenliebe im Publikum, das auf aussergewöhnliche Lebensgeschichten mindestens genauso steht wie auf ein gutes Dartsspiel. Mit dem Pokal in der Hand hatte sich Smith ausgemalt, zu seiner Einlaufmusik Shut Up and Dance zum Alter zu schreiten, an dem seine Freundin auf ihn warten sollte.

Sein eigentlich grösster Erfolg, das Erreichen des WM-Finals, geriet aufgrund seines nun nicht mehr umsetzbaren Plans zu seinem grössten Misserfolg. «Mir tut das so leid. Ich habe das Gefühl, dass ich jeden hängen gelassen habe, aber ich griff zu verbissen nach meinem Traum und habe es vermasselt», schrieb Smith auf Twitter.

Ihm fiel es sichtbar schwer, die eigenen Emotionen zu verbergen, beim Verlassen des Podiums brach die Enttäuschung schliesslich aus ihm heraus. Mehrmals schüttelte Smith mit dem Kopf und hielt seine Arme entschuldigend nach oben: «Ich habe alles versucht, das Spiel umzudrehen. Hinter der Bühne habe ich in der Pause auf die Wand eingeschlagen. Ich denke, ich habe mir die Hand gebrochen.»

Smiths grosse Enttäuschung

Mit 15 Jahren kam Smith zum Darts, weil er ein wegen einer kaputten Hüfte nach einem Radunfall ein halbes Jahr kein Sport machen durfte. Dem Vernehmen nach soll er auf Krücken damals seine erste Höchstpunktzahl 180 geworfen haben. Die Ausbildung zum Tischler brach Smith, dessen Spitznamen Bully Boy, Schlägertyp, auf seine Arbeit als Jugendlicher im Kuhstall zurückführt, am Prüfungstag ab, um bei einem Dartsturnier teilnehmen zu können.

An Heiligabend 2009 rutschte er auf Glatteis aus und brach sich beide Handgelenke. Die viermonatige Pause sensibilisierte den nichts gerade trainingseifrigen Smith, sein Naturtalent im Darts zu pflegen. Über Jahre hinweg half ihm als Mentor der zweimalige Weltmeister Gary Anderson, der am Finaltag trotz seines Aus im Halbfinale gegen van Gerwen moralische Unterstützung leistete.

«Das war mein erstes Finale und ich kann garantieren, dass es nicht mein letztes sein wird», sagte Smith: «Ich habe den Pokal während des Spiels stets im Auge gehabt und gefühlt: der gehört mir. Das war zu viel.» Für den zweiten Platz erhielt Michael Smith immerhin eine Miniaturausgabe der Siegertrophäe – aber der kleine Pokal wird bei der Hochzeitsfeier wohl eher zuhause bleiben müssen.

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