Das stärkste Dorf der Schweiz

Gewichtheben ist eine Domäne jurassischer Gemeinden, das zeigen die jüngsten Schweizer Meisterschaften. Eine Reportage zwischen Muskelkraft und roten Gesichtern.

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Christian Zürcher@suertscher

Tramelans Yannick Sautebin greift die Hantel. Die 150-kg-Ladung Eisen wartet darauf, in die Höhe gewuchtet zu werden. Von der Hocke geht es ruckartig in den Stand, Sautebin reisst die Arme nach oben, das Eisen über den Kopf. Muskeln, Adern, sie scheinen zu explodieren. Das Gesicht verzieht sich zur Fratze – Gewichtheben sieht nicht nach Spass aus. Sautebin lässt die Hantel fallen, sie knallt krachend zu Boden. Der 26-Jährige lacht, er weiss, seine Mannschaft hat gegen das Team von Moutier gewonnen, zum vierten Mal in Folge sind sie Schweizer Mannschaftsmeister im Gewichtheben.

Tramelan, das ist das Bayern München des Schweizer Gewichthebens, das stärkste Dorf der Schweiz. Eine 4400-Leute-Gemeinde, oberhalb von Biel im Berner Jura gelegen, 900 Meter über Meer, abseits der mondänen Welt. Die Randsportart abgedrängt in eine Randregion der Schweiz. Früher, als es der Uhrenindustrie noch gut ging, lebten beinahe 6000 Menschen hier. Heute wandern sie ab. Doch der Gewichtheberverein, der bleibt. Seit 50 Jahren gibt es ihn, und er bringt immer wieder junge Talente hervor. Der Vizepräsident des Schweizer Gewichtheberverbands mutmasst, es gebe eben hier hinten nicht so viele Möglichkeiten für die Jungen. Philippe Lauper, Tramelans Clubpräsident, widerspricht: Sie hätten in der Gemeinde harte Konkurrenz – Fussball und Eishockey. Mittels Werbung in Zeitung und Radio, aber auch mit der starken Präsenz im Dorf könne man immer wieder junge Leute für den Sport gewinnen.

Schauplatz des Meisterschaftsfinales ist eine Turnhalle, so alt, dass der Verputz von den Wänden bröckelt. In deren Mitte steht eine Matte, um sie herum sitzen 50 Zuschauer, die den Nachmittag mal klatschend, mal beobachtend, mal auf ihrem Handy tippend verbringen. Der Reihe nach kommen die Gewichtheber in die Mitte und versuchen sich im Kampf gegen die Schwerkraft. Die Regel ist einfach: Jeder Heber hat sechs Versuche, drei beim Reissen (direkt vom Boden in die Luft), drei beim Stossen (mit Zwischenlagerung auf der Brust).

Gewichtheben und der Basar

Das Gewichtheben ist vergleichbar mit einem Basar. Der Schwerathlet bietet für den Sieg. Nur dass der Bieter nicht mit Geld, sondern mit Muskelkraft bezahlt – und vielleicht mit einem kaputten Rücken. Der Heber mit dem kleinsten Gebot beginnt. Er sagt sein gewünschtes Gewicht, reibt sich seine Hände mit Magnesium ein, ein Trainer massiert ihm die Schultern, gibt ihm einen Schuss Tamol, eine pfefferminzartige und mit Alkohol versetze Flüssigkeit – es soll wach machen. Dann der Reihe nach: Matte betreten, die drei Kampfrichter grüssen, tief einatmen, Hantel greifen, der Trainer ruft «Explodier!», reissen, «Yeah!», die Hantel krachen lassen. Das Gewicht wird sukzessive erhöht, am Ende hebt nur noch Sautebin. Doch bei 155 Kilogramm ist auch für ihn Schluss, er sackt unter der Last der Hantel zusammen, muss seinen letzten Versuch abbrechen.

Zur gleichen Zeit stösst der Kasache Ilja Iljin an der Weltmeisterschaft in Almaty 242 Kilogramm (Weltrekord!). Wenn Iljin die gängigen Vorurteile von Gewichthebern bedient – dick, grimmig (Iljin war mal in eine Messerstecherei verwickelt), unglaublich stark; dann bricht Sautebin mit ihnen: schlank, agil, entspannt. Ist man von den Leistungen der Heber in Tramelan angenehm angetan, dann wächst Skepsis ob den Gross-taten der Figuren aus allerlei Ländern des Ostens an der WM. Selbst Tatjana Kaschirina, die stärkste Frau der Welt und ein Bär von einer Dame, wuchtet mehr Gewicht in die Höhe, als Sautebin es am Wochenende tat.

Ruft man sich ins Gedächtnis, dass Gewichtheber in sportartenübergreifenden Dopingrankings immer wieder Spitzenplätze belegen, dann ist der Gedanke «Die machen was» nicht ganz abwegig. Auch Sautebin setzt hinter gewisse Leistungen «Fragezeichen», sagt aber: «Ich denke nicht, dass in der Schweiz jemand dopt.» Einerseits lohne sich das nicht, anderseits gebe es immer wieder unangekündigte Kontrollen von Swiss Olympic.

Normalerweise kämpfen Heber innerhalb von Gewichtsklassen gegeneinander. Beim Mannschaftwettkampf ist das anders – hager trifft auf massig. In der Mannschaft von Moutier stemmt ein 13-Jähriger Seite an Seite mit einem 62-Jährigen. Dank einer Formel aus Körper- und gestemmtem Gewicht können die Leistungen verglichen und zusammengerechnet werden. Das grosse Altersgefälle zeigt: Den Gewichtheberclubs fehlt der Nachwuchs. «Wir kämpfen zuweilen mit dem nicht immer vorteilhaften Image unseres Sports», sagt Clubpräsident Lauper. Was er damit sagen will: Erzählen Sie mal besorgten Eltern eines Neunjährigen, Gewichtheben tue dem Sohnemann gut, es sei gesund.

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