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Der Enthusiast

Viktor Glatthard ist: Arbeiter, Antreiber, Abwehrspezialist. Der Brienzer bekleidet bei Cupsieger Wacker Thun eine spezielle Rolle, er hat Anlagen zur Kultfigur.

Adrian Horn
Mister Leidenschaft: Viktor Glatthard.
Mister Leidenschaft: Viktor Glatthard.
zvg/Roland Peter

Es war der Sprint seines Lebens. Kinder begleiteten am Sonntag im Cupfinal die Akteure beider Teams aufs Feld, und der Junge, welcher an der Seite Viktor Glatthards den Platz betrat, musste sich ganz schön sputen. Wackers Antreiber hatte dem Knaben herzlich die Hand gereicht – und schleifte ihn quasi zur Spielfeldmitte. Der Bub sprang letztlich mehr, als dass er ging, er strahlte, für ihn war die Angelegenheit dadurch erst recht ein Erlebnis.

Viktor Glatthard betritt den Platz nicht, er stürmt ihn. Sein Einlaufprozedere ist längst Kult, ein kleines Ereignis. In der Lachenhalle, der Heimstätte der Thuner, werden Wackers Leute vor der Partie einzeln aufs Feld gerufen, und während viele seiner Mitstreiter hineintraben, allenfalls in die Zuschauermassen winken, rennt der Berner Oberländer förmlich, er ballt die Faust, fuchtelt wild um sich, die pure Entschlossenheit signalisierend.

«Einige halten mich wohl für verrückt.»

Viktor Glatthard

Unsereins würde sich nach der Anstrengung wohl kurz hinlegen, Glatthard natürlich nicht, er klatscht mit maximaler Wucht die Teamkollegen ab, beruhigt sich erst allmählich. Ihm sei ­bewusst, erzählt der 23-Jährige, dass er mit dem Gang aufs Feld auffalle. «Einige halten mich wohl für verrückt, die Aktion für bescheuert», sagt er schmunzelnd. Er tue dies nicht, um den Widersachern irgendetwas zu ­demonstrieren.

«Ich will damit meine Dankbarkeit ausdrücken dafür, dass ich hier sein darf. Ich betrachte jeden einzelnen Match, den ich bestreiten kann, als Ehre.» Bis vor kurzem sei er auf der Tribüne gesessen, habe die Begegnungen verfolgt und sich ausgemalt, wie es sein würde, mitzuspielen. «Die Freude, der Stolz – das soll man sehen», sagt er.

Intellektueller und Arbeiter

Der Brienzer verkörpert in einer hochkarätig besetzten Mannschaft mit einigen ausserordentlich begabten Handballern den Arbeiter, er ist im Team von Martin Rubin Mister Leidenschaft, verglichen mit ihm wirkt selbst Vorkämpfer und Publikumsliebling Reto Friedli wie ein ziemlich abgebrühter Kerl.

Glatthard weiss um seine Rolle, er ist eher kein Anwärter auf das Topskorer-Trikot, und vermutlich werden Paris, Barcelona und Kiel Wacker seinetwegen kaum je die Bude einrennen. Der Psychologiestudent ist Defensivspezialist, er verteidigt ­exzellent, mit einer Menge Einsatz freilich, aber stets fair. Ihm sei wichtig, berichtet er, die Gegenspieler zu respektieren.

Verteidiger und Gegenstossspezialist

Seit Herbst 2015 ist der Ober­länder Teil der Nationalliga-A-Equipe, er hat sich hervorragend entwickelt, in jeder Partie gelangt er zu viel Einsatzzeit, er geht so manchen Gegenstoss mit und kommt dadurch regelmässig zum Abschluss. Im Dezember erzielte er im Heimspiel gegen Suhr auf diese Weise vier Treffer, es handelte sich um einen der besten Auftritte des Eigengewächses.

Es gibt Leute, die sagen, Wacker-Matchs seien noch mal unterhaltsamer geworden, seit Glatthard dazugehöre. Der Brienzer ist auch innerhalb des Teams äusserst beliebt, er ist ein formidabler Botschafter, wirbt bei jeder sich bietenden Gelegenheit für Sportart und Verein.

Handball und Wacker bedeuteten für ihn Leidenschaft, Herzblut, Emotionen.

Nach den Begegnungen besucht er jeweils das Klubhaus, oft mit seinem zahlreich erschienenen Umfeld, er ist nun Entertainer, spricht mit jedem, der sich ihm in den Weg stellt. Handball und Wacker bedeuteten für ihn Leidenschaft, Herzblut, Emotionen, erklärt der in Bern wohnhafte Oberländer. Das sind Schlagworte, die gerne benutzt werden.

Doch Glatthard kauft man sie ab. Dialoge mit ihm, dem Bruder von Rhetorik-Europameister Melchior, sind ein Hochgenuss; der Psychologiestudent antwortet nie, bloss damit geantwortet ist, er ist kein Phrasendrescher, all seine Aussagen haben Gehalt.

Ex-Unternehmer und Reisender

Der 23-Jährige war Initiant der sogenannten Free Walking Tour in Interlaken, der Weitgereiste hatte ein kleines Unternehmen aufgebaut und zeigte den Touristen das Bödeli. Die Verantwortung dafür gab er im Herbst ab. Er wolle sich verstärkt auf Handball und Studium konzentrieren, sagt er. Seinen Enthusiasmus dürfte er so schnell nicht verlieren.

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