Der etwas andere Golfprofi

Tommy Fleetwood hat eine zwanzig Jahre ältere Frau und glaubt, sich mit Hunden besser zu verstehen als mit Menschen.

«So erkennen mich die Leute auch von hinten»: Tommy Fleetwood über seine Haarpracht. Foto: Reuters

«So erkennen mich die Leute auch von hinten»: Tommy Fleetwood über seine Haarpracht. Foto: Reuters

René Stauffer@staffsky

Mit seinem Bart, den langen Haaren und seinem feingliedrigen Körper sieht er eher aus wie der Sänger einer Rockband als wie ein Sportprofi. Doch die äussere Erscheinung täuscht. «Mit harter Rockmusik kann ich nichts anfangen», sagt Tommy Fleetwood in Crans. «Ich schätze zwar guten Rock, aber eigentlich mag ich viel sanftere Musik. Und ich habe auch fast kein musikalisches Talent.» Mit der bekannten Band Fleetwood Mac habe er da leider nichts gemeinsam.

Umso geschickter ist er im Umgang mit Golfbällen. 2017 gewann er die Gesamtwertung der Europatour, auf der er schon vier Pokale abholen konnte. 2018 bildete er im Ryder-Cup in Paris mit Francesco Molinari das erste Duo, das alle vier Partien gewinnen konnte. Sein erster Major-Titel scheint, nach zweiten Rängen am US Open 2018 sowie am British Open 2019 (hinter Brooks Koepka bzw. Shane Lowry), nur noch eine Frage der Zeit.

Für eine Nacht nach Hause

Was hat es denn nun aber mit seinen Haaren auf sich? «Vielleicht ist das nur eine Phase, aber es macht Spass, anders zu sein, anders auszusehen», antwortet der 28-jährige Engländer, «gerade in einer Sportart, die ja nicht die extravaganteste ist.» Die langen Haare sind zu seinem Markenzeichen geworden, «und so erkennen mich die Leute auch von hinten».

Was seinen Terminkalender betrifft, verläuft sein Alltag indes ähnlich hektisch wie der eines Rockstars. Noch am Sonntag stand er in Atlanta im Einsatz, wo er den Fedex-Cup auf Rang 16 beendete. Dann reiste er via London und Manchester nach Southport, um nach sechs Wochen in den USA wenigstens eine Nacht zu Hause zu sein, ehe gestern morgen der Flug in die Schweiz anstand. Als Nummer 13 ist er der bestklassierte Teilnehmer im Wallis hinter Rory McIlroy, dem Sieger des Fedex-Cup.

Fleetwood spielte schon sechsmal in Crans, doch seit dem letzten Start hat sich vieles geändert. Kurz danach, im September 2017, kam sein Sohn Frankie zur Welt, zwei Monate später heiratete er dessen Mutter Claire Craig, seit 2015 seine Managerin. Sie ist zwanzig Jahre älter, hat schon zwei Söhne aus einer früheren Beziehung und ist die wichtigste Person seines Teams. «Sie koordiniert und organisiert alles und sorgt dafür, dass ich mich darauf konzentrieren kann, so gut wie möglich Golf zu spielen», sagt der Mann von der Irischen See. «Sie vereinfacht mir mein Leben enorm.»

Crans markiert für Fleetwood – der ein Flair für Schauspielerei und Dramen hat – den Start zur Endphase der Europatour, in der er momentan den 4. Rang belegt. Nachdem er bei seinen ersten drei Auftritten im Wallis überzeugt und 2014 als Fünfter das Stechen nur um zwei Schläge verpasst hatte, verliefen seine letzten drei Starts enttäuschend, 2015 und 2017 verpasste er den Cut. «Aber ich liebe dieses Turnier und die Atmosphäre und hoffe, dass sich das auch wieder in meinen Leistungen zeigt.»

Fleetwoods lockere Erscheinung täuscht etwas darüber hinweg, mit welcher Akribie er seine Karriere vorantreibt. Zu seinem neunköpfigen Team gehören neben seiner Frau und dem Caddie gleich vier Coachs, einer für die Fitness, einer für den Schwung, einer für das Kurzspiel und einer für das Putting, dazu ein Statistik-Analytiker und ein Psychologe. «Du hast nur eine Karriere, und wenn du irgendwo einen Experten brauchen kannst, solltest du ihn auch beanspruchen», sagt er.

Fleetwood war schon mit 20 britischer Amateurmeister, im ersten Profijahr gewann er die Challenge-Tour, seither näherte er sich fast konstant der Weltspitze an. Er sieht noch viel Verbesserungspotenzial und träumt davon, bald Major-Sieger zu werden und zur Weltnummer 1, ­Koepka, aufzuschliessen, mit dem er sich schon seit Jahren duelliert. «Er wurde viel schneller gut als ich, aber hoffentlich kann ich ihn wieder einholen.» Helfen sollen ihm dazu auch seine Yoga-Übungen, die er zuletzt aber etwas vernachlässigte. «Crans ist der ideale Ort, um wieder damit anzufangen», sagt der Hundefan, der von sich sogar behauptet, er verstehe sich mit diesen Tieren besser als mit Menschen.

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