Der Revoluzzer vom anderen Planeten

Snooker-Superstar Ronnie O'Sullivan bricht Rekord um Rekord – und streitet mit dem Verbandschef.

Fokussiert sich nicht nur auf seine Spiele und Erfolge: Ronnie O'Sullivan unterstellt dem Chef des Snooker-Weltverbands, dass es ihm nur um Geld gehe.

Fokussiert sich nicht nur auf seine Spiele und Erfolge: Ronnie O'Sullivan unterstellt dem Chef des Snooker-Weltverbands, dass es ihm nur um Geld gehe.

(Bild: Getty Images/George Wood)

Am Sonntagabend stand Ronnie O'Sullivan plötzlich zwischen all den Zuschauern im Barbican Centre in York. Posierte mit dem Pokal für Selfies, klatschte mit jubelnden Fans ab nach seinem 10:6 im Finale der UK Championship gegen Mark Allen, den einen oder anderen umarmte er sogar.

Das war ein ungewöhnlicher Vorgang im Snookersport, wo sehr viel Wert auf Ernsthaftigkeit und Etikette gelegt wird; noch ungewöhnlicher, dass O'Sullivan dies klatschnass tat: Es tröpfelte aus seinem Haar, sein schwarzes Hemd klebte an der Brust. Der beste Snookerspieler des Planeten hatte sich kurz nach seinem Triumph mit einer halben Flasche Wasser übergossen.

Es war aber auch ein besonderer Moment, denn obwohl O'Sullivan, 43, schon viele Snooker-Rekorde eingeheimst hat, kamen am Sonntagabend zwei weitere hinzu: Es war sein siebter Titel bei der UK Championship, dem ersten Höhepunkt der Saison, er hat nun einen mehr als der grosse Steve Davis. Dem noch etwas grösseren Stephen Hendry hat er zudem die Bestmarke für Siege bei den Triple-Crown-Events abgeluchst, den drei wichtigsten Turnieren, vergleichbar mit dem Grand Slam im Tennis. 19 hat O'Sullivan nun gewonnen, Hendry steht bei 18.

«Eine Diktatur, verkleidet als Demokratie»

All dies sei unwirklich, sagte O'Sullivan. Hendry, der seine Karriere 2012 beendet hat, sei für ihn ein «Held», gar «der ultimative Spieler». Doch dürfte bald ein weiterer Rekord von Hendry fallen. Noch zwei Turniersiege, und O'Sullivan würde auch mit dessen 36 Siegen bei Ranglistenturnieren gleichziehen. Hendry, mittlerweile 49, reagiert indes gönnerhaft. Er taufte seinen Rekorde-Rivalen nach dem locker erspielten Finalsieg über Allen kurzerhand den «Benjamin Button des Snookers», der Grund: «Er ist in seinen Vierzigern, doch er wird besser und besser.»

O'Sullivan jubilierte auch deshalb so ausgelassen, weil der Triumph zur bestmöglichen Zeit kam. Am Tisch fehlen ihm scheinbar die Gegner, er hat sich deshalb mit Barry Hearn angelegt, dem mächtigen Chef des Snooker-Weltverbands, der mit seiner Firma Matchroom die meisten grossen Turniere veranstaltet. Hearn war O'Sullivans erster Manager, doch die Wege haben sich längst getrennt. Er wirft Hearn heute vor, dieser nutze die Spieler aus.

Weil Hearn sie dazu verpflichte, lästige Qualifikationsrunden bei immer mehr Turnieren zu absolvieren, seien die besten Profis gar nicht mehr in der Lage, ihr bestes Snooker abzurufen. Der aktuelle Modus sei «offensichtlich unfair», Hearn schütze die Spieler nicht, im Gegenteil: Die Tour sei mittlerweile «eine Diktatur, verkleidet als Demokratie». Und: «Barry geht es nicht um Snooker, es geht ihm nur ums Geld.»

Trump: «O'Sullivan lebt auf einem anderen Planeten»

Neulich, nach den English Open, klagte O'Sullivan, es habe in der Halle nach Urin gestunken, er habe keine Lust mehr, in diesen «Höllenlöchern» anzutreten. Offen drohte er, noch stärker für die Belange der besten Spieler einzutreten, man könne ja eine eigene Snooker-Tour ins Leben rufen, eine Art «Champions League», vermarktet vorbei an Hearn und Matchroom. Die Schlagzeilen gehörten ihm. Hearn zürnte, niemand sei grösser als der Sport: «Nicht ich, nicht Ronnie, aber wir brauchen unsere Stars.» Auf Sanktionen hat er verzichtet, denn was sollte er auch tun? O'Sullivan verbannen? Der genoss in York das Bad in der Menge, sagte später, er sei «the people's player», der Spieler des Volkes. Ein Satz, der nichts anderes aussagte als: Lieber Barry, du kannst mir gar nichts.

Einige Spieler unterstützen O'Sullivans Begehr, doch längst nicht alle finden gut, was er da treibt. «Wir sollten das professionell diskutieren», sagte Shaun Murphy, der Vorsitzende der Spielerkommission. Auch Judd Trump, mit dem O'Sullivan schon in der Vergangenheit aneinandergeraten ist, war die Diskussion eine Spur zu abgehoben. O'Sullivan lebe «auf einem anderen Planeten», kommentierte Trump. Doch wer im Snooker-Kosmos würde das eigentlich bestreiten?

Süddeutsche Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt