Der Weltmeister abseits der Kameras

In der Kombination und im Slalom gehört Luca Aerni zur Weltspitze, im Riesenslalom startet der Berner inmitten der Exoten – und fühlt sich schon mal wie ein Buckelpistenfahrer.

Luca Aerni erhofft sich im Riesenslalom einen Sprung nach vorne.

Luca Aerni erhofft sich im Riesenslalom einen Sprung nach vorne.

(Bild: Alessandro Trovati (AP))

Vielleicht wird er die Nummer 60 tragen, womöglich sogar die 65, und sollte es ganz schlimm kommen die 70 oder 80. Auch der TV-Sender mit dem längsten Atem dürfte am übernächsten Sonntag das Programm gewechselt haben, wenn Luca Aerni zum ersten Lauf des Riesenslaloms in Sölden starten wird.

Ted Ligety, fünffacher Weltmeister aus den USA, meinte einst, müsste er in Sölden mit einer Nummer über 30 fahren, würde er die Skier gar nicht erst anschnallen. Und Hans Knauss, Experte beim österreichischen Fernsehen, sagte einmal: «Wenn du hier als einer der Letzten losfährst, brauchst du Wunderwachs, eine Wunderlinie und sonst noch allen Zauber, den du kriegen kannst.»

Im berüchtigten Söldener Steilhang lässt die Piste für gewöhnlich stark nach, schnelle Zeiten sind nach der ersten Rennstunde kaum mehr möglich. Und so hat es sich Aerni zweimal überlegt, ob er hinreisen soll zur Saisonouvertüre auf dem Gletscher. Die Aussichten, sich für den zweiten Lauf zu qualifizieren und Weltcuppunkte zu holen, sie könnten besser sein.

Der Slalomspezialist aber will es versuchen, weil es unbedingt nach vorne gehen soll in der Basisdisziplin. Auf Position 45 steht er im für die Startliste massgebenden Ranking. Nach den ersten 30 jedoch entscheiden die FIS-Punkte über die Nummernvergabe – in jener Wertung findet sich der Berner gerade mal an 230. Stelle wieder.

Einbruch nach Weihnachten

Aerni also, der wie eine Bombe eingeschlagen hatte in der Skiwelt mit dem Kombinationsweltmeistertitel 2017 in St. Moritz, muss weit unten beginnen. Um seine FIS-Punkte zu verbessern, bestritt er im August gar einen drittklassigen Riesenslalom in Neuseeland.

Auf dem Podest standen ein Slowake, ein Belgier und ein Holländer; Aerni hingegen, der auch bei jenem Rennen spät ins Geschehen eingreifen durfte, trat zum zweiten Lauf gar nicht erst an. Weil auch eine Frauenkonkurrenz stattfand, war die Strecke derart ramponiert, dass sich der prominenteste Akteur im Feld wie «ein Buckelpistenfahrer fühlte».

Natürlich gehört Aerni nicht zu den Exoten im Riesenslalom, auch wenn er dann und wann zwischen ihnen startet. «Er braucht nur eine anständige Nummer, dann kann er mit der erweiterten Spitze mithalten», sagt Cheftrainer Tom Stauffer. Diese These stützte der Athlet vor Jahresfrist mit der viertbesten Zeit im zweiten Lauf von Alta Badia. Womöglich aber kommt es dem Berner gelegen, beginnt der Weltcup in elf Tagen mit einer Veranstaltung, an der es für ihn wenig zu gewinnen, aber auch kaum etwas zu verlieren gibt.

Es ist ein sanfter Wiedereinstieg nach einer zweiten Saisonhälfte im letzten Winter, in der Platz 4 beim Parallelevent in Stockholm das einzig vernünftige Resultat blieb. Unerwartet brach Aerni ein nach Weihnachten, zuvor hatte er nicht nur mit dem zweiten Rang in Madonna di Campiglio, dem ersten Schweizer Slalompodestplatz nach acht Jahren, aufhorchen lassen und damit den Weg geebnet für die Erfolge seiner Kollegen Ramon Zenhäusern und Daniel Yule.

Im Frühling benötigte Aerni eine Pause, etwas Abstand auch von der Szene. Er gesteht, sich verzettelt zu haben im Verlauf des vergangenen Winters wegen der Riesenslaloms, die er spontan in sein Programm aufgenommen hatte, der Kombinationen, welche er als Weltmeister entsprechend gewichtete. Mitte Dezember reiste er nur für die Abfahrtstrainings nach Gröden, um für den Zweiteiler gerüstet zu sein. Er mutete sich wohl zu viel zu, wurde krank. Aerni jedenfalls sagt, er höre nun besser auf seinen Körper. «Ich muss besser planen, keine Frage.»

Gold in der Schachtel

Kurioserweise aber feierte der 25-Jährige seinen grössten Erfolg in der zweiten Saisonhälfte, als an und für sich nichts mehr funktionieren wollte. Er gehörte zur Schweizer Mannschaft, die in Pyeongchang Olympiasieger wurde im Teambewerb. Aerni aber kam in keinem Lauf zum Einsatz, die Goldmedaille liegt daheim irgendwo in einer Schachtel, und dem Athleten fällt es schwer, die Frage zu beantworten, ob er sich denn wirklich als Olympiasieger fühle.

Alles andere als leicht wird es Aerni wohl auch am Sonntag in Sölden haben. Oder wie es der österreichische Ex-Profi Andreas Schifferer formulierte: «Wer in Sölden mit hoher Nummer was reissen will, der muss ein paar Tore auslassen. Und darauf hoffen, dass es niemand merkt.»

Berner Zeitung

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