Die Frau in der Halle voller Testosteron

Fallon Sherrock hat Darts-Geschichte geschrieben. Viel hatte aber nicht gefehlt und es wäre nie dazu gekommen.

Da steht das legendäre «Ally Pally» kopf. Erstmals in der Darts-Geschichte holte eine Frau einen Sieg bei der WM in London. (Video: Official PDC via Twitter)

Die Menge feiert. Die Menschen im legendären «Ally Pally», wo die Darts-WM in London stattfindet, können es nicht fassen. Sie wissen, sie erleben etwas Historisches. «Sherrock's on fire» und «We love Fallon»-Rufe tönen aus hunderten Kehlen. Die Menge bejubelt Fallon Sherrock. Die 25-jährige Coiffeuse steht auf der Bühne, kann es nicht fassen. Hat Tränen in den Augen. Sie hat soeben den ersten WM-Sieg einer Frau gegen einen Mann, Ted Evetts, errungen. Sie hat bewiesen, dass allein die Präzision im Darts zählt.

Das war am Dienstagabend. Am Samstagabend, wenn sie um 22 Uhr die Bühne betritt und zum Match gegen den Österreicher Mensur Suljovic antritt, will sie es wiederholen, das scheinbar Unmögliche. Einen Mann besiegen, der Welt zeigen, dass Darts keine Männer-Sportart ist.

«Es gibt Spielerinnen, die so spielen können wie ich – oder sogar besser. Wir müssen nur die Chancen haben, uns zu beweisen», sagte Sherrock unter Tränen nach dem Match und schon mit dem Bewusstsein: Der 17. Dezember 2019 wird in die Darts-Geschichte eingehen.

«Man nannte mich Mondgesicht»

Fallon Sherrock ist anders. Sie ist jung, schlank, blond. Sie ist der Gegenentwurf vieler Darts-Spieler, die ihre Plauze an die Scheibe schleppen und mit Ballermann-Party-Musik die Bühne betreten. So wählte Sherrock «Last Friday Night» von Katy Perry, hatte ein blassrosa Kirschblütendress an und schmiss gleichfarbige Pfeile. Sie trug ihr Girlie-Image selbstbewusst in den Alexandra Palace.

Die Heimat der 25-Jährigen ist das schmucklose Milton Keynes. Sie entstammt einer Darts-verrückten Familie: Ihr Vater spielt, ihre Zwillingsschwester auch. Schon früh zeigte sich ihr Talent. Das erste grosse Turnier, an dem sie teilnahm und zugleich gewann, war 2011 der WDF Girls World Cup. Sherrock war 17 Jahre alt. 2013 folgte ihr erster grosser Titel im Erwachsenenbereich: Ihr gelang der Triumph beim Frauenturnier der British Classic. Den endgültigen Durchbruch schaffte sie dann 2015, als sie bei der Frauen-WM der British Darts Organisation (BDO) den Final erreichte und sich erst der späteren Weltmeisterin Lisa Ashton geschlagen geben musste.

«Der Sieg gegen Ted Evetts bedeutet mir mehr als die Finalteilnahme», stellte sie nach dem Spiel am Dienstag aufgewühlt klar. Er rührte die junge Engländerin zunächst zu Tränen, dann wühlte er sie komplett auf. Sie wusste, sie hat es in der Halle voller Testosteron den Männern gezeigt. Erst kurz vor Mitternacht endete ihr Interviewmarathon, am Morgen war sie dann schon wieder Gast in mehreren Morgenmagazinen. «Ich werde jede Zeitung kaufen», kündigte Sherrock an. Den Tag, an dem sie die Darts-Historie veränderte, wolle sie gut dokumentieren.

«Der Sieg gegen Ted Evetts bedeutet mir mehr als die Finalteilnahme»Fallon Sherrock

Schliesslich ist alles vergänglich. Etwas, was Sherrock vor fünf Jahren dramatisch bewusst wurde. Nach der Geburt ihres Sohnes stellten Ärzte bei ihr eine schwere Nierenerkrankung fest, die bei ungünstigem Verlauf tödlich endet. Die Nebenwirkungen der Medikamente, die sie einnehmen musste, liessen ihr Gesicht anschwellen. «Man nannte mich Mondgesicht», sagte sie. Doch die Hater und die Krankheit hätten sie stärker gemacht. Mittlerweile hat sie die Krankheit besiegt. Einzig genug trinken muss sie, um ihre Nieren auszuspülen. Alkohol meidet sie.

Der Traum vom grossen Wurf

Es ist nicht das Einzige, woran sie denken muss. Als Mutter eines autistischen Sohnes kann sie immer nur abends trainieren, wenn der Kleine im Bett liegt. Auch kann sie vom Sport nicht leben, ist auf finanzielle Unterstützung angewiesen. Die Siegprämie von 15’000 Pfund behält sie dennoch nicht für sich. Sie spendet den Betrag zugunsten autistischer Kinder.

«Ich wage es zu träumen»Fallon Sherrock

Wie es weitergeht? «Ich wage es zu träumen», sagte sie auf die entsprechende Frage. Am Samstag um 22 Uhr wird man es sehen. Dann wartet das Zweitrundenduell mit Suljovic, der Nummer 11 der Welt. Sicher ist: Die Menge wird sie feiern und «Sherrock's on fire» sowie «We love Fallon»-Rufe werden aus hunderten Kehlen tönen. Und vielleicht werden Frauen den Match schauen und denken: Darts, das wäre doch eine Sportart für mich!


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