Die grosse Chance für Schweizer Sprinter

Für Mujinga Kambundji und Alex Wilson geht es heute an der EM in Berlin erstmals um Spitzenplätze. Ihr Weg ist gegensätzlich und hat doch eine Gemeinsamkeit.

Greifen heute die EM-Spitze an: Mujinga Kambundji und Alex Wilson.

Greifen heute die EM-Spitze an: Mujinga Kambundji und Alex Wilson.

(Bild: Keystone Ennio Leanza)

Sie sind die Schnellsten der Schweiz. Würde man aber eine Umfrage machen, welches denn ihre besten Zeiten sind, würde man feststellen, dass von Mujinga Kambundji und Alex Wilson anderes in den Köpfen der Bevölkerung hängen geblieben ist als ihre effektiven Leistungen. Erst das emotionale Interview an der letztjährigen WM, als Wilson völlig überdreht beschrieb, wie es um seine Nervosität vor dem Rennen gestanden hatte, gab ihm ein Gesicht und machte ihn populär. Ähnlich war das damals bei Kambundji, als sie an der Heim-EM 2014 als Postergirl und Startläuferin der Staffel den Stab fallen liess und sich so in die Herzen der Bevölkerung weinte.

Das ist eine ihrer Gemeinsamkeiten. Aber mittlerweile geht es doch um viel mehr als den Sympathiewert im Publikum. Die beiden Schweizer Rekordsprinter sind in dieser Saison in der europäischen Spitze angekommen, Kambundji tritt heute an der EM in Berlin im Halbfinal über 100 m (19.05 Uhr) erstmals an. Und ist es ihr gelungen, die Form der Schweizer Meisterschaften von Mitte Juli in Zofingen zu konservieren, kann sie zweieinhalb Stunden später erste Schweizer Sprint-Europameisterin werden. Mit ihrer Bestzeit von 10,95 Sekunden tritt sie als Nummer 2 an, mit einem idealen Lauf ist sie danach die Nummer 1.


Video: Kambundji läuft Schweizer Rekord

Die Sprinterin knackt eine neue Bestmarke. Video: Tamedia/SDA


Wilsons «Top-Endspeed»

Das wäre auch Wilson gerne, doch seine Stärken liegen eher auf den 200 als auf den 100 m. In seinem Vorlauf über die kürzere Distanz rumpelte es gestern noch beträchtlich, in 10,32 gewann er ihn zwar und beschwor seinen «Top-Endspeed», mit dem er gewinne, auch wenn er bei Halbzeit noch im Rückstand liege. In seiner gewohnt lustigen Art verbreitete er seinen Optimismus für den heutigen Halbfinal. Dass Silvan Wicki, der zweite Schweizer in der Ausscheidung, in 10,28 schneller sein würde, wusste er da noch nicht. Wicki hatte ihm schon in Zofingen in 10,17 eingeheizt. Gut möglich, dass Wilsons Leistung auch heute eine Frage des Stolzes ist.

Kambundji und Wilson waren lange Suchende nach dem idealen Umfeld und dem Erfolg versprechenden Trainingsansatz. Dass sie ihn nun in scheinbar totaler Gegensätzlichkeit gefunden haben, entspricht wohl einfach ihren Charakteren und ihren wechselvollen Vorgeschichten. Der Bernerin gelang der Leistungssprung, nachdem sie ihre Zelte im Herbst in Mannheim abbrach und sich von Coach Valerij Bauer trennte. Seither trainiert sie in Bern selbstständig nach den Plänen des Amerikaners Rana Reider.

Wilson wiederum suchte sich 2016 eine Sprintgruppe im Ausland und fand sie in London. Sein Trainer Clarence Calender kontrolliert seine Einheiten strikt und verschrieb ihm eine strenge Diät. Schneller geworden sind beide aus demselben Grund: Sie haben viel Gewicht verloren. Kambundji, weil sie das Krafttraining drastisch reduzierte, Wilson, weil er sich wie ein Profisportler ernährt.

Trainer selber finanziert

Dass sie eigene Wege einschlugen, hat bei Swiss Athletics nicht nur Freude ausgelöst. Damit Kambundji und teilweise auch Wilson in Mannheim trainieren konnte, musste Bauer in Mandatsbasis angestellt werden. Der Verband ging eine vierjährige Verpflichtung (bis 2020) ein, nun da die Top-Athleten weg sind, unterrichtet er einen Tag in der Woche in Basel. Und Kambundji und Wilson müssen ihren Weg selber finanzieren. Vielleicht ist das einst Gold wert.

berneroberlaender.ch/Newsnetz

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt