Die grosse Show des Muskelpakets

Tim Wiese hütete einst das Tor von Werder Bremen und der deutschen Nationalmannschaft. Heute strebt der 32-Jährige eine Karriere als Wrestler an. Damit würde er sich einen Bubentraum erfüllen.

  • loading indicator
Florian A. Lehmann@tagesanzeiger

Tim Wiese hat sich vor geraumer Zeit neu orientiert. Getrieben von seinem Fitnesswahn («Das macht Spass, das ist wie eine Droge»), liebäugelt er mit einer Karriere als Wrestler. Bei einer Veranstaltung am Wochenende des Veranstalters World Wrestling Entertainment (WWE) in Frankfurt am Main trat er nach einem Kampf plötzlich in den Ring, umjubelt von 10'000 Fans in der Halle. Stolz präsentierte er in einer Ringecke seine Muskeln, die Zuschauer waren begeistert und skandierten seinen Namen. Wiese, 193 Zentimeter gross, einst 86 und mittlerweile 120 Kilogramm schwer, fühlte sich wieder in seinem Element. «Eine supergeile Show. Es hat grossen Spass gemacht», erklärte er gegenüber der «Rheinischen Post». Noch vor seinem Auftritt bekannte er, dass er schon immer für Wrestling geschwärmt habe. «Ich habe das früher als kleines Kind geguckt, so in den 90ern. Damals war ich schon ein Riesenfan gewesen.»

Der Mann ist das, was man im Sportjargon eine Figur nennt. Wiese, heute 32-jährig, in den Saisons 2005 bis 2012 Torhüter des Bundesligisten Werder Bremen und sechsfacher deutscher Internationaler, liebt es seit jeher, seinen Job mit einem Hauch von Showelementen zu erfüllen. Das ging ab und zu auch ins Auge: Am 7. Mai 2008 trat er mit einem pinkfarbenen Trikot im Nordderby auswärts beim in Bremen ungeliebten HSV auf. Seine Kung-Fu-Attacke gegen den Hamburger Ivica Olic kurz vor der Pause führte zu Tumulten und lauten Buhrufen der Zuschauer. Anschliessend, so erinnert sich «Die Welt», stand er auf dem Zaun und skandierte mit den mitgereisten Werder-Fans die wenig schmeichelhafte Parole «Scheiss HSV!». Wiese schämte sich dabei nicht, im Gegenteil: Er genoss es, im Rampenlicht zu stehen. Die Bundesliga war für ihn mehr als nur Fussball auf dem grünen Rasen, sie war für den Bergisch-Gladbacher schon immer auch eine Showbühne. Geliebt oder gehasst – so lautete seine Devise. Einen anderen Weg oder einfach nur unscheinbarer Durchschnitt zu sein – das gab und gibt es für ihn nicht.

Mit dem Fussball nichts mehr am Hut

Sein Wechsel zu Hoffenheim im Sommer 2012 leitete den Abstieg seiner Bundesliga-Karriere ein. Wiese kompensierte mangelnde Leistungen durch regelmässige Besuche in den Fitnessclubs und intensives Forechecking im Nachtleben. Er hechtete sich zudem verbal des Öfteren ins Abseits. Das konnte auf die Dauer nicht gut gehen. Die Vereinsleitung im provinziellen Sinsheim tolerierte die Eskapaden des Angestellten nicht mehr. Sein Vertrag läuft zwar noch bis Ende Juni 2016, vom Trainingsbetrieb ist der illustre Keeper aber suspendiert.

Mit dem Fussball habe er nichts mehr am Hut, liess er neulich wissen. Zwischen den Pfosten stehen muss er auch nicht mehr. Wiese, der mit seiner langjährigen Weggefährtin Grit Freiberg verheiratet ist und eine Tochter hat, würde in jeder Beziehung gut zum Wrestling passen: aufgepumpte Muskeln, lange und mit Gel verklebte Haare, Tätowierungen und ein grosses Talent als Showman. Noch hat er sich nicht entschliessen können, ob er tatsächlich in den Ring steigen wird. Einen ganz grossen Vorteil bringt der Riese ohnehin mit: Als Torhüter weiss er, wie man in der Luft fliegt – und stilistisch einwandfrei auf die Nase fällt. «Mein jahrelanges Training kommt mir sicherlich zugute.»

berneroberlaender.ch/Newsnetz

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt