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Die Stadt, in der Pferde immer Vortritt haben

Die Schweizer Reiter reisen im Winter nach Wellington, unter die Sonne Floridas. Die Stadt ist das Disneyland für Pferdeliebhaber.

Strassen überqueren leichtgemacht: In Wellington leben Pferde wohlbehütet.
Strassen überqueren leichtgemacht: In Wellington leben Pferde wohlbehütet.
Angelika Nido
Martin Fuchs verbringt mit sechs Pferden zweieinhalb Monate in Florida:
Martin Fuchs verbringt mit sechs Pferden zweieinhalb Monate in Florida:
Angelika Nido
Ventilatoren sorgen für frische Luft.
Ventilatoren sorgen für frische Luft.
Angelika Nido
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Will in Wellington ein Reiter die Strassenseite wechseln, steht der Verkehr still: Pferde haben hier immer und überall Vortritt. Die Ampeln haben Knöpfe auf Pferderücken-Höhe, damit sie vom Sattel aus bequem gedrückt werden können. Überall mahnen Schilder und Schriftzüge auf Asphalt vor den Tieren:«Slow for Horses» und «Horse X-ing».

Die amerikanische Kleinstadt nähe Miami mit rund 60'000 Einwohnern verdankt den Pferden ihre Existenz: Wo noch vor 30 Jahren Sumpf und brachliegende Felder waren, ist ein Paradies für Pferdesportler mit der entsprechenden Infrastruktur entstanden.

Etwas grossspurig tönt der Name des einstigen Ortsteils von West Palm Beach: «Winter Equestrian Capital of the World», Pferde-Hauptstadt der Welt, im Winter. Übertrieben ist das nicht. Herrschen anderswo eisige Temperaturen, kommen Polo-Spieler, Spring- und Dressurreiter aus über 40 Nationen, um unter der Sonne Floridas zu trainieren und an hoch dotierten Turnierserien zu starten.

Unter ihnen ist in diesem Jahr zum ersten Mal Martin Fuchs. Der WM-Silbergewinner der Springreiter verbringt mit sechs Vierbeinern, darunter sein Spitzenpferd Clooney, zweieinhalb Monate in Florida: «Zu Hause würde ich jetzt vorwiegend in der Halle reiten, hier scheint die Sonne, und das Leben spielt sich draussen ab.»

Martin Fuchs in Aktion. Bild: Angelika Nido
Martin Fuchs in Aktion. Bild: Angelika Nido

Der 26-jährige Zürcher kennt die Pferdesport-Destinationen der Welt, doch Wellington fasziniert ihn: «Diesen Ort zu beschreiben, ist fast unmöglich. Das muss man gesehen haben, sonst glaubt man es nicht.» Seine Freundin Paris ­Sellon, Amerikanerin und ebenfalls Springreiterin, überwintert hier, seit sie 14 ist, und bringt es auf den Punkt: «Wellington ist ein Disneyland für Pferdeliebhaber.»

Im Vergnügungspark für Reiter

Die Themenparks von Walt Disney liegen nur zweieinhalb Autostunden weiter nördlich, in Orlando, doch die Reitsportler haben keine Augen für Mickymaus. Sie vergnügen sich in den Wettkampfstätten, von denen es in Wellington mehrere gibt. Im Palm Beach International Polo Club, auf dem schon Prinz Harry gespielt hat, finden hochklassige Turniere statt, im Equestrian Village starten die Dressurreiter. Die grösste Anlage ist das Palm Beach International Equestrian Center, kurz PBIEC. Hier reiht sich Turnierplatz an Turnierplatz – 18 sind es, darunter ein Derby-Rasenfeld und die nach eigenen Angaben grösste überdachte Sandarena der Welt – manchmal regnet es auch im Sonnenstaat.

Das PBIEC gehört seit 2007 einem Konsortium um Mark Bellissimo. Der Immobilieninvestor aus Boston wurde im September im Zusammenhang mit den Weltreiterspielen in Tryon über die USA hinaus bekannt. Er hatte sich mit der Organisation heillos übernommen, die WM fand in North Carolina auf einer halbfertigen Anlage statt, die nach dem Vorbild von Wellington aufgebaut wird.

In Florida läuft Bellissimos Geschäft. Gemäss dem «Chronicle of the Horse», der ebenfalls Bellissimo gehört, investierte er hier mit seinen Partnern über 500 Millionen Dollar in Landkäufe und die Infrastruktur. Seine Firma organisiert an 40 Wochen im Jahr Turniere. Hauptsaison ist während des WEF der Springreiter, des Winter Equestrian Festival. Dieses dauert zwischen Januar und Ende März zwölf Wochen und ist mit einem Preisgeld von zehn Millionen Dollar die längste und am höchsten dotierte Turnierserie.

Von Mittwoch bis Sonntag wimmelt es auf der Anlage von Reiterinnen und Reitern – zwischen den Berufsreitern sieht man Ponymädchen mit Siegerschleifen um den Hals und Rentner mit abgewetzten Reitstiefeln. Teilnehmer im Alter von 2 bis 80 Jahren treten in über 70 Kategorien an, von der Führzügelklasse für die Kleinsten über Amateur- und Seniorenprüfungen bis zu den Grossen Preisen für die Profis. Den ersten des Jahres hat Martin Fuchs mit Clooney für sich entschieden.

7000 Pferde nehmen jährlich am WEF teil, rund ein Drittel davon wird eingeflogen. Damit die edlen Tiere, ihre Reiter und Besitzer standesgemäss unterkommen, ist rund um die Wettkampfstätten ein Dorf aus Pferdefarmen und privaten Reit- und Wohnanlagen entstanden. Dafür hat Wellington eine eigene Bauzone geschaffen, das «equestrian preserve». Pferdehaltung mitten in der Stadt ist nicht nur erlaubt, sondern explizit erwünscht. Platz gibt es genug: Die Fläche der Gemeinde entspricht ungefähr derjenigen der Städte Zürich, Genf und Basel zusammen – nur mit einer wesentlich geringeren Bevölkerungsdichte.

Briefkästen in Wellington. Bild: Angelika Nido
Briefkästen in Wellington. Bild: Angelika Nido

Am Stadtrand findet man einfache Ställe und Ponys, die in Vorgärten den Rasenmäher ersetzen. Doch was am Meer, das 20 Kilometer von Wellington entfernt liegt, die Strandlage ist, ist hier die Distanz zu den Turnierplätzen: Je näher man ihnen kommt, desto höher steigen die Immobilienpreise, desto teurer und luxuriöser werden die Pferdefarmen und Reitanlagen. Sie liegen an Strassen mit Namen wie Drafthorse Lane, Equestrian Way oder Paddock Drive. An den mit gusseisernen Pferdeköpfen verzierten Briefkästen stehen Hausnummern, aber keine Namen: Der reitende Jetset (siehe Artikel rechts) mag es diskret. Wer durch ein offenes Tor einen Blick in die Stallungen erhascht, staunt. «Die Pferde wohnen hier schöner als die meisten Menschen», hat Bob Margolis, bis 2016 Bürgermeister, in einem Interview gesagt.

Denn Pferden drohen Koliken

Die Staysail Farm befindet sich an bester Lage, gleich hinter dem Palm Beach International Equestrian Center. Das Stallgebäude liegt im Schatten üppiger Palmen. Es riecht würzig nach Heu, Leder und lasiertem Edelholz. Die Einrichtung ist zweckmässig, goldene Tränken sucht man vergebens, obwohl die Besitzer Milliardäre sind. Wichtiger sind hier die Ventilatoren, die für frische Luft sorgen, sowie ein Rohrsystem an der Decke mit kleinen Düsen, die Insektenspray versprühen.

Das einstige Sumpfgebiet ist kein pferdefreundlicher Landstrich. Bei schwülheissem Wetter drohen Koliken, wenn die Pferde zu wenig trinken, kleine Wunden und Insektenstiche infizieren sich schneller, die Weidezeit ist auf die kühlen Morgenstunden beschränkt.

Abkühlung für Vierbeiner. Bild: Angelika Nido
Abkühlung für Vierbeiner. Bild: Angelika Nido

«Die Pflege der Pferde ist hier anspruchsvoller», sagt Beat Mändli, der die Verantwortung trägt für die 19 edlen Tiere, die neugierig aus den geräumigen Boxen blicken. Der Weltcupsieger und Olympiasilbergewinner in Sydney ist seit 2014 angestellt bei der New Yorker Familie Dinan. Er trainiert Katie, die 25-jährige Tochter des Hauses, und nimmt mit Pferden der Dinans an Turnieren teil. Mit der Stute Dsarie wurde er Anfang Februar beim Weltcupspringen in Wellington Dritter. Der Schaffhauser verbringt seinen sechsten Winter hier und hat sich an die Dimensionen gewöhnt – und angepasst. Das Beste ist für die Pferde gerade gut genug, und so lässt Mändli seinen bevorzugten Hufschmied alle fünf Wochen aus der Schweiz einfliegen.

Dass Wellington ein teures Pflaster ist, hat Martin Fuchs schnell gemerkt. Für die, die keine eigenen Stallungen besitzen, sind Boxenmieten zwischen 3000 und 5000 Dollar pro Monat üblich. Die Startgebühren für drei Pferde betragen auf Fünfstern-Niveau fast 10 000 Dollar pro Wochenende. «Aber auch Heu, Kraftfutter oder der Tierarzt sind viel teurer als bei uns», sagt er, der Ende März in die Schweiz zurückkehrt und eine Woche später am Weltcupfinal in Göteborg teilnimmt. Von seinem Florida-Abenteuer ist er trotzdem restlos begeistert: «In Wellington dreht sich alles um Pferde, und die meisten Menschen haben etwas mit Pferden zu tun – das ist ein Lebensgefühl, das mir extrem gut gefällt!»

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