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Die Ursachen des Debakels

Die Schweizer Alpinen befinden sich im Umbruch. Bei den Frauen war dies schon länger klar. Bei den Männern kommt es eher überraschend.

Völlig von der Rolle: Didier Défago, eigentlich der Teamleader bei den Speedfahrern, ist in der Abfahrt und im Super-G von Lake Louise überhaupt nicht in Fahrt gekommen.
Völlig von der Rolle: Didier Défago, eigentlich der Teamleader bei den Speedfahrern, ist in der Abfahrt und im Super-G von Lake Louise überhaupt nicht in Fahrt gekommen.
Keystone
Das Gleiche gilt für Carlo Janka. Der Bündner kämpft mit sich selbst und dem Material.
Das Gleiche gilt für Carlo Janka. Der Bündner kämpft mit sich selbst und dem Material.
Keystone
Wendy Holdener tastet sich im Slalom an die Spitze heran. Aber auch das Talent braucht Zeit.
Wendy Holdener tastet sich im Slalom an die Spitze heran. Aber auch das Talent braucht Zeit.
Keystone
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Die Schweizer Skifahrer erlebten bei der Abfahrt in Lake Louise ein Debakel, der Super-G am Tag darauf war dank Patrick Küngs 10. Rang wenigstens ein bisschen besser. Derweil sorgte Lara Gut mit Rang 4 in Aspen für eine positive Überraschung, ausgerechnet beim Riesenslalom, ausgerechnet bei der Sorgendisziplin. Wo ja schon Dominique Gisin in Sölden mit dem gleichen Resultat überzeugt hatte.

Heisst das nun, bei den Frauen ist alles gut, bei den Männern alles schlecht? Schön wärs, wenns im Spitzensport immer so einfach wäre.

Eine Hiobsbotschaft nach der anderen

Das Männerteam hat ein grosses Potenzial, leidet aber unter einer fatalen Ballung von Negativereignissen: Rücktritte (Didier Cuche, Ambrosi Hoffmann), Kreuzbandrisse (Justin Murisier) und die langwierige Rückkehr davon (Küng, Marc Gisin, Vitus Lüönd), Rückenprobleme (Marc Berthod), Materialsorgen (Carlo Janka), nachwirkende Fehlplanungen aus der vergangenen Saison (Silvan Zurbriggen) und vor allem das frühzeitige Saisonende von Beat Feuz wegen Knieproblemen. All das wäre für kein Team der Welt zu kompensieren. Wobei zwei Bemerkungen dazu erlaubt seien: So schlecht wie bei der Abfahrt in Lake Louise muss die Bilanz dennoch nicht sein. Und ob es wirklich hilfreich ist, wenn das behandelnde Ärzteteam von Feuz durch Feuz' Management öffentlich gebrandmarkt wird, ist zumindest fraglich, weil angebliche Fehlbehandlungen in diesem medizinischen Grenzbereich meist blosse Spekulation sind.

Andererseits ist das Fundament bei den Frauen nicht wirklich tragend. Im Speed besitzt Swiss-Ski eines der weltbesten Teams, aber es fehlt bislang die Konstanz; im Technikbereich hat Wendy Holdener Talent, aber das braucht Zeit zur Reife; Lara Gut und Dominique Gisin müssen beweisen, dass sie in allen Disziplinen vorne dabei sein können. Immerhin scheint der neue Cheftrainer Hans Flatscher mehr Ruhe ins System zu bringen. Sein Vorgänger Mauro Pini, zweifellos ein ausgewiesener Fachmann, hat das Team womöglich mit seinen Visionen überfordert.

Der Traum ist in weiter Ferne

Der Schweizer Skisport befindet sich im Umbruch. Bei den Frauen war das seit längerem klar, bei den Männern kommt es ob all der Verletzungen eher überraschend. Was auch in naher Zukunft nicht möglich sein wird, ist die Erfüllung des ganz grossen Schweizer Traums, nämlich die Ablösung der Österreicher als Nummer 1. Dazu genügt ein Blick auf die Resultate im Europacup, dort, wo sich die Talente für grössere Aufgaben aufdrängen, sind ausserdem ganz andere präsenter: Osteuropäer, Franzosen, Italiener, Skandinavier. Oder nehmen wir die Amerikaner, die haben in Copper Mountain ein Trainingszentrum eröffnet, von dem die Konkurrenten schwärmen: Grosszügig sei es, ab November beschneit, keine stundenlangen Gondelfahrten auf den Gletscher sind nötig. Erste Aufgabe für die Schweiz wird es sein, die Nummer 2 zu verteidigen.

Sechs Millionen Franken hat das US-Trainingszentrum gekostet, bezahlt vor allem von privater Hand, weil der Besitzer von Copper Mountain sein Skiresort pushen will. In der Schweiz reden die Politiker immer davon, dass der Spitzensport privat finanziert werden müsse. Okay, aber wo sind die hiesigen Skigebiete, die ihre Manager und Tourismusexperten nicht nur nach Moskau, Peking oder Tokio zur zahlungskräftigen Klientel schicken, sondern nach Muri bei Bern? Dort sitzt Swiss-Ski, dort arbeiten die Trainer an den Defiziten im Schulsport, im Nachwuchsbereich, in der Anerkennung des Spitzensports auf allen Ebenen. Ein Debakel hat immer mehrere Ursachen.

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