Ein «Monster» springt an die Weltspitze

Palloubet d’Halong unter dem Sattel von Janika Sprunger gilt als eines der besten Springpferde der Welt.

«Wäre er ein Kind, hätte man ihm Ritalin gegeben»: Janika Sprunger springt mit Palloubet d'Halong in Aachen.(4. Juli 2012)

«Wäre er ein Kind, hätte man ihm Ritalin gegeben»: Janika Sprunger springt mit Palloubet d'Halong in Aachen.(4. Juli 2012)

(Bild: Keystone)

Franziska Laur

«Sprunger rettet Schweizer Ehre», «ein Phänomen», «Sprunger verblüfft»: Die Zeitungen waren in den vergangenen Wochen voll der Schlagzeilen. Und stets war ein Traumteam gemeint: Janika Sprunger, die zierliche Profi-Springreiterin aus dem Baselbiet und Palloubet d’Halong, muskelbepackter Spitzencrack französischer Abstammung. Nun steht der Vielgerühmte in der Box bei der St. Jakobshalle und knabbert an Sprungers Ohr. Nickt mit dem Kopf, versucht, ein Stück Ärmel zu erwischen, schnobert, scharrt mit dem Huf. «Wäre er ein Kind, dann hätte man ihm schon lange Ritalin gegeben», sagt Sprunger und lacht. Seine Betreuerin bestätigt: «He’s a monster, but a nice one.»

Palloubet d’Halong ist kein einfaches Pferd: eigenwillig, verspielt, übermütig, bockt häufig und lässt sich gerne ablenken. Doch im Parcours läuft er hoch konzentriert und sauber. Und so liegt Janika Sprunger nichts ferner, als seine Persönlichkeit zu brechen. Der Fuchs mit der Blesse und den vier weissen Fesseln hat mittlerweile einen internationalen Ruf. Seinem Besitzer, dem Riehener Unternehmer Georg Kähny, wurden aus dem Ausland schon Millionenbeträge für ihn geboten. Er lehnte ab. «Er verkauft im Moment nicht», sagt Sprunger. Natürlich ist sie froh darüber: «Wir hätten mit dem Aufbau wieder von ganz vorne beginnen müssen.»

«Eines der besten Pferde der Welt»

Die 25-Jährige hat den jungen Palloubet selber ausgebildet. 2008 kam er als Sechsjähriger weitgehend unerfahren in den Stall des familieneigenen Reitzentrums auf dem Galms in Lausen. Und im vergangenen Jahr haben sich seine Sprungkraft und Sprungers leichter, einfühlsamer Reitstil zum Erfolgsteam entwickelt. Der Lohn: vordere Plätze in Paris und am Weltcupspringen in Genf. Geht alles gut, wird es noch besser, da der jetzt mit einiger Routine ausgestattete Palloubet ins beste Alter kommt. «Doch die Spanne zwischen Sieg und Niederlage ist hauchdünn», sagt die Bubendörferin.

«Palloubet ist eines der besten Pferde der Welt», sagt Willy Bürgin, Orga­nisator des höchstdotierten Hallenturniers CSI Basel, das gestern begonnen hat. Und was ist das Geheimnis dieses Ausnahme-Pferdes? «Wie er springt – er lässt fast immer die Stangen oben», sagt Bürgin. Und Janika Sprunger sei die perfekte Partnerin.

Wie beim Ballett

Beim Springen ist nicht allein die Leistung des Pferdes wichtig. Stark ins Gewicht fällt die Führung: Ob ein Reiter einwirkt oder nicht, wann er das Zeichen zum Absprung gibt, wie gut er mit dem Pferd mitgehen und wie leicht er sich machen kann – dies sagt Max Horlacher, Pferdekenner aus dem Fricktal und jahrzehntelanger Beobachter der Reitszene. ­Janika und ihrem Pferd beim Springen zuzuschauen, sei, wie Ballett zu sehen. «Sie beherrscht eine hohe Kunst», sagt er. Und das sei, die Sprungkraft ihres Pferdes optimal zu nutzen und umzusetzen. Sie fliesse buchstäblich mit der Bewegung des Pferdes mit – und sie reite aus dem Bauch heraus.

Tatsächlich ist der grösste Feind des Reiters wohl der Kopf. Wie ein Schütze, der beim Abschiessen des Pfeils so lange zielt, bis ihm der Arm vor Anstrengung zittert, kann auch ein Reiterpaar zögern und alles vermasseln. «Bei Janika geht alles federleicht und natürlich», sagt Horlacher, «das ist reine Schönheit.»

Tatsächlich wurde die Kunst der Pferdeführung schon in der alten Mythologie verehrt. Die Sage vom Makedonier-König Philipp erzählt, dass diesem das Pferd Bukephalos zum Kauf angeboten wurde. Doch dieses bockte, stieg und biss. Der König war verärgert und wollte den Hengst wegführen lassen, als sein 13-jähriger Sohn Alexander zum Pferd schritt und es mit seiner Stimme und Berührungen zähmte. Aus dem Pferdeflüsterer wurde später Ale­xander der Grosse.

Das Geheimnis der Pferdezucht

Trotzdem sind für ein echtes Erfolgsteam auch die Qualitäten des Pferdes wichtig. Kaum vorstellbar, dass Palloubet d’Halong, der verspielt in seiner Box in der Brüglinger Ebene steht und rumknabbert, im nächsten Moment konzentriert über die Hindernisse schnellen kann. Und doch ist es so: Der zehnjährige Wallach hat die Sprungkraft, das Herz und die Kraft, um die höchsten Hindernisse zu meistern und das so spielend und fliessend, dass die Herzen der Zuschauer vor Freude mitspringen.

Sein Geheimnis kennt man nur ansatzweise. Beispielsweise, dass er den richtigen Körperbau, eine gute Konstitution und eine optimale Wendigkeit hat. Doch es braucht noch etwas darüber hinaus. Der berühmte italienische Rennpferdezüchter Federico di Tesio (1869–1954) beispielsweise schwor darauf, dass nur die wahre Liebe erfolgreiche Spitzencracks schafft. So kreuzte er seine Stuten nur mit den jeweils passenden Hengsten und kritisierte stets die künstliche Besamung. Bis heute ist diese Art der Zeugung in der Rennpferdeszene denn auch nicht erlaubt.

Dass trotz künstlicher Besamung auch im Springsport sorgfältig auf die passende Konstellation geachtet wird, zeigt das Beispiel der Gross­eltern von Palloubet d’Halong. Mésange du Rouet, die Grossmutter von Palloubet, war ein besonders freund­liches und umgängliches Pferd. Der Züchter Louis Fardin fügte dieser Stute den heissen Charakter von Galoubet A zu. Durch diese Kreuzung entstand ein Nachkomme mit viel Charakter und grossem Siegerherz: Baloubet du Rouet, Vater von Palloubet d’Halong. Der dreifache Weltcupsieger scheint sein Talent auch gut weiter zu vererben.

«Er liebt Pferde und mich.»

Doch es braucht auch ein gutes Umfeld, um sich den Erfolg auf die Fahne schreiben zu können. Janika Sprunger, die seit Kindsbeinen auf Pferden sitzt, hat ihrem Vater und Trainer Hansueli Sprunger viel zu verdanken. Der 60-jährige Besitzer des Reitzentrums Galms ist selber erfolgreicher Springreiter und Sportchef des CSI Basel. Und weiter gehört ein Sponsor dazu, der das nötige Kleingeld hat. Georg Kähny ist mittlerweile zum guten Freund der ganzen Familie worden.

Neben ihrer Mutter, die sie früh förderte, drei zuverlässigen Frauen, die ihre acht Turnierpferde reiten und pflegen helfen, gibt es seit zweieinhalb Jahren auch einen Freund im Leben von Janika Sprunger: den spanischen Springreiter Manuel Anon, der fünf Jahre jünger als Sprunger ist. Gegenüber der «Pferdewoche» sagte sie kürzlich: «Der Altersunterschied macht mir nichts aus. Manuel steht mit beiden Füssen im Leben. Er weiss, was er will.» Und sie fügte hinzu: «Er liebt Pferde und mich.» Vielleicht ist es kein Zufall, dass das Pferd zuerst erwähnt wird. Denn wenn man etwas braucht, um in diesem Sport bestehen zu können, dann ist es eine schon fast irrwitzige Faszination und Liebe. Andernfalls würden sich die vielen Strapazen nicht durchhalten lassen: füttern in aller Herrgottsfrüh, striegeln und reiten in bissiger Kälte. Dazu kommt, dass eine Profireiterin kaum Freizeit kennt: An den Wochenenden ist sie an Turnieren, Ferien sind eine Seltenheit.

Springreiten – ein Männersport?

Warum finden sich eher wenig Frauen bei den Spitzenreitern? Schreckt sie die Härte des Geschäfts ab oder vielleicht gar Geschichten um Pferdequälereien? So machte einmal die Runde, dass der Springreiter Paul Schockemöhle seine Pferde absichtlich gegen Barren schlagen liess, damit sie höher springen. Andere streichen ihnen eine durchblutungsfördernde Salbe an die Beine. Dadurch schmerzen die Stellen mehr, wenn sie am Hindernis anschlagen und sie heben die Beine beim Sprung höher. «Bei Schockemöhle ging es darum, dass die Pferde bei Auktionen möglichst hoch springen, damit sie viel einbringen», sagt Sprunger. Sie glaube aber nicht, dass heutzutage ein Profi-Springreiter seinen Pferden absichtlich Leid zufügt: «Schliesslich leben wir ja alle von ihnen. Keiner von uns zielt nur auf den kurzfristigen Erfolg ab.»

Zwar ist das Springen von Natur aus keine Lieblingsbeschäftigung von Pferden. Doch so behutsam wie Janika Sprunger sie an die Arbeit heranführt, ist es sicher möglich, dass sie die Concours-Atmosphäre und den öffentlichen Auftritt geniessen können. Wie Palloubet d’Halong, der erst dann konzentriert arbeiten kann, wenn er sich im Wettkampf misst – und dafür hat er in den kommenden Tagen am CSI noch heute und am Grand Prix vom Sonntag noch Gelegenheit.

Basler Zeitung

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