Er fühlt sich nicht wie 43

Nikola Marinovic fühlt sich noch immer jung genug, um eine weitere Saison im Tor von GC Amicitia Zürich zu stehen.

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Sie spielen Fussball. Das ist noch immer die beliebteste Sportart bei Handballern, wenn es ums Aufwärmen vor dem Training geht. Nikola Marinovic aber macht sich abseits des Geschehens in der Zürcher Saalsporthalle alleine warm. Natürlich. Der Mann sieht nicht nur wegen des grauen Bartes älter aus als der Rest. Er ist es auch. Da muss er seinen Körper doch anders auf die Belastungen vorbereiten.

Weit gefehlt. «Ich liebe Fussball, ich bin eigentlich immer dabei», widerspricht Marinovic. An jenem Tag hats ihn ein bisschen in der Wade gezwickt, «da macht es so kurz vor dem Meisterschaftsstart keinen Sinn, etwas zu riskieren». Seit 1996 steht er in den höchsten Ligen in Jugoslawien, Serbien, Österreich, Deutschland und der Schweiz im Tor, am Sonntag beginnt eine weitere Saison für ihn. Mit GC Amicitia trifft er im ersten Spiel zu Hause auf Suhr Aarau. Drei Tage nach seinem 43. Geburtstag. Die Dressnummer 76 ist sein Jahrgang.

«Mein Körper sagt mir noch immer, dass es funktioniert, ich fühle mich gar nicht wie 43», erklärt der Mann aus Belgrad, der seit 2004 den österreichischen Pass besitzt. Vom Altersrekord im Fussball ist er noch einiges entfernt. Der Ägypter Essam El-Hadary stand an der WM 2018 in Russland als 45-Jähriger noch im Tor. «Wenn du über eine starke Technik verfügst, kannst du im Handball lange ein guter Goalie sein», meint Marinovic. Und sein Rüstzeug ist exzellent, gelernt hat er bei Zlatan Arnautovic, der als einer der besten Goalies Ex-Jugoslawiens gilt.

Und dann steht er bereits da

«Dazu ist Handball auf der einen Seite zwar sehr kompliziert, auf der anderen Seite aber auch einfach.» Je mehr Erfahrung er habe, desto mehr könne er das Spiel lesen, spüren, was ablaufen werde. Und dann passiert genau das, worüber sich schon so mancher Schütze gewundert hat: Eigentlich wäre die Ecke frei, er wirft dorthin – aber der Routinier steht schon da und pariert den Wurf. Dazu benötigt der Goalie keine jugendlichen Reflexe. Seine Intuition ersetzt die vielleicht geringere Schnelligkeit.

Das Spiel liest er seit Jahren nicht als «Nikola», «Niko» oder «Nik». Seine Kollegen rufen ihn «Boby». Bei Marinovics Wechsel nach Wetzlar 2011 spielte dort mit Nikolai Weber schon ein Goalie mit ähnlichem Vornamen. Rückraumschütze Philipp Müller war sich nach zweiwöchiger Suche nach einem Übernamen sicher: Der Neue hat ganz ähnliche Augen wie die Reggae-Legende Bob Marley. So wurde aus Nikola zuerst «Bob», dann «Boby». Diese Bezeichnung behielt er auch bei seinem Wechsel 2015 nach Schaffhausen bei, wo schon einige Nikolas im Team standen.

Die Brille als Markenzeichen

Seit den Wetzlar-Zeiten blicken die Bob-Marley-Augen im Match und Training durch eine Brille. Marinovic benötigt sie nicht als Sehhilfe, sondern als Schutz. «Als wir gegen den Abstieg kämpften, wollte ich trotz einer Verletzung im Gesicht spielen. Die Club-Ärzte rieten mir davon ab», erinnert sich Marinovic an die Saison 2011/12. «Da ging ich zum Doktor der deutschen Eishockey-Nationalmannschaft. Der gab mir grünes Licht, riet mir aber, mich mit einer Brille zu schützen.» Fündig wurde er im Unihockey. Mit einem Sportartikelhersteller aus der Floorballbranche schloss Marinovic gar einen Vertrag ab. Seit dann ist die Brille sein Markenzeichen.

«Boby ist einer, der die Qualität hat, einem Team Konstanz zu geben», sagt sein aktueller Trainer Arno Ehret. Der Goalie agiert manchmal als väterlicher Ratgeber, doch er kann auch sehr emotional sein. Noch immer packt ihn das Spiel. Dass er in Schaffhausen nach zwei Jahren eigentlich nur noch Torhütertrainer hätte sein sollen, wurmte ihn daher ziemlich. Er war froh, dass 2018 ein Anruf aus Zürich kam.

Schlusspunkt. Oder?

GC Amicitia erlaubte es ihm auch Anfang letzter Saison, erneut in die Bundesliga einzutauchen. Nach Ausfall des Wetzlarer Stammtorhüters liehen die Zürcher «Boby» bis Weihnachten an seinen früheren Verein aus. Dieses grössere Schaufenster ermöglichte es ihm, mit Österreichs Nationalteam noch einmal an einer WM teilzunehmen. Nur fünf Österreicher haben mehr Länderspiele absolviert als Marinovic mit seinen 169. Seinen letzten Auftritt hatte er am 15. Januar 2019 – gegen den nachmaligen Weltmeister Dänemark. Er kam für einen Penalty aufs Feld. Ihm stand mit Mikkel Hansen der aktuell weltbeste Spieler gegenüber. Es gab kein Happy End. Hansen gewann das Duell, Dänemark die Partie.

Im April wurde Marinovic aus dem Nationalteam verabschiedet. «Ich habe mal einen Schlusspunkt gesetzt.» So wie er das sagt, ist klar, dass der Schlusspunkt kein endgültiger sein muss. So wie er auch jetzt nicht verkündet, dass dies seine letzte Saison im Tor sein werde. «Ich geniesse meine Rolle als Handballspieler.» Aber bereit für die Zeit danach ist er. Marinovic besuchte bereits diverse Trainerkurse, arbeitet im Zürcher Nachwuchs zweimal pro Woche als Goalie-Trainer und einmal bei seinem früheren Club in Bregenz. Seit vier Jahren wohnt er mit seiner Frau und den zwei Töchtern in Lindau am Bodensee. Von seiner Basis aus kann er nach dieser Saison nach Süddeutschland, nach Österreich oder in die Schweiz reisen. Unterwegs in Sachen Handball.

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