Gleiches ist nicht immer gleich

Remo Käser ist jung, überaus talentiert und wird zuweilen hart kritisiert. Morgen tritt er am «Bernjurassischen» in Péry an.

Remo Käser ist erst 22-jährig – das geht manchmal vergessen. Foto: Marcel Bieri

Remo Käser ist erst 22-jährig – das geht manchmal vergessen. Foto: Marcel Bieri

Marco Oppliger@BernerZeitung

Von Mentaltraining hält Remo Käser nicht viel. Er habe es einmal versucht, «aber wenn mir jemand in einer Sitzung etwas vorliest und er keinen Bezug zu mir hat, dann finde ich es schwierig, davon etwas mitzunehmen». Lieber höre er diesbezüglich auf sein enges Umfeld, Vater Adrian und Matthias Sempach etwa.

Und doch kommt es manchmal vor, dass sich Käser vorstellt, wie es sein wird, wenn er Ende August am «Eidgenössischen» in Zug vor rund 57'000 Zuschauern schwingen wird. Und wie diese jubeln, wenn er einen Gang gewinnen wird. Auch das ist eine Art Mentaltraining.

Erst 22-jährig ist der gebürtige Alchenstorfer. Das geht manchmal vergessen, weil er schon lange auf hohem Niveau schwingt. Und weil am Stammtisch zuweilen durchaus kritisch über ihn diskutiert wird. Werden die ähnlich alten Joel Wicki, Samuel Giger und Armon Orlik in den höchsten Tönen gelobt, heisst es bei Käser oftmals, da müsse noch mehr kommen.

«Kritisch sein mit Niveau bedeutet nichts Schlechtes. Meine drei Schwingerkameraden haben guten Sport gezeigt, dass muss man neidlos anerkennen. Ich arbeite hart daran, dass ich meine Ziele ebenfalls erreiche», sagt er.

Der Vertreter der Moderne

Um die Diskussionen um Käser zu verstehen, bedarf es des Blicks zurück. 2016 war sein Durchbruch mit zwei gewonnenen Kranzfesten und dem 3. Rang am «Eidgenössischen» in Estavayer. Die Parforceleistung weckte Erwartungen. Und diese wiederum vermochte der junge Athlet in der Folgesaison nicht zu bestätigen – weil er trotz Verletzungen schwang, deshalb sein gewohntes Rendement nicht erreichte.

«Daraus habe ich viel gelernt», sagt Käser. Im letzten Jahr bestritt er nur sechs Kranzfeste – und gewann zwei davon. Nur war das Echo auf seine beiden Siege am «Mittelländischen» und am Südwestschweizer Teilverbandsfest ungleich kleiner als zwei Jahre zuvor. «2016 hatten mich nicht viele auf der Rechnung. Nun werde ich anders angeschaut», sagt er.

Das gilt insbesondere für die Konkurrenten. «Vor drei Jahren sind die ‹Eidgenossen› und Kantonalkranzer voll auf mich losgegangen. Nun kommt es schon mal vor, dass ein ‹Eidgenosse› gegen mich auf einen Gestellten aus ist.»

Weil Käser ein aktiver Schwinger ist, musste er sich anpassen. Er investierte viel ins Krafttraining, machte diesbezüglich im Winter nochmals einen grossen Schritt. «Mit den Werten, die ich 2016 hatte, hätte ich gegen einen richtig starken Schwinger nicht so ziehen können, wie ich das heute tue.»

Käser ist der Vertreter der Moderne in diesem von so viel Tradition geprägten Sport. Auf Facebook und Instagram lässt er seine Fans regelmässig wissen, was er gerade tut – was gerade den Traditionalisten nicht sonderlich gefällt. «Die meisten in meinem Alter setzen sich aber mit sozialen Medien auseinander», sagt er. Für ihn sind diese eine wichtige Informationsquelle, «und gleichzeitig auch eine Chance, der jüngeren Generation zu zeigen, wie cool Schwingen ist».

Überdies können auf diese Weise Einnahmen generiert werden. Weil Sponsoren heute von einem Athleten erwarten, dass er in den sozialen Netzwerken aktiv ist – schliesslich sorgen diese unter anderem für Reichweite. Käser tut das gern, sofern es seine Hauptaufgabe nicht tangiert. «Die Social-Media-Arbeit erledigen wir im Teamwork mit Agentur und Management. Mir ist wichtig, dass ich mich auf das Schwingen konzentrieren kann», betont er und fügt lächelnd an: «Ich bin nicht permanent online, da gehe ich lieber fischen.»

Highlight vor dem Highlight

Das Sponsoring ermöglicht Käser, seinen Sport «so auszuüben, wie ich das möchte». Aber weil es die Tradition gebietet und weil es für ihn eine willkommene Abwechslung ist, arbeitet er halbtags beim Futtermittelhersteller Kunz Kunath AG, stellt dort Lieferungen bereit. Zudem lässt er sich zum Personal Coach ausbilden.

Sein Wettkampfkalender – er hat ihn mit einem Video auf Facebook vorgestellt – führt Käser am Sonntag ans «Bernjurassische» in Péry. Und die Schwingfans dürfen sich bereits jetzt auf den 30. Juni freuen. Dannzumal wird es am Nordostschweizer Teilverbandsfest nämlich zum Kräftemessen zwischen ihm, Orlik und Giger kommen.

Es ist ein erster Höhepunkt in der Saison – zwei Monate vor dem veritablen Höhepunkt. «Und für mich ist es ein Vorteil. Weil ich dann wissen werde, wo ich stehe», sagt er. Weil Sempach zurückgetreten ist und mit Schwingerkönig Matthias Glarner und Christian Stucki vorerst zwei Schwergewichte nicht ins Geschehen eingreifen können, ist Käser mehr denn je ein Berner Hoffnungsträger.

Aber er hütet sich davor, das Wort «König» in den Mund zu nehmen. «Ich will einfach immer Vollgas geben, in jedem Gang», betont er. Nur sich vorzustellen, wie es sein wird, wenn die Zuschauer nach einem gewonnenen Gang in Zug jubeln, das liegt drin.

Berner Zeitung

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