Im ganz kleinen Schaufenster

Die Aufnahme ins olympische Programm sorgte ­vielerorts für einen Hype. Hierzulande bewegt sich Rugby jedoch unverändert and der Peripherie der Sportwelt. Die Berner Midland Hawks wollen daran etwas ändern.

Wuchtig, dynamisch, spektakulär: Harte Tackles (hier von Lukas Steiger von den Midland Hawks) sind im Rugby an der Tagesordnung.

Wuchtig, dynamisch, spektakulär: Harte Tackles (hier von Lukas Steiger von den Midland Hawks) sind im Rugby an der Tagesordnung.

(Bild: Raphael Moser)

Simon Scheidegger@@theSimon_S

Es gibt sie, die Tage, die anders sind als die andern, die sich einen speziellen Platz im Gedächtnis eines Menschen verdienen und dort haften bleiben. Viele Rugbyfans auf der ganzen Welt dürften sich an einen Tag vor gut einem Jahr besonders gerne zurückerinnern.

Am 6. August 2016 wurden im temporär errichteten Deodoro-Stadion in Rio de Janeiro die ersten Spiele eines olympischen Sevens-Rugby-Turniers durchgeführt. Eine der populärsten Sportarten der Welt war endlich unter den fünf Ringen zu sehen.

Action und Spektakel

Auch Samuel Steiger verfolgte die Partien damals mit grosser Freude vor dem Fernseher. Dem 32-Jährigen liegt die abgespeckte Variante des Fünfzehner-Rugbys am Herzen. Vor fünf Jahren gründete der langjährige Nationalspieler deshalb zusammen mit ­einigen Kollegen die Midland Hawks, denen er auch als Präsident vorsteht.

Die Hawks sind ein überregionales Siebner-Rugby-Team mit Sitz in Bern, das den Spielern die Möglichkeit geben soll, nicht nur die gemeinhin verbreitete Variante mit 15 Akteuren pro Mannschaft zu praktizieren, sondern auch vermehrt in Siebnerteams anzutreten.

«Siebner-Rugby wäre für ein kleines Land wie die Schweiz eigentlich viel ­attraktiver», sagt Steiger und erwähnt die höhere Geschwindigkeit und Dynamik, die einfacheren Regeln und die höheren ­Resultate. «Es ist einfach mehr Action, ein Spektakel.»

Fokus aufs Traditionelle

Mit dieser Meinung ist Steiger gewiss nicht allein, aber doch anscheinend in der Minderheit. Die Midland Hawks sind einer von nur drei Vereinen in der Schweiz, die sich voll auf Siebner-Rugby fokussieren. Alle anderen, wie beispielsweise der Rugby Club Bern, nehmen zwar immer mal wieder an einem Sevens-Turnier teil – wie am Samstag am Sirupier-Cup auf der Berner Allmend –, für sie, wie auch für den nationalen Verband, steht aber klar die traditionelle Fünfzehnervariante im Vordergrund.

Samuel Steiger findet dies ­unverständlich und erwähnt zur Veranschaulichung die neuseeländische Nationalmannschaft, die an den Turnieren der World Rugby Sevens Series – eine Turnierserie, in der sich die 24 weltbesten Teams auf der ganzen Welt messen – jeweils ausschliesslich aus jungen, entwicklungsfähigen Spielern besteht. «Siebner-Rugby kann ein Sprungbrett sein ins Fünfzehner-Rugby.»

Seit der olympischen Premiere in Rio haben viele Regierungen auf der ganzen Welt die Förderung intensiviert, manchenorts ist Rugby Pflichtprogramm an Schulen. Der hiesige Verband habe in den letzten Jahren etwas mehr in die Jugend investiert, sagt Steiger – um einen Schritt vorwärtszumachen, sei dies allerdings nicht ausreichend. Deshalb ist für Steiger klar: «Es braucht junge Spieler, die mitreissen und die Entwicklung ­vorantreiben.»

Einer von ihnen ist Leo Luginbühl. Der 18-Jährige spielt seit sieben Jahren Rugby, seit einem Jahr auch regelmässig bei den Midland Hawks. Er möge beide Rugbyvarianten, sagt Luginbühl. Da Siebner-Rugby intensiver sei und die Verantwortung auf weniger Schultern verteilt sei, lerne ein einzelner Spieler allerdings mehr, und das sei wichtig.

Klare Ambitionen

Der Ehrgeiz ist in den Worten des Teenagers spürbar. Im vergan­genen Jahr wurde er mit der U-18-Nationalmannschaft Fünfzehner-Europameister, und er träumt von einem Profivertrag in England oder Frankreich, wo Rugby einen deutlich höheren Stellenwert geniesst als hierzulande. Der angehende Schreiner, der gerade seine Sportlerlehre begonnen hat, ist sehr optimistisch, dass er sich diesen Traum irgendwann wird erfüllen können. «Ich muss einfach dranbleiben.»

In der Schweiz gibt es einige ehrgeizige aufstrebende Junge wie Leo Luginbühl. Das freut auch Samuel Steiger. «Wenn die Entwicklung so weitergeht, werden wir in zehn Jahren ein gutes Niveau haben», ist er überzeugt. Wie sich dies allerdings im internationalen Vergleich niederschlagen könnte und was für die Rugby-Schweiz dann längerfristig möglich wäre – da will sich Steiger nicht festlegen. Rugbyfans sollten sich den 15. August 2027 vielleicht trotzdem vorsorglich vormerken.

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