«Im Schwingsport wird alles ausgereizt»

Es ist ruhiger geworden um den Schwingerkönig von 2010. Beim Berner «Kantonalen» tritt Kilian Wenger als Titelverteidiger an. Im Interview spricht er über seine Entwicklung und das erhöhte Verletzungsrisiko.

Nachdenklicher König: Zum Thema Doping sagt er: «Die Sensibilisierung müsste intensiviert werden.»

Nachdenklicher König: Zum Thema Doping sagt er: «Die Sensibilisierung müsste intensiviert werden.» Bild: Susanne Keller

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Nach der Vereinbarung des Interviewtermins haben Sie darum gebeten, nochmals per SMS erinnert zu werden. Mit Verlaub: Sind Sie immer noch ein «Laueri»?
Kilian Wenger: Ich habe mich gebessert (lacht). Früher vergass ich viele Dinge. Das war auch dem jugendlichen Leichtsinn geschuldet. Aber ich gebe mir Mühe und konnte in diesem Bereich einen Schritt machen.

Als amtierender Schwingerkönig verschliefen Sie einst eine Autogrammstunde.
Nicht verschlafen, vertauscht! Der Termin wäre an einem 29. 8. gewesen, ich hatte ihn für den 28. 9. notiert. Das ist der einzige Fauxpas, an den ich mich erinnern kann.

Im Trainingslager auf Gran Canaria haben Sie das Rückflug­ticket im Hotel vergessen.
Das ist etwas anderes (lacht). Da war ich nicht alleine schuld, auch Matthias Sempach hätte mitdenken können. Wir fuhren zum Flughafen, die Tickets blieben auf dem Nachttisch im Hotelzimmer. Als wir anriefen, hatte die Putzfrau die Karten längst entsorgt. Es war ein einziges Theater. Am Ende durften wir dank unserer Ausweise doch noch ins Flugzeug steigen.

«Ich habe mich nie bewusst mit der Frage auseinandergesetzt: Wie bleibe ich ich selbst? Ich habe es einfach gemacht.»

Viele Leute sagen: Das Chaotische gehöre zu Ihnen, mache Sie authentisch. Überhaupt scheint es, als seien Sie stets sie selbst geblieben.
Ich habe mich nie bewusst mit der Frage auseinandergesetzt: Wie bleibe ich ich selbst? Ich habe es einfach gemacht.

Seit acht Jahren stehen Sie als Schwingerkönig in der Öffentlichkeit. Inwiefern hat Sie diese Zeit geprägt?
Geprägt? Sie hat mich weitergebracht. Ich habe eine Entwicklung durchgemacht, was normal ist, wenn man älter wird. Aber ich bin immer noch derselbe: eher zurückhaltend, keiner, der sich aufdrängen will. Da gibt es genügend andere Athleten, die viel Zeit in ­ihre Präsenz investieren.

Wie meinen Sie das?
Ein Beispiel: Zeitungsartikel über mich auf Facebook zu posten, das möchte ich nicht. Das wäre mir unangenehm. Diejenigen, die etwas über mich lesen möchten, werden auf anderen Wegen zu den Artikeln kommen.

Als Sie 2010 das «Eidgenössische» gewannen, verfolgte der Mittelländer Fabian Staudenmann das Fest im Fernsehen und fand dadurch zum Sport. Mittlerweile schwingt er gegen Sie. Was zeigt Ihnen das?
Dass er ein junges Talent und mein Erfolg ein Weilchen her ist.

Eine bösartige Behauptung: So stark wie 2010 in Frauenfeld haben Sie nie mehr geschwungen.
Es müssen viele Faktoren stimmen, damit eine solche Leistung zustande kommen kann. Es war das Fest meines Lebens – bis jetzt.

Können Sie dieses Level nochmals erreichen?
Ich bin überzeugt, dass ich auch im fortgeschrittenen Alter, mit 28 Jahren . . .(unterbricht) Also zum alten Eisen gehöre ich ja noch nicht . . .

. . . die anderen Berner Könige Matthias Glarner und Matthias Sempach sind vier Jahre älter.
Sie gehören zum älteren Eisen (lacht). Jedenfalls ist es realistisch, weiterhin mit den Besten mitzuhalten, obwohl die nächste Generation sehr giftig schwingt.

Sind Sie beeindruckt von der Art und Weise, wie beispielsweise Armon Orlik, Samuel Giger und Joel Wicki auftreten?
Ja, sehr. Ihre Athletik ist beeindruckend. Und im Ring kennen die gar nichts. Für uns Berner ist das ein Weckruf: Es gilt sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Sie werden die nächsten Grossanlässe prägen, sofern sie gesund bleiben. Da setze ich ein Fragezeichen: Wer mit solcher Körperspannung schwingt und voll drauf geht, bei dem ist das Verletzungsrisiko sehr hoch.

Generell haben sich die Verletzungen gemehrt. Auch Sie sind körperlich häufig angeschlagen. Bereitet Ihnen dies Sorgen?
Nein. Du trainierst professioneller, kannst auf diese Weise den «Bräschteli» vorbeugen. Und bei mir ist die Belastung hoch, seit ich 18 Jahre alt bin. Aber im heutigen Schwingsport wird wirklich alles ausgereizt, um das Optimum herauszuholen.

Ausgereizt?
Punkto Athletik und Kraftaufbau. Ich habe ebenfalls viel ins Krafttraining investiert, wiege heute 110 Kilogramm. Ohne den Aufwand wären es wohl um die 90. Mit 90 Kilogramm könnte ich kaum mit der Spitze mithalten. Jeder muss selbst wissen, ob und in welchem Bereich er den Aufwand betreiben möchte.

Wo alles ausgereizt wird, ist Doping nicht weit weg.
Das ist eine heikle Behauptung. Aber klar, Doping wirkt leistungssteigernd und wäre auch in unserem Sport nützlich.

Wie kommentieren Sie den ­Dopingfall Martin Grab?
Schade in jeder Hinsicht. Mehr gibt es nicht zu sagen.

Haben Sie Kenntnis über die ­Dopingliste?
Wenn ich ein Medikament einnehmen muss, prüfe ich sofort, welche Substanzen es beinhaltet. Meistens frage ich bereits beim Kauf nach. Zudem gibt es von Antidoping Schweiz eine App, mit deren Hilfe sich kontrollieren lässt, welche Substanzen verboten sind.

Sind die Schwinger zum Thema Doping genügend sensibilisiert?
Nein, die Sensibilisierung müsste intensiviert werden. Auch wer sich zwei Kränze erschwungen hat, muss prüfen, was ihm der Arzt verschreibt, und das Rezept melden. Alle sind gefordert: der Verband, die Clubs, die Schwinger. Ein Kontrolleur kann auch einmal abends um 10 Uhr bei einem hundsgewöhnlichen Kranzschwinger vor der Haustür stehen.

Oder bei einem Schwingerkönig.
Er kam um 9 Uhr vormittags, nicht um 10 Uhr am Abend. Dieses Jahr wurde ich zweimal kontrolliert.

In dieser Saison ist der vierte Rang auf dem Brünig Ihr Bestresultat. Wie fällt die Bilanz aus?
Durchzogen. Am «Mittelländischen» unterlag ich Roger Rychen, verlor den Faden und verpasste gar den Kranz. Am «Emmentalischen» zog ich mir bei der Niederlage gegen Matthias Aeschbacher eine Brustmuskelverletzung zu und musste pausieren.

Sie haben 2018 an Kranzfesten nur einen «Eidgenossen» bezwungen: David Schmid.
Ich weiss, dass ich viel Luft nach oben habe. Doch ich bin auf gutem Weg, die Form wird besser – und mit dem Berner «Kantonalen» und der Schwägalp stehen noch zwei grosse Feste an. Dort möchte ich einen draufsetzen.

Am Sonntag treten Sie beim «Berner Kantonalen» als Titelverteidiger an. Im Vorjahr bodigten Sie im Schlussgang Christian Stucki. War dies einer Ihrer schönsten Siege?
Das möchte ich behaupten, ja. Hat Stucki einen guten Tag, reiht er nicht selten sechs Siege aneinander. Und ich konnte ihn an einem seiner guten Tage bezwingen.

Bedeutende Siege sind bei Ihnen seltener geworden. Es fällt auf, dass Sie an Grossanlässen häufig früh aus der Entscheidung gefallen sind. Haben Sie daraus die Lehren gezogen?
Ich habe analysiert, weshalb der Start oft nicht gut gewesen war. Es gilt auch die Umstände zu betrachten. Ich hatte nicht immer die gewünschte Form, war ab und an gesundheitlich angeschlagen. Beim letzten «Eidgenössischen» hatte ich grosse Rückenprobleme. Aber keine Diskussion: Selbst mit dieser Einschränkung hätte ich nach der Niederlage zum Auftakt gegen Armon Orlik den zweiten Kampf gegen Andreas Höfliger nicht stellen sollen. Das geht nicht.

«Ob ich fit oder ­verletzt bin: Die Leidenschaft bleibt gross. Es geht nicht ohne Schwingen.»

Schwingerkönig Glarner sagte einst, Sie hätten immer dieses Feuer in den Augen, wenn sie in den Schwingkeller kämen. Ist die Leidenschaft ungebrochen?
Ob ich fit oder verletzt bin: Die Leidenschaft bleibt gross. Am Samstag schwang ich auf der Engstlenalp – und am freien Sonntag verfolgte ich am iPad den Stream des «Nordwestschweizerischen». Es geht nicht ohne Schwingen.

Einige Berner Spitzenschwinger dürften nach dem «Eidgenössischen» 2019 in Zug aufhören. Wie sehen Ihre Pläne aus?
Auf das «Eidgenössische» folgt 2020 das Jubiläumsschwingfest, 2021 bereits wieder Kilchberg, 2022 das nächste «Eidgenössische» in Pratteln. Es ist auf alle Fälle mein Ziel, bis 2022 zu schwingen – und langfristig mit der Spitze mitzuhalten.

Und nochmals Schwingerkönig zu werden?
Das ist ein Traum.

(Berner Zeitung)

Erstellt: 10.08.2018, 10:14 Uhr

«Berner Kantonales» in Utzenstorf

Donnerstag ist Spitzenpaarungstag – so sind sich das die Schwingfans seit dieser Saison gewohnt. Beim «Berner Kantonalen» aber werden die Spitzenpaarungen erst am Freitag zusammengestellt. «Donnerstag wäre der Wunschtermin. Aber weil die Berner Schwinger am Donnerstagabend noch trainieren und bei einigen die Teilnahme am Fest unklar ist, warte ich bis Freitag», sagt Peter Schmutz. Er wird als technischer Leiter des veranstaltenden Teilverbands die Einteilung des ersten Gangs vornehmen. Für den grössten Schwinganlass des Jahres im Bernbiet werden am Sonntag in Utzenstorf weit über 10'000 Besucher erwartet. Seitens der Gästeschwinger sind drei «Eidgenossen» gemeldet (Nick Alpiger, Daniel Bösch, Reto Nötzli).

Die Teilnahme von Schwingerkönig Matthias Glarner ist fraglich. Und Mat­thias Sempach, der andere Berner Schwingerkönig mit Verletzungssorgen, hat am Freitag seinen Rücktritt bekannt gegeben und wird somit nicht von der Partie sein. (rek)

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