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Jetzt kommen die Super-Detektive im Dopingkampf

Wer Betrüger überführen will, muss immer mehr zum IT-Spezialisten werden und riesige Datenmengen analysieren können.

Noch darf sie als Neutrale starten: Die Hochsprung-Weltmeisterin Maria Lasitskene aus Russland. Foto: Christian Bruna (Keystone)
Noch darf sie als Neutrale starten: Die Hochsprung-Weltmeisterin Maria Lasitskene aus Russland. Foto: Christian Bruna (Keystone)

Brett Clothier ist der Typ knuddeliger Onkel. Mit seinen Knopfaugen, dem Bart und der Glatze wirkt er harmlos. Aber der Australier ist zurzeit einer der meistgefürchteten Figuren im Weltsport. Seit Clothier der 2017 gegründeten Integritätseinheit AIU von World Athletics vorsteht, dem Leichtathletik-Weltverband, haben er und sein Team Dutzende von Leichtathleten als Doper überführt.

Der Einfluss von Clothiers Team ist so gross, dass selbst Russland zu kuschen beginnt. Dabei foutierte sich das Land seit 2015 und der Aufdeckung des Staatsdopings um fast jeden Versuch des Sports, das Problem in den Griff zu bekommen.

Nun aber steht Russlands Leichtathletik unmittelbar vor dem Ausschluss aus dem Verband. Ja selbst diejenigen russischen Athleten, welche bislang als Neutrale starten durften, müssen mit einem Bann für die Olympischen Spiele vom Juli in Tokio rechnen. Clothier und sein Team haben nämlich derart viel belastendes Material zutage gefördert.

Der neue Super-Detektiv im Dopingwesen: Brett Clothier. (Bild: Reuters/Thomas Mukoya)
Der neue Super-Detektiv im Dopingwesen: Brett Clothier. (Bild: Reuters/Thomas Mukoya)

Als Folge reagiert plötzlich die hohe russische Politik. Bislang versuchte sie sich primär wegzuducken. Nun fordert der neue Sportminister Oleg Matyzin aber ein Köpferollen und ein Ende der Blockadepolitik der eigenen Leichtathletik-Funktionäre.

Billig für die grosse Wirkung

Die Schlagkraft dieser Super-Einheit um Clothier kontrastiert mit ihrer Grösse. Knapp 20 Personen umfasst das Team. Es verfügt über ein Jahresbudget von acht Millionen Dollar, im Weltsport im Prinzip ein Klacks. Die Zusammensetzung verdeutlicht, wie sehr sich die modernen Dopingbekämpfer vom traditionellen Ansatz entfernt haben.

Lange wurden Betrüger primär über Urin- sowie Blutkontrollen überführt. Der Ansatz ist weiter zentral. Auch die AIU investiert ein Fünftel ihres Personals in diesen Bereich. Deutlich grösser – Clothier lässt die Zahl bewusst offen – ist mittlerweile aber der Zweig «Information und Recherche». Das heisst mit anderen Worten: Doper werden immer mehr mittels Datenspezialisten aufgespürt.

Dabei gilt es soziale Netzwerke ebenso zu beobachten wie das Darknet. Das Team nutzt auch spezifische Analyseprogramme, mit denen es die Leistungen jedes Athleten verfolgen kann – und bei (auffälligen) Veränderungen zu recherchieren beginnt.

Im Fall von Hochspringer Danil Lysenko, dem WM-Zweiten von 2017, erlaubte sich das Team von Clothier ein knappes Making-of, bot also einen seltenen Einblick in die tägliche Arbeit.

War nicht zu Dopingkontrollen anwesend: Hochspringer Danil Lysenko. (Bild: Keystone/Matt Dunham)
War nicht zu Dopingkontrollen anwesend: Hochspringer Danil Lysenko. (Bild: Keystone/Matt Dunham)

Der Russe wurde im Juni 2018 zum Problem, weil er innert 12 Monaten 3-mal nicht für eine Kontrolle auffindbar gewesen war – obschon jeder Athlet in eine Datenbank eintragen muss, wann am Tag er sich wo aufhält. Lysenko sowie russische Funktionäre wehrten sich.

Die AIU begann zu wirbeln und legte darauf einige Schlüsselzahlen offen. Sie unterstreichen die Bedeutung von Big Data. Die AIU sammelte 6 Terabytes an Daten, was 100000 Stunden Musik entspricht oder dem Speicherplatz auf 1300 DVDs. Hinzu kamen knapp 7000 Dokumente.

Dank der Datenspezialisten konnten Clothier und Kollegen belegen, dass Lysenko gelogen und mithilfe von Funktionären seine Daten bezüglich der Aufenthaltsorte manipuliert hatte. 15 Monate dauerte die Recherche, was verdeutlicht: Es braucht einen langen Atem und Profis, damit selbst solche scheinbar simplen Fälle zweifelsfrei geklärt werden können – und juristisch unangreifbar sind.

5200 DVDs mit Daten

Bei den Sportverbänden ist diese Integritätseinheit der Leichtathleten, die komplett unabhängig von World Athletics agiert, einmalig. Primär die Welt-Anti-Doping-Agentur Wada kennt ebenfalls ein solches Super-Team – und muss mitunter noch viel mehr Informationen durchleuchten.

Nur schon das Übertragen ­aller Daten des Anti-Doping-­Labors von Moskau – das sich ab 2015 immer mehr als Doping-­Labor herausstellte – und das Verifizieren dauerte fast drei Monate. Sichten mussten die (IT-)Spezialisten dann rund 1,5 Millionen Dateien, insgesamt waren es 24 Terabytes, was dem Platz auf 5200 DVDs entspricht.

Mit der Schweizer Firma Sportradar, die für Verbände ursprünglich vor allem Live-Resultate und Matchanalysen bereitstellte, ist auch ein kommerzieller Anbieter in diesem Bereich aktiv. Zu ihren Kunden zählen gar grosse Verbände mit eigener Anti-Doping-Abteilung, die trotzdem rasch an Grenzen stossen. Der klare Schrittmacher ist darum Brett Clothier mit seinen Tastatur-Virtuosen.

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