Kleinere Schritte für grössere Ziele

Vor vier Jahren lief Selina Büchel über 800 m erstmals zu Gold an einer Hallen-EM – und danach Schweizer Rekord. Dann stagnierte sie. Jetzt lanciert sie ihre Karriere neu und will in Glasgow das dritte Gold.

Neue Reize, alte Stärke? Selina Büchel war zuletzt wieder so erfolgreich wie lange nicht mehr. (Bild: Ulf Schiller/Freshfocus)

Neue Reize, alte Stärke? Selina Büchel war zuletzt wieder so erfolgreich wie lange nicht mehr. (Bild: Ulf Schiller/Freshfocus)

Der Gegensatz ist frappant. ­Selina Büchel scheint nicht nur zuversichtlich, sondern gar enthusiastisch, fast alle Rennen verliefen in diesem Winter vielversprechend. Das war in der vergangenen Saison nicht so gewesen. Die Mittelstrecklerin aus dem Toggenburg war gesundheitlich angeschlagen, die Bronchien erschwerten das Atmen, es kam da und dort eine kleine Verletzung hinzu – alles andere als ideale Voraussetzungen für gute Leistungen.

Die Resultate der Schweizer Rekordhalterin über 800 m waren ernüchternd, an der EM in Berlin blieb ihr Rang 7 in 2:02,05. Erstmals seit Jahren schaffte es Büchel 2018 nicht, die zwei Bahnrunden unter zwei Minuten zu laufen. Ein Muss, um in der umkämpften Disziplin nur schon in Europa zur erweiterten Spitze zu gehören.

Grösste Erfolge sind länger her

Die 27-Jährige hat die Konsequenzen gezogen und einige ihrer Prinzipien aufgegeben. Büchel war lange jene Schweizer Athletin, die ihren Weg hinauf auf Weltklasseniveau praktisch ausschliesslich von zu Hause aus ging. Sie hielt wenig von Trainingslagern in der Fremde und schätzte ihre gleich schnellen, jüngeren Clubkollegen im TV Bütschwil als Sparringspartner.

Und in fast zwölf Jahren machten ihre Trainer Marlis und Urs Göldi mit ihrer behutsamen Aufbauarbeit eine Läuferin aus ihr, die sowohl an Weltmeisterschaften wie auch Olympischen Spielen Finalchancen hatte und diese nur um Hundertstel vergab. Die grössten Erfolge feierte sie 2015 und 2017, als sie erst Hallen-Europameisterin wurde und diesen Titel dann verteidigte.

Komfortzone verlassen

Jetzt sagt Büchel: «Ich musste meine Komfortzone verlassen, wenn ich noch einmal auf dieses Level kommen will.» Sie lebt zwar weiterhin in Wil SG, ihr Trainer seit dem Herbst ist jedoch Louis Heyer, der auch ­Nationalcoach der Mittel- und Langstreckenläufer bei Swiss Athletics ist. Das bedeutet, dass Büchel nur noch teilweise in der Ostschweiz trainiert, ebenso oft aber auch in Biel oder Magglingen.

Und: Lässt es der Sportalltag zu, arbeitet sie wieder bis zu zehn Stunden pro Woche als Raumplanungszeichnerin. «Es geht mir um die Ablenkung, dass ich mich um etwas anderes kümmere als um mein Training und meinen Körper», sagt sie. Den vergangenen Sommer habe sie als «fast zu komfortabel» erlebt, «es ist gut, wenn ich auch einmal anderweitig gefordert bin».

«Ich weiss, wie sie beispielsweise in Stresssituationen reagiert.»Nationalcoach Louis Heyer

Ein Trainerwechsel ist oft eine heikle Angelegenheit, in Büchels Fall jedoch war es menschlich kein kompletter Neuanfang. Sie sagt: «Wir kennen uns lange, Louis Heyer hat mich seit jeher an den Grossanlässen betreut.» Er ergänzt: «Ich kenne ihre Trainingstagebücher seit 2015, und ich weiss von den Titelkämpfen, wie sie beispielsweise in Stresssituationen reagiert.» Heyer vermutet, dass Büchels Stagnation daher rührt, dass sie sich seit über zehn Jahren im gleichen «System» bewegt, «wohlverstanden einem hervorragenden, es hat sie zur Weltklasseläuferin gemacht, aber: Ihr Körper ist nicht mehr gereizt, er kennt alles».

Der 3-Punkte-Plan

Er hat sich Anfang Winter deshalb einen 3-Punkte-Plan zurechtgelegt. Neue Reize setzen und einen anderen Rhythmus in den Alltag bringen, die Laufökonomie verbessern und: mehr in Trainingslagern mit internationalen Konkurrentinnen arbeiten. Spricht Heyer über seine neue Aufgabe, ist er bemüht zu betonen, seine Trainings seien nicht etwa besser als jene des Ehepaars Göldi, «aber anders». Beschreibt Büchel diese, sagt sie knapp: «Der Schwerpunkt hat sich vielleicht ein wenig verlagert.»

«Haben Sie sie laufen gesehen an den Hallenmeisterschaften? Ihre letzte Runde? Das sah so locker aus!»Nationalcoach Louis Heyer

Doch sieht man Büchel in diesen Wochen laufen, ist es nicht mehr die Läuferin von einst, ihr Stil hat sich merklich verändert. Heyer fragt voller Begeisterung: «Haben Sie sie laufen gesehen an den Hallenmeisterschaften? Ihre letzte Runde? Das sah so locker aus!» Er hat an ihren Grundfesten gerüttelt und versucht, ihr die raumgreifenden Schritte abzugewöhnen – ihren Lauf zu ökonomisieren. «Ihre Schritte waren von den Oberschenkeln gesteuert, die kürzeren Schritte sollen nun aus den Fussgelenken kommen», erklärt er. Laufe sie im übersäuerten Bereich, falle ihr das mit kürzeren Schritten leichter oder zumindest weniger schwer als mit langen.

Nicht weniger als über ein Jahrzehnt eingeschliffene Automatismen versuchte er mit der Athletin zu verändern – auch was die Arme betrifft, die den Laufrhythmus vorgeben. Büchel war gut erkennbar als Läuferin mit ausgeprägter Armbewegung. «Ich versuchte, dass ihr Oberkörper kompakter wird, die Arme enger anliegend und mit kleinerem Schwung», sagt Heyer.

Offenbar hat die Athletin gut gelernt. Mit 2:00,98 lief sie in Torun (POL) jüngst in die Top 3 Europas. Im Kopf hat es nun wieder Platz für den Traum vom dritten EM-Gold.

berneroberlaender.ch/Newsnetz

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt