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Lichtblick unter der Wolkendecke

Die Schweizer tun sich schwer, ihr Potenzial in den entscheidenden Momenten abzurufen. Erfreulich sind die Darbietungen von Gabriel Karlen – auch in der Qualifikation zum heutigen Wettkampf in Engelberg.

Gabriel Karlen ist in der Qualifikation von Engelberg bester Schweizer.
Gabriel Karlen ist in der Qualifikation von Engelberg bester Schweizer.
Keystone

Krise ist ein starkes Wort. Aber es wird hinter vorgehaltener Hand ausgesprochen, wenn sich die Debatte um die Auftritte des helve­tischen Skisprungteams dreht. Simon Ammann, die Lichtgestalt unter der Wolkendecke, ist mit einem 21. Rang als Bestergebnis nach Engelberg gereist.

So weit hinten bewegte sich der 35-Jährige zuletzt in den Jahren nach seinem ersten Doppelolympiasieg von Salt Lake City. Gregor Deschwanden und Kilian Peier ­haben sich in den ersten fünf ­Einzelkonkurrenzen nie für den zweiten Durchgang qualifiziert. Wer vor dem Heimspiel nach Erfreulichem sucht, landet bei Gabriel Karlen, der vor zwei Wochen in Klingenthal seinen ersten Weltcuppunkt gewann – der vom Glück spricht, auf höchster Ebene dabei sein zu dürfen.

Belastende Fragen

Geboren in Rougemont, Kanton Waadt, einen Steinwurf von der Grenze zu Bern entfernt, erlernte er das Skisprung-ABC in Gstaad. Dort findet sich zwar keine Schanze, aber eine von wenigen Schweizer Talentschmieden – der innovativen Gruppe ehema­liger Athleten um die weltcup­erprobten Hauswirth-Brüder Christian und Benz sei Dank.

Ende Mai 2015 zog sich Karlen beim Training im österreichischen Ramsau einen Kreuzbandriss ­inklusive Meniskusschaden zu. «Ich flog zu weit, konnte den Sprung nicht stehen, und danach tat es weh. Es war ein Schock.»

Aus Schock wurde Frust, der komplexen Knieverletzung wegen folgte eine fast zwölfmonatige Sprungpause. Wobei die Rückkehr in mentaler Hinsicht noch schwieriger gewesen sei als die Schanzenabsenz. Tagelang hätten sich seine Gedanken immer um die gleichen zwei, drei Fragen gedreht, erzählt der Athlet. «Bin ich wieder bereit? Hält das Knie? Oder verletze ich mich gleich ­wieder, wenn die Landung nicht hundertprozentig gelingt?»

Auf den ersten Blick wirkt Karlen mit seinem bubenhaften Gesicht wie ein unbekümmerter Teenager. Spricht er über den Respekt, der ihn in der Herantastphase belastet habe, ist die Reife des 22-Jährigen zu spüren. Anfang Herbst ging es bergauf, an der Schweizer Meisterschaft in Kandersteg wurde er hinter Peier Zweiter. «Ich stand auf dem Podest, was ich vor dem Unfall nie geschafft hatte. Da wurde mir bewusst, dass wieder etwas möglich ist.»

Berni Schödler bezeichnet Karlen als erfrischenden Menschen mit ausgezeichneten Voraussetzungen, welcher den Anschluss erstaunlich schnell wieder hergestellt habe, nun aber dranbleiben und die Fortschritte bestätigen müsse. Ansonsten fällt es dem Disziplinenchef von Swiss-Ski schwer, sich über die Darbietungen seiner Flugstaffel zu äussern. Er mag nichts be­schönigen, weiss als ehemaliger Springer aber auch, dass es nicht sinnvoll ist, junge Athleten mit angeknackstem Selbstvertrauen öffentlich zu kritisieren.

Ammann klammert er aus, sagt, das sei eine Geschichte für sich. «Ein bisschen traurig macht mich, dass es in einer solchen Phase keinem Schweizer gelingt, Simon hinter sich zu lassen.» Kernproblem sei nicht das Leistungsvermögen an sich, sondern der Rückfall in alte Muster.

«Skispringen ist auch eine Frage der Beharrlichkeit und des Kopfs.» Schödler erwähnt das Beispiel des Deutschen Markus Eisenbichler, der sich ein Jahr lang im zweitklassigen Continental-Cup abmühte, jedoch nie aufgab, sich wieder ins Oberhaus zurückkämpfte und am letzten Wochenende in Lillehammer erstmals in seiner Karriere aufs Podest flog.

Knappe Qualifikationen

Training und Qualifikation auf der umgebauten Titlisschanze bestätigen die bisherigen Geschehnisse. Derweil sich Karlen von Sprung zu Sprung zu steigern vermag und in der Qualifikation mit Position 16 belohnt wird, lassen Ammann, Deschwanden und Peier im wichtigsten Versuch nach.

Der Vierfacholympiasieger überspringt die Hürde als 30. trotzdem relativ klar, seinen Kollegen hingegen glückt dies nur knapp. Karlen lächelt, sagt, er sei glücklich, könne er sein Potenzial auch auf der Heimschanze abrufen. «Ich habe das Gefühl, dass noch mehr möglich ist. Aber nach der Verletzung und der langen Pause darf ich nicht mehr erwarten», hält er fest.

Nationaltrainer Ronny Hornschuh registriert, was das Kollektiv betrifft, «einen leichten Aufwärtstrend». Schödler meint: «Wir haben gesehen, dass unsere Athleten mehr draufhaben, als sie in den Wettkämpfen zeigen konnten.» Das Potenzial, auf der Heimschanze zum Befreiungsschlag auszuholen, scheint vorhanden zu sein. Anderseits lässt sich die Gefahr, in eine Krise zu geraten, nicht von der Hand weisen.

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