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«Mit Dopern ist es wie mit Rasern»

Betrüger habe es immer gegeben, Betrüger werde es immer geben, sagt Fabian Cancellara. Der 27-jährige Ittiger spricht über den Kampf gegen Doping, die Folgen des Olympiasiegs und den Titel «Schweizer Sportler des Jahres».

Wann ist Ihnen bewusst geworden, was Sie in Peking erreicht haben?Fabian Cancellara: Nach der Rückkehr ging alles ziemlich schnell: hier ein Empfang, dort ein Auftritt, dazu die Diskussion um meine WM-Teilnahme, im Kopf die vielen Eindrücke und Emotionen, deren Verarbeitung noch nicht abgeschlossen war. In diesen Tagen realisierte ich, wie müde ich war. Abschalten und geniessen konnte ich erst in den letzten Augusttagen.

Hat sich in Ihrem Leben seit Olympia etwas verändert? Ging ich vor Peking mit der Familie einkaufen, in ganz normalen Kleidern, wurde ich nur von Leuten erkannt, die sich mit Radsport befassen. Nun erkennen mich auch Leute, die mit Sport nicht viel am Hut haben, bei Olympia jedoch vor dem Fernseher sitzen. Olympia ist eine andere Dimension, da will jeder wissen, was läuft. Die Fanpost hat zugenommen, ich bin eine gefragtere Person geworden. Ich selbst jedoch habe mich nicht verändert.

Seit dem Goldmedaillengewinn ist Ihr Privatleben auch abseits des Boulevards von Interesse. Wie gehen Sie damit um? Ich habe damit keine Probleme, solange gewisse Regeln eingehalten werden. Ich bin ein ausgesprochener Familienmensch, das darf ruhig so transportiert werden. Es käme mir nicht in den Sinn, meine Familie vor den Medien zu verstecken.

Wie sehen die erwähnten Regeln aus – verfolgen Sie bezüglich medialer Auftritte eine bestimmte Strategie? Wichtig ist, dass es für mich, meine Frau und meine Familie stimmt.

Was zum Beispiel stimmt denn nicht? Bei mir wird sicher nie jemand nach Hause kommen und ein Sofabild machen. Es gibt Fotografen, die das versucht haben. Aber dieser Bereich ist für mich Privatsphäre, und diese muss gewahrt bleiben.

Apropos Strategie. Nach der Pauschalverdächtigung durch die belgische Zeitung «Le Soir» entschieden Sie in Absprache mit Ihrem Management, vorerst keine Auskunft zu geben. Was ging Ihnen im ersten Moment durch den Kopf? Es brodelte in mir, aber es wurde mir schnell klar, dass Zurückhaltung angebracht ist, obwohl ich nichts zu verbergen habe. Ansonsten hätte ich den Tsunami noch verstärkt, sprich jenen Leuten geholfen, welche daraus eine grosse Geschichte gemacht haben. Jeder wollte etwas von mir wissen, natürlich exklusiv, aber da mache ich nicht mit. Mit solchen Schlagzeilen wird das Interesse an der betroffenen Person sicher nicht grösser. Es ging daher auch darum, den Schaden in Grenzen zu halten. Das war sicher das Negativste, was ich bisher erlebt habe. Der Fall hat jedoch auch positive Folgen.

Welche? Ich habe gesehen, wer wirklich zu mir steht, und bin nun um eine wertvolle Erfahrung reicher. Ich werde die neue Saison gestärkt in Angriff nehmen.

Jüngst haben Sie an einer Medienkonferenz gesagt, Sie hätten mit dem Titel «Sportler des Jahres» geliebäugelt, seien diesbezüglich nun aber desillusioniert. Was würde Ihnen denn dieser Titel bedeuten? Nachdem die Verdächtigung die Runde gemacht hatte, fragte ich mich: Wer ruft schon für einen Cancellara an, der des Dopingmissbrauchs verdächtigt wird? Nun sehe ich das wieder ein bisschen anders. Mehr als in diesem Jahr kann ich nicht leisten. Sollte ich gewählt werden, würde ich das als Ehre empfinden. Das Volk anerkennt und respektiert deine Leistungen – das ist doch etwas sehr Schönes.

Haben Sie wirklich das Gefühl, dass Ihre Chancen gesunken sind? Ich weiss es nicht und will mir darüber auch nicht zu viele Gedanken machen. Ich schaue lieber nach vorne und kämpfe für Neues, für Besseres. Ich kämpfe für die gute Seite. Ich tue, was ich bis jetzt getan habe: ehrlichen, sauberen Sport betreiben.

Im September wurde publik, dass Ihr Teamkollege Fränk Schleck dem mutmasslichen Dopingarzt Eufemiano Fuentes Geld überwiesen hat. Haben Sie schon mit Schleck gesprochen? Ja, aber kaum über dieses Thema. Er hat mir nur gesagt, er sei entgegen den zahlreichen Medienberichten gar nie suspendiert worden. Er hat gesagt, was er zu sagen hatte, das ist seine Sache.

Fakt ist, dass er Fuentes Geld überwiesen hat Was noch lange nicht heisst, dass er dafür etwas erhalten und zu sich genommen hat. Ich vertrete die Ansicht, dass man nicht Leute beschuldigen soll, denen man nichts nachweisen kann.

Im Vorfeld der letzten Saison war allseits ein neuer Radsport proklamiert worden. Nun wurden mit Ricco, Piepoli, Schumacher und Kohl etliche bekannte Fahrer als Betrüger entlarvt, das Tour-de-France-Podest musste erneut nachträglich umgestaltet werden. Ist der Radsport überhaupt in der Lage, sich selbst zu helfen? Die genannten Fälle zeigen, dass das Kontrollsystem funktioniert; die Blutpässe tragen zu einer weiteren Verbesserung bei. Ich glaube, wir befinden uns auf dem richtigen, dem einzigen gangbaren Weg. Mit den Dopern ist es wie mit den Rasern: Es gibt sie seit x Jahren, und es wird sie auch in Zukunft geben – selbst wenn man die Sperren verlängert respektive die Autos verschrottet. Wichtig ist, dass die Missstände auf bestmöglichem Weg bekämpft, sprich möglichst gezielte Doping- respektive Radarkontrollen gemacht, werden.

Ist das im Radsport der Fall? Die UCI wird seit Jahrzehnten von alteingesessenen Funktionären geführt, ehemaligen Fahrern, die tief mit dem System verwurzelt sind. Müsste man sich nicht für einen unabhängigen Manager als Verbandschef starkmachen? Ich denke, dass ein Quereinsteiger Probleme bekommen würde, weil er weder Verbindungen noch Erfahrung hat.

Heisst das, ein Externer wäre chancenlos? Ich denke, er würde sowieso attackiert – egal, was er unternähme. Es geht um viel Geld, die Interessen der Beteiligten sind nicht die gleichen. Wir sehen das bei den Teams. Auch dort schaut jeder primär für sich, obwohl es häufig mehr brächte, wenn man gemeinsam nach Lösungen suchen würde.

Lance Armstrong, für viele der personifizierte Betrug, spricht von Rückkehr – und wird mit offenen Armen empfangen. Was denken Sie darüber? Ich weilte in den Ferien und habe mich deshalb noch gar nicht damit befasst. Er soll machen, was er für richtig hält...

...obwohl er dem Radsport grossen Schaden zugefügt hat und die eingefrorenen Proben aus dem Jahr 1999 nicht öffnen lassen will? Das ist die andere Seite. Wenn er nichts zu verbergen hat, sehe ich keine Probleme. Anderseits ist das Comeback für unseren Sport schlecht. Klar ist, dass ihm niemand verbieten kann, wieder auf die Strasse zurückzukehren.

Mit welchen Plänen kehren Sie im Frühling auf die Strasse zurück? Im Mai hatten Sie unter anderem das Gesamtklassement der Tour de Suisse als potenzielles Ziel genannt. Zuletzt klang es wieder anders – weshalb? Weil ich schwerer geworden bin (lacht). Nein, im Moment weiss ich, dass ich jedes Eintagesrennen gewinnen kann, sofern alles stimmt. Auf Grund meiner körperlichen Voraussetzungen muss ich mich auf einen Bereich konzentrieren und die Vorbereitung entsprechend gestalten. Ich kann nicht zweigleisig fahren, zwischen mehrtägigen Rundfahrten und Eintagesrennen hin und her hüpfen und dabei den Anspruch haben, immer vorne dabei zu sein. Es ist jedoch anzunehmen, dass ich mich irgendwann einmal auf die Tour de Suisse konzentrieren werde.

Auf welche Rennen konzentrieren Sie sich 2009? Zuerst auf die Flandern-Rundfahrt und danach auf die Weltmeisterschaft in Mendrisio.

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