Mit mehr Chancen denn je 

Wenn die Schweizer Leichtathleten heute in Berlin zur EM starten, sind die Vorgaben hoch. Das Team hat aber das Potenzial, den Rekord von 2016 zu übertreffen.    

Sie hat vor dem EM-Start den Durchblick: Mujinga Kambundji. Foto: Tom Jenkins (Getty Images)

Es war ein EM-Abschluss der Superlative. Die Schweizer gewannen vor zwei Jahren in Amsterdam in einem Rennen zwei Goldmedaillen. Das kleine Land liess im Halbmarathon etliche grosse Laufnationen hinter sich und hatte mit Tadesse Abraham einen überlegenen Europameister, der ein Team eher durchschnittlicher Läufer zu einem Siegerteam machte. Es war ein Tag, wie er sich in dieser speziellen Konstellation wohl kaum je wiederholen wird, und es resultierte eine Schlussbilanz, wie es sie noch nie gegeben hatte: Swiss Athletics machte aus vier Chancen fünf Medaillen (zwei goldene, drei bronzene), dazu kamen acht Top-8-Plätze.

Das ist die Messlatte, die sich die Schweizer selber gelegt haben und mit der sie verglichen werden, wenn heute in Berlin die nächsten Kontinental-Titelkämpfe beginnen. 2016 war ein Rekordjahr, aber es muss es nicht bleiben. Denn von den Einzel-Medaillengewinnern Abraham, Mujinga Kambundji, Lea Sprunger und Kariem Hussein fehlt zwar Letzterer, doch nüchtern betrachtet sind die Erfolgsperspektiven besser. Das hat sich schon an der letztjährigen WM abgezeichnet, die in der Breite mit vier Finalplätzen und fünf Top-10-Rängen zur erfolgreichsten seit den 1980er-Jahren wurde. Die Schweizer bestätigten damals auch auf Weltniveau ihren steilen Aufwärtstrend – das Resultat der nachhaltigen Heim-EM 2014.

Alle Sprinterinnen schneller

Die ideale Bühne für die Schweiz bleibt aber eine EM, obwohl die Konkurrenz in Berlin grösser sein wird als noch in Holland. 2016 war ein Olympiajahr, und nicht alle mochten dem grossen Ziel Rio noch ein kleineres vorlagern. Das ist nun anders. Die EM ist das Hauptziel aller europäischen Leichtathleten, auch der Briten, die bereits die Commonwealth Games hinter sich haben. Und der russische Verband ist zwar vom Internationalen Verband noch immer ausgeschlossen, doch werden in Deutschland rund 30 Sportler unter neutraler Flagge antreten. Wohl verstanden nicht nur Mitläufer.

Dennoch – die Aussichten scheinen rosig, auch wenn neben Hussein zusätzlich ein Trio erfolgversprechender Frauen fehlt: Noemi Zbären und Maja Neuenschwander sind verletzt, und Nicole Büchler ist schwanger. Dafür ist Mujinga Kambundji im letzten halben Jahr in eine höhere Kategorie gesprintet und könnte im Olympiastadion mit ihren Starts über 100 m, 200 m und mit der Staffel zur grossen Figur werden. Bronze war es in Amsterdam, nun soll es zumindest über 100 m – mit dem Rekord von 10,95 und als Nummer 2 Europas – der Titel werden. Ihr Selbstvertrauen ist gross, sie spricht offen über ihre Ambitionen. Und die Staffel, WM-Fünfte letztes Jahr, zählt nicht nur ihretwegen zu den Medaillenkandidaten, Sarah Atcho (11,20), Ajla Del Ponte (11,21) und Salomé Kora (11,25) haben sich massiv gesteigert. Nur die Holländerin Dafne Schippers war an der EM 2016 in 10,90 klar schneller als dieses Trio. Kambundji war damals gleich schnell wie Kora heute.

Sogar als Europas Schnellste (54,79) tritt Hürdenspezialistin Lea Sprunger an. Sie hat einen speziellen Sommer hinter sich, in dem sie auch über 400 m flach dominierte und sich zuletzt entschied, in Berlin nur das Hürdenrennen zu bestreiten. Sie wolle sich darauf fokussieren und sei überzeugt, das Potenzial zu mehr als der Bronzemedaille zu haben, die sie vor zwei Jahren gewann, sagt sie. Sie kämpfte in der Vergangenheit immer wieder mit mentalen Problemen und hatte an der Hallen-WM mit der Disqualifikation einiges Pech. Gelingt ihr der Traumwettkampf, ist dieser Gold wert.

Wilsons Ankündigung  

Zumindest vor EM-Beginn scheint, dass sie aus Schweizer Sicht nicht ganz so weiblich geprägt sein wird wie andere Titelkämpfe. So schnell wie Rekordsprinter Alex Wilson war aber niemand im Ankündigen: Bereits an der WM 2017 versprach er eine EM-Medaille. Über 200 m kann er dies einlösen, mit 20,14 reiste er als Nummer 3 an. Und neben Abraham, dem diesmal ein Marathon bevorsteht, traut man auch Julien Wanders über 10’000 m etwas zu. Wer sah, wie mutig und resolut der Genfer an der Halbmarathon-WM durch die Strassen Valencias auf Platz 8 lief, der denkt wie er: dass der Exploit auf der Bahn kommt – schon morgen? 

Noch nicht gesprochen wurde bis jetzt von Selina Büchel (800 m), Fabienne Schlumpf (3000 m Steeple) oder auch Martina Strähl (Marathon), die an optimalen Tagen alle für Spitzenplätze gut sind. Und unerwähnt ist auch noch die ganze U-20-Fraktion, angeführt von Hürdensprinter Jason Joseph, Angelica Moser, aber auch Yasmin Giger und Géraldine Ruckstuhl. Sie zählen zu den besten ihrer Jahrgänge. Nun wollen sie auch bei der Elite dazu beitragen, dass Swiss Athletics eine weitere EM der Superlative verzeichnet.

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