Mit neuer Selbstständigkeit

Doppel-Europameisterin Lea Sprunger startet heute in Rom in die Saison. Auf Gold folgte ein Schock, nun pendelt sie zwischen Lausanne und Arnheim.

Neue Trainingsgewohnheiten: «Ich muss mehr denken», hat Lea Sprunger festgestellt. Foto: Ian MacNicol (Getty Images)

Neue Trainingsgewohnheiten: «Ich muss mehr denken», hat Lea Sprunger festgestellt. Foto: Ian MacNicol (Getty Images)

Acht Jahre hat es gedauert, bis Lea Sprunger am Ziel war. Acht Jahre, in denen sie von der respektablen Siebenkämpferin zur Europameisterin über 400 m Hürden wurde. Im Herbst gewann sie in Berlin Gold, im März auch in der Halle in Glasgow über 400 m - mentale Schwächen wie bei früheren Gelegenheiten waren wenigstens nach aussen keine mehr auszumachen. Und als Sprunger sich ihre Träume erfüllt hatte, eröffnete ihr Trainer Laurent Meuwly, dass er das Angebot, Nationaltrainer von Holland zu werden, annehmen und ins Leistungszentrum nach Papendal wechseln werde.

Den «Schock», wie sie das bezeichnete, was die Nachricht bei ihr auslöste, hat sie längst überwunden. Sprunger startet heute im Foro Italico in Rom mit dem Diamond-League-Rennen in die WM-Saison. Hinter sich hat die 29-Jährige einen bewegten Frühling, in dem sie ihre «Komfortzone» öfter verlassen musste.

Für Sprunger, die sich als letztes grosses Ziel die Olympischen Spiele nächstes Jahr in Tokio gesetzt hat, war sofort klar, dass der Fortzug des Trainers auch einen grossen Umbruch für sie bedeuten würde. Dass sie weiter mit ihm arbeiten will, dass sie aber, auch wenn sie ihm nach Holland folgen würde, nicht länger die Nummer 1 in der Athletengruppe Meuwlys sein würde. Sprunger sagt es drastisch: «Es wurde alles neu im Training.» Eine durchaus heikle Ausgangslage in einem WM- und vorolympischen Jahr, in dem Energieverschleiss vermieden werden sollte.

«Ich muss mehr denken»

«Alles neu» heisst, dass sie zusammen mit Sprinterin Ajla Del Ponte und Hürdenläufer Kariem Hussein blockweise in Papendal trainiert und mit der Tessinerin in Arnheim auch eine Wohnung bezogen hat.

In den übrigen Wochen arbeitet sie wie bis anhin in Lausanne. Sprunger, deren enge Zusammenarbeit mit dem Trainer in der Schweiz wohl ihresgleichen suchte, musste sich in den letzten Monaten eine neue Selbstständigkeit zulegen. Denn trainiert sie auf der Pontaise, tut sie dies bis auf einen Tag in der Woche ohne Anleitung. «Das war eine grosse Umstellung, ich muss viel mehr darauf achten, was ich auf der Bahn fühle, und meine Schlüsse daraus ziehen, ich muss viel mehr denken», sagt sie.

Mittwochs jeweils kümmert sich Peter Haas, der einstige Leistungssportchef, um sie - eine äusserst befruchtende Zusammenarbeit, wie sie sagt: «Es ist sehr interessant, weil er selber Hürdenläufer war. Er analysiert anders als Laurent, er legt auf andere Aspekte wert, seine Übungen sind andere.»

Der Hallen-EM-Titel ist nicht das einzige Erfolgserlebnis von Sprunger in diesem Jahr: In Yokohama sicherte sie sich mit der 4x400-m-Staffel einen WM-Startplatz - eine Schweizer Premiere. Mindestens mental dürfte sie für heute also gerüstet sein.

Wilsons Verzicht

Ganz im Gegensatz zu Alex Wilson, der auf seine Saisonpremiere verzichten muss. Er sagt seelenruhig: «Alles hat seinen Sinn und Zweck.» Er ist weder enttäuscht noch genervt, obwohl die Situation eigentlich paradox ist. Bis Ende Mai arbeitete der Sprinter mit seinen zwei Trainern einen Monat lang in Florida auch am Start - und jetzt ist sein Saisonauftakt ein einziger Fehlstart.

Kaum zurück in der Schweiz, erkältete sich Wilson stark, der Auftakt in Stockholm letzte Woche fiel ins Wasser. Und die Blutwerte waren am Montag noch immer nicht so, dass er heute in Rom hätte antreten können. «Körperlich fühle ich mich gut, aber nun starte ich halt am Samstag in Zofingen», sagt er. Auf der Trinermatte lässt sich die «Wettkampfangst», wie er sie hat, vielleicht sogar besser überwinden als unter den Weltbesten.

Gewundert hat sich Wilson nicht über seine Anfälligkeit - «es war ein harter Monat, ich war geschwächt, es war wohl alles ein bisschen viel», sagt er. Und meint damit nur das Training und in keiner Weise, dass er Mitte April zum zweiten Mal Vater geworden ist. Der verspätete Saisoneinstieg kommt ihm sogar entgegen. «Es könnte so noch eine megalange Saison werden.»

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