Zum Hauptinhalt springen

Nach vielen Rückschlägen jetzt «Feuer und Flamme»

Aniya Seki hat viel erlebt. Mit Boxen hat die Bernerin einst ihre Bulimie bekämpft. 2017 will sie nicht nur Weltmeisterin werden, sondern auch Parkinsonkranken helfen.

Treuer Begleiter: Der aus Mexiko eingeführte Hund Hachiko bereitet Profiboxerin Aniya Seki viel Freude.
Treuer Begleiter: Der aus Mexiko eingeführte Hund Hachiko bereitet Profiboxerin Aniya Seki viel Freude.
Urs Baumann

Die Geschichte Aniya Sekis ist aussergewöhnlich. Es ist die Geschichte einer Boxerin, die einst wegen ihrer Bulimie (Ess-Brech-Sucht) in die Schlagzeilen geraten ist, die heute sportlich für Furore sorgt – und neuerdings mit Parkinsonpatienten trainiert.

Zum Interview bringt sie ihren Hund Hachiko mit. Die Tiere der Rasse Akita Inu gelten als aus­gesprochen treu. Aniya Seki ist bereit, zu erzählen, was sie seit Mitte 2013 erlebt hat. Damals liess sie einen Kampf in Worb kurzfristig platzen. Manchmal zweifelt sie an ihrem damaligen Entscheid; bei den Veranstaltern hat sie sich mittlerweile entschuldigt. Sie war sich damals nicht sicher, ob ihr Körper die Strapazen eines Kampfes über zehn Runden unbeschadet überstehen würde. Sie gab einem verantwortungsvollen Umgang mit der Gesundheit den Vorzug und trug die Konsequenzen ihres Handelns ganz allein.

Danach wusste sie nicht, wie es weitergehen sollte. Denn bei den Boxing Kings war Seki nicht mehr willkommen. Nur noch ganz wenige Menschen hielten zu ihr. Sie reiste nach Mexiko, um Abstand zu gewinnen und das Geschehene zu verarbeiten. Sie wollte dort trainieren, wo Ana Maria Torres, ihr boxerisches Vorbild, ausgebildet worden war. In Mittelamerika wohnte sie während ihres dreimonatigen Aufenthalts bei Trainingspartnerin Judith Rodriguez respektive bei deren 10-köpfiger Familie in den Bergen, in einer bescheidenen Unterkunft mit Plumpsklo. «Judiths Mutter hat mich aufgenommen wie eine Tochter», sagt Seki dankbar. Der Weg ins Trainingslokal in Mexiko-Stadt dauerte mit Bus und U-Bahn drei Stunden. Die in Japan geborene Bernerin brachte aus Mittel-amerika Spanischkenntnisse, den Hund Hachiko und wertvolle Lebenserfahrung mit.

Aniya Seki hatte ihrer Freundin versprochen, sie in die Schweiz einzuladen. Judith Rodriguez sollte hier einen Kampf bestreiten können. Im Juni 2014 war es so weit, die ehemaligen Trainingspartnerinnen stiegen miteinander in den Ring. «Das war keine so gute Idee», gibt Seki rückblickend zu. «In Mexiko ist Judith für mich wie eine Schwester gewesen – und plötzlich schlägt sie wie wild auf mich ein.» Sie sei erschrocken, habe sich abgedreht, worauf der Kampf abgebrochen worden sei, erzählt die Bernerin und fügt, ohne zu beschönigen, an: «In diesem Moment hatte ich mein ganzes, neu aufgebautes Selbstvertrauen schon wieder verloren.»

Aufgefangen wurde sie wie so oft von Bruno Arati, ihrem langjährigen Trainer und Förderer. Die 37-Jährige bezeichnet ihn als «wichtigste Person in meinem Leben». Nachdem sie sich mithilfe Aratis körperlich und moralisch wieder aufgebaut hatte, wollte sie beweisen, dass mit ihr im Ring noch zu rechnen sei. Seki erinnerte sich an ein Treffen mit Sven Ottke. Sie schrieb den ehemaligen Champion – der Deutsche war 2004 als ungeschlagener Weltmeister im Super-Mittelgewicht zurückgetreten – auf Facebook an und bat ihn, sie zu trainieren. Dieser antwortete kurz darauf, ihm fehle die Zeit, aber sein ehemaliger Coach Ulli Wegner warte auf ihren Anruf. So kam es, dass das «Bärner Meitschi», wie sie sich selber bezeichnet, in Berlin mit den Athleten des berühmten Sauerland-Boxstalls trainierte.

Sie wurde gedrillt wie die Aushängeschilder Arthur Abraham und Jürgen Brähmer, die in Deutschland mit Titelkämpfen ein Millionenpublikum vor den Fernseher locken. Ein knappes Jahr lang pendelte sie per Zug zwischen den beiden Hauptstädten hin und her; in Berlin lebte sie mit Jack Culcay in einer Boxer-WG im siebten Stock eines in unmittelbarer Nähe des Olympiastadions gelegenen Hochhauses. «Wenn du bei Sauerland trainierst, geht alles von selber», erzählt Seki und nennt ein Beispiel: Jahrelang habe sie sich vergeblich um einen Ausrüstervertrag bemüht, plötzlich sei die Zusage von Adidas gekommen. Trotz der positiven Erfahrungen entschied sich die Japan-Bernerin, das Experiment abzubrechen. Im Frauenboxen lässt sich kaum Geld verdienen; Sekis Mutter war deshalb für die Kosten der Berlin-Reisen aufgekommen.

Seit dem Debakel gegen Freundin Judith Rodriguez hat Seki sieben Kämpfe gewonnen – und mehrere Gürtel geholt. In diesem Jahr will sie im Bantamgewicht gegen WBC-Titelhalterin Catherine Phiri aus Sambia antreten; als offizielle Pflichtherausforderin hat sie das Recht dazu. «Es gibt andere Weltmeisterinnen, die für mich wohl zu stark wären», sagt Seki mit Realitätssinn, «aber Phiri zu schlagen, ist ein realistisches Ziel.»

Doch Aniya Seki denkt auch ans Leben nach dem Dasein als Spitzensportlerin. Sie leitet das Schülerboxen im BC Bern und bietet im Rahmen der Klubschule Migros Kurse im Fitnessboxen an. Doch ihr wichtigstes Projekt ist das Training für Parkinsonpatienten (vgl. Zweittext). «Ich bin Feuer und Flamme.» Boxen habe ihr geholfen, mit der Bulimie umzugehen. «Ich hatte im Training mit Yves Studer und Bruno Arati unglaublich viel Spass.» Nun will sie selber Freude vermitteln und den Parkinsonkranken das Leben erleichtern. Der Kreis scheint sich zu schliessen.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch