Spielplatz für Fortgeschrittene

Im Regionalen Leistungszentrum bereiten sich die hiesigen Kunstturntalente auf die Juniorinnen-Schweizer-Meisterschaft vor. Ein Besuch bei den grossen Versprechen in der kleinen Halle.

Schweben auf dem Balken: Alena Sommer (links) turnt ihre Übung.

Schweben auf dem Balken: Alena Sommer (links) turnt ihre Übung.

(Bild: Christian Pfander)

Adrian Horn

Wer die besten Turner des Kantons sucht, findet zunächst Reiter. Inmitten des Nationalen Pferdezentrums steht der zu einer Sporthalle umfunktionierte Stall, welcher die hiesige Kunstturnelite beheimatet – irgendwo ­zwischen Pentagon und Postfinance-Arena, irgendwo zwischen Springparcours und einer bemerkenswerten Ansammlung nostalgischer Kutschen.

In der 40-mal-10-Meter-Bleibe wirkt alles reichlich improvisiert. Nach Komfort wird umsonst gesucht, nicht mal duschen können die Athleten vor Ort. 18 Turnerinnen und Turner halten sich an jenem Nachmittag in der Halle auf, der Platz ist beschränkt, man muss sich aufteilen und warten, während der Kollege übt. «Das ist nicht wirklich befriedigend; die Infrastruktur ist im Grunde ungenügend», sagt Ulf Schweikhardt.

Der 53-Jährige aus Frankfurt ist seit August 2017 als Trainer beschäftigt, er ist Profi, das Betreuen der talentierten Turnerinnen Alltag, die Halle gewissermassen sein Büro. Wer hier üben darf, gehört zu den aussichtsreichsten Athleten des Kantons, es handelt sich um das Regionale Leistungszentrum Bern, RLZ genannt. Der Aufwand, der betrieben werden muss, ist entsprechend gross. Trainiert wird täglich, auch samstags. «Wir sind kein Turnverein. Im Vordergrund steht die Leistung», sagt der eigentliche Architekt.

Die Resultate müssten stimmen, damit der Athlet bleiben dürfe. Das Ziel einer jeden Turnerin ist das Aufgebot fürs Nationalkader. Den Sprung dahin schaffen die wenigsten. Und wer 16 ist und keine Aufnahme gefunden hat, hört oft auf – aus Mangel an Optionen, weil sich die Leistungszentren an 8- bis 15-Jährige richten und Geräteturnen häufig keine Alternative darstellt.

Alena Sommer wärmt sich auf, hebt das Bein, streckt es durch und hält sich mit der linken Hand den rechten Fuss. Gleich wird sie am Schwebebalken üben, die Vorbereitung auf die Juniorinnen-Schweizer-Meisterschaft in Bern ist in vollem Gang, die 15-Jährige aus Oberburg eine der Favoritinnen auf eine Medaille. Rund 25 Stunden wendet sie wöchentlich auf, in der Schule ist sie für einzelne Fächer dispensiert. Dass neben Pauken und Trainieren kaum Zeit bleibt, stört sie nicht. Turnen ist für sie mehr als bloss Hobby. «Ich bewege mich gerne und mag die Herausforderung.» Angst vor Stürzen habe sie nicht. «Man nähert sich der Übung an, bis man überzeugt ist, sie meistern zu können.»

Annabelle Hölzer guckt aufmerksam zu, als ihre Athletin turnt. Sommer sei sehr talentiert, auch weil sie die kör­perlichen Voraussetzungen mitbringe, saubere, exakte Bewegungen vollführe, sagt sie, eine weitere Trainerin. Auch sie kommt aus Frankfurt, Schweikhardt war der Coach der 25-Jährigen, als diese Aktive war. Den Entscheid, Deutschland zu verlassen, bereut sie nicht. «Ich hab mich gleich in die Region verliebt.» Ihr Kollege steht daneben, pflichtet bei und sagt, wenn einen einmal Heimweh plagen sollte, sei Frankfurt nichts, was man nicht innerhalb weniger Stunden erreichen könne.

Die Disziplin, welche an den Tag gelegt wird, beeindruckt. Auf engstem Raum üben viele Kinder und ein paar Teenager nebeneinander, sie turnen in all den Disziplinen, man wähnt sich auf einem Spielplatz für Fortgeschrittene. Ausgelassen ist die Stimmung nicht. «Die Sportler hier sind so was wie Elitesoldaten», sagt Schweikhardt, freundlich-angenehm im Umgang, gewiss kein Schleifer, einmal. Was er damit meint, ist: Die Turner sind fokussiert, ambitioniert, auch abseits des Sportplatzes; rumgealbert wird nicht.

An jenem Tag sei die Intensität nicht ganz so hoch wie gewöhnlich, sagt Hölzer, «die eigentliche Arbeit vor den Meisterschaften ist getan». Wie lange werden sie und ihr Kollege in der Schweiz bleiben? «Ich weiss nicht. Jedenfalls gefällt es uns sehr gut hier.» Ein grosses Problem ist die kleine Halle nicht.

Berner Zeitung

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