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Stresstest in Montreal

Seit knapp einem Jahr figuriert Fabienne Studer im Nationalkader. Die 16-jährige Thunerin hat rasch dazugelernt, enorme Fortschritte gemacht. Nun wurde sie von Nationaltrainer Fabien Martin erstmals für eine WM aufgeboten.

Fabienne Studer fühlt sich in Magglingen wohl.

Fabienne Studer greift mit den Händen ins Magnesium, klatscht sie zusammen, das Pulver zerstäubt. So wollte es der Fotograf. Sie lächelt, meistert das Shooting fast schon im Stile einer Routinierin. Man könnte glatt vergessen, dass die Thunerin erst 16-jährig ist.

Doch derweil sich Gleichaltrige langsam ans Erwachsenwerden herantasten, zuweilen Grenzen ausloten, ist von ihr vor allem eines gefragt: Disziplin. Als Kunstturnerin muss sie hart arbeiten und konstante Leistungen liefern. Und: Das tut Studer auch.

Jüngst gewann sie an der Schweizer Meisterschaft drei Medaillen, bezwang dabei gar Aushängeschild Giulia Steingruber am Stufenbarren. «Es ist natürlich schön, wenn man zuoberst auf dem Podest stehen darf», hält Studer fest, «aber ich schätze das nicht zu hoch ein, weiss, dass ich noch sehr viel trainieren muss, um an ihr Niveau heranzukommen.» Das stimmt wohl, und doch ist sie eine von vier Schweizerinnen, welche an der WM in Montreal teilnehmen dürfen.

Lob von Steingruber

Erst seit knapp einem Jahr trainiert Studer mit dem Nationalkader in Magglingen. Dass sie nun nach der EM im Frühling bereits zum zweiten Mal an einem Grossanlass teilnehmen kann, «hätte ich mir vor einem Jahr nicht vorstellen können», meint sie. Mit dieser Meinung steht Studer nicht allein da. So sagt Nationaltrainer Fabien Martin: «Als sie nach Magglingen kam, waren ihre Ausgangsnoten relativ tief, in diesem Jahr hat sie sehr viele Fortschritte gemacht. Sie hat uns alle überrascht.» Den Grund dafür sieht er in ihrer Einstellung: «Fabienne ist eine sehr seriöse Turnerin, die viel trainiert, viel Willen zeigt.»

Angesprochen auf ihre markante Leistungssteigerung, sagt Studer, in Magglingen stimme das Gesamtpaket. Die Infrastruktur ist ausgezeichnet, die Trainingskolleginnen sind äusserst ambitioniert. Und auch das viele Pendeln fällt weg, wohnt sie doch bei einer Gastfamilie in Magglingen und besucht in Biel die Fachmittelschule. «So kann ich mich gut auf den Sport konzentrieren.»

Gleichwohl sei ihr die Umstellung zur Spitzensportlerin mit minutiös geregeltem Alltag fernab von zu Hause zu Beginn nicht ganz leicht gefallen. Mittlerweile jedoch hat sie sich daran gewöhnt. Auch, weil sie die Wochenenden dafür nutzt, im Kreise der Familie Kraft zu tanken.

Fabienne Studer lacht oft – nicht nur, wenn der Fotograf es von ihr verlangt. Das bestätigt Steingruber, die sie als äusserst aufgestellten Menschen beschreibt. Von der Olympiabronzemedaillen-Gewinnerin gibt es gar ein Sonderlob: «Fabienne arbeitet sehr gut, ist wettkampfstark. Wenn sie so weitermacht, kann sie sehr viel erreichen.»

Studers Stärke ist ihre Stabilität. Nationaltrainer Martin spricht von einer Generalistin, «sie kann der Gruppe an allen vier Geräten helfen. Sie hat ein gutes Niveau, keine grossen Spezialitäten, aber auch keine Schwächen.» An der Schweizer Meisterschaft beispielsweise patzten ihre Konkurrentinnen reihenweise, Studer ­jedoch konnte ihr Programm fehlerfrei vortragen.

«Ich versuche während des Wettkampfs möglichst ruhig zu bleiben, mich nicht zu fest von anderen ablenken zu lassen», erklärt sie. Seit zwei Jahren arbeitet Studer mit einem Mentaltrainer zusammen; gerade vor Wettkämpfen nimmt sie dessen Dienste öfters in Anspruch.

Test für die Nerven

Allen Vorschusslorbeeren zum Trotz: Die Reise nach Montreal tritt Studer mit einer gewissen Ungewissheit an. Fabien Martin wird erst nach dem Podiumstraining entscheiden, ob und an welchen Geräten Studer zum Einsatz kommt. Für die WM-Qualifikation hätten ihr eigentlich ein paar Zehntel gefehlt. «Aber ich wollte sie trotzdem mitnehmen, weil sie Potenzial hat und weil sie vielleicht im nächsten Jahr in Doha an der WM teilnehmen, dann viel mehr Druck haben wird», sagt Martin. «Ich will schauen, wie sie mit einer Stresssituation umgeht, das ist für mich wichtig.»

Studer nimmt es pragmatisch: «Es ist nicht ganz angenehm, aber das kommt vor. Ich muss jetzt einfach Vollgas geben, nochmals an meinen Übungen arbeiten.» Als Ziel hat sie sich gesetzt, möglichst ohne Fehler durchzukommen. Im Vordergrund steht, Erfahrungen zu sammeln. Schliesslich befindet sich Studer erst am Anfang eines Weges, der 2020 nach Tokio respektive an die Olympischen Spiele führen soll.

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