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Unterwegs im Himmelbett

Gasballonfahren ist komplex – und beschert Glücksgefühle. In Bern startete die Langdistanz-WM.

Die Reise geht los: Diejenigen, die am Ende der Langdistanz-WM am weitesten von Bern entfernt sind, gewinnen.
Die Reise geht los: Diejenigen, die am Ende der Langdistanz-WM am weitesten von Bern entfernt sind, gewinnen.
Keystone

Es ist wie eine Dauerehrerweisung. Alle drei Minuten startet ein Ballon, begleitet von der jeweiligen Nationalhymne. 20 Teams entschweben in den Nachthimmel, rund 10 000 Zuschauer verabschieden sie mit warmem Applaus. Die Sehnsucht, dem Himmel für ein paar Momente nahe zu sein – sie ergreift irgendwann jeden.

Wer an der Langdistanz-WM «Coupe Aéronautique Gordon Bennett» mitmacht, kann dieses Gefühl ausgeprägt ausleben. Der Schweizer Pilot Kurt Frieden sagt: «Die Möglichkeit, über längere Zeit quer durch Europa zu schweben, ist einmalig.»

Benannt ist die WM nach einem amerikanischen Zeitungsverleger, der sie 1906 ins Leben rief und finanzierte. Bern erlebt die 62. Austragung, und die Regeln sind immer gleich: Es gewinnt das Team, das bei der Landung die grösste Entfernung zum Startpunkt erreicht hat.

«Das Faszinierende ist der Abenteuercharakter»

Tönt einfach, ist aber sehr komplex, sagt der stellvertretende Wettkampfleiter Marc André: «Man weiss nicht, wie lange man unterwegs sein kann, wie weit man kommt. Das Faszinierende ist der Abenteuercharakter.» Die Piloten können ihre Fahrtrichtung nur anpassen, indem sie die Höhe verändern und so auf unterschiedliche Luftmassen und -bewegungen reagieren. Länder wie die Türkei, Weissrussland und Russland dürfen nicht überflogen werden.

Frieden hat 2010, 2015 und 2016 gewonnen, immer mit Pascal Witprächtiger. Diesmal heisst sein Partner Roman Hugi, 2014 bereits am Start und seither dreimal Taktiker. Ihm ist das Virus mit der Muttermilch eingegeben worden: «Mein Vater fährt Ballon, seit ich ein Jahr alt bin.» Auch diesmal sei das Ziel klar, sagt Frieden: «Wir wollen Weltmeister werden.»

Die zwei stehen Stunden vor dem Start auf der Grossen Allmend, jener Rasenfläche in der Mitte des Epizentrums des Schweizer Sports. Für einmal gilt der Fokus nicht der Postfinance-Arena oder dem Stade de Suisse, sondern den Ballons, die mit 1000 Kubikmeter Wasserstoff befüllt werden, bis sie aussehen wie riesige Tennisbälle.

Die Partystimmung hält noch bis heute Sonntag an

Viele Familien mit kleinen Kindern sind da, und das Angebot ist gewaltig. Ein Simulator, die Drohnen-WM, man kann sich über Aviatikberufe informieren oder Helikopterflüge buchen – es erinnert an die Besucherterrasse in Kloten an einem geschäftigen Sonntag im Sommer. Noch bis am Sonntag hält die Partystimmung an.

Seit fast zwei Jahren ist das OK an der Arbeit, kurz nachdem feststand, dass die Schweiz nach 2017 auch 2018 als Siegernation Ausrichter sein würde. Nun soll das Ballonfahren einem breiteren Publikum nähergebracht, idealerweise auch Nachwuchs generiert werden. Marc André, der Sohn des OK-Präsidenten, sagt: «Ballonfahren ist heute nicht in Mode.»

Schade, das hat der Selbstversuch am Vortag gezeigt. Mit einem Heissluftballon sind wir zu viert abgehoben, genossen das perfekte Panorama über Bern und fuhren ins Emmental. Ja, wir fuhren, wir flogen nicht, bestätigte Pilot Balthasar Wicki auf 1500 Metern über Boden. «Wir schwimmen quasi durch die Luft.» Das leichte Unwohlsein beim Autor – andere würden von Angst reden – legte sich mit jeder Minute mehr, am Schluss: Glücksgefühle pur.

Angst wäre für die Piloten von SUI 1 fatal, sie verbringen zwischen zwei und vier Tage auf engstem Raum. Eine klare Aufgabenteilung gebe es nicht, erklärt Hugi: «Beide fahren, kontrollieren die Höhe und die Richtung und kommunizieren mit dem Headquarter.»

In Turbenthal sind ein Taktiker, ein Meteorologe und eine Person für den Umgang mit der Flugverkehrskontrolle stationiert. Sie bilden die Bodencrew und geben ihre Erkenntnisse via Satellitenfunk weiter. «Sie sind stets zwei bis drei Schritte weiter», sagt Frieden.

30 Grad minus und eine Sauerstoffmaske

Der Korb misst 110 auf 120 Zentimeter, enger geht nicht. Zwei Sitzplätze, ein Tischchen und eine offene Klappe im Weidenkorb, durch die man die Füsse streckt, wenn man schläft. «Das ist mein Himmelbett», lacht Frieden. Zwei Kilo Brot, Käse und Salami haben sie dabei, ein Plastikkübel dient als Toilette, den Rest belegt das Material.

Die Temperaturen fallen auf 30 Grad minus, über 4000 Meter ist die Sauerstoffmaske Pflicht. Ebenfalls unerlässlich: 600 Kilo Ballast in Sandsäcken à 15 Kilo; wenn Sand abgeworfen wird, gewinnt man Höhe.

Frieden/Hugi fuhren Richtung Spanien, sie lagen bei Redaktionsschluss noch gut im Rennen. Sieben Ballons mussten unfreiwillig früh landen. Am Montag dürften die Erfolgreichsten wieder landen, am Samstag werden alle Teams in Bern zurückerwartet. Zu Siegerehrung und Galadinner auf dem Gurten. Grandiose Aussicht erneut inklusive.

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