Volltreffer, ohne zu schauen

Schiessen nach Gehör. Die sehbehinderten Berner Agim Emini und Bruno Heimberg zählen zu den besten Schützen der Schweiz. Das Duo glänzte am Wochenende auch in Österreich.

<b>Agim Emini</b> hört auf die Signaltöne aus seinem Kopfhörer – die Scheibe kann der 50-Jährige nicht sehen.

Agim Emini hört auf die Signaltöne aus seinem Kopfhörer – die Scheibe kann der 50-Jährige nicht sehen. Bild: Raphael Moser

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Es ist ruhig in der Druckluftschiessanlage der Sporthalle Lachen in Thun. Nur ein dumpfer Knall ist jeweils bei der Schussabgabe zu hören. Agim Emini und Bruno Heimberg trainieren. Die beiden sind äusserst treffsicher, obwohl sie nichts sehen. Nach jedem Schuss berühren ihre Betreuer Urs Wenger und Fritz Heim die Schützen und tippen ihnen auf den Rücken.

Wenger ist Trainer der Sehbehinderten Schützengruppe Thun und klärt auf: «Bei einer Zehn wird die Schulterpartie angetippt. Bei einer Neun der Oberarm, bei einer Acht der Unterarm. Und bei einer Sieben gibt es einen ‹Tätsch› auf die Hand.» Auf dem Rücken wird dann jeweils noch die Schusslage analog der Stundenanzeige einer Uhr angetippt.

Bei einer 10,2 rechts wird zum Beispiel mit einer Berührung an der Schulter der Schusswert und der Uhr entsprechend im mittleren Rückenbereich die Treffer­lage angezeigt.

Emini spürt diese und bessere Trefferlagen öfters in diesem Training. Der 50-jährige Mann ist gut, sehr gut sogar. Anfang März schoss er an der Schweizer Meisterschaft in Bern mit dem Luftgewehr 637,9 von maximal 654 Punkten – Schweizer Rekord. Doch die Bestmarke hat keine Gültigkeit. Denn Emini ist Mazedonier.

«Bei einer Zehn wird die Schulterpartie angetippt. Bei einer Neun der Oberarm, bei einer Acht der Unterarm. Und bei einer Sieben gibt es einen ‹Tätsch› auf die Hand.»Trainer Urs Wenger

«Ich verspüre trotzdem eine grosse Freude, dass ich das geschafft habe. Dass es viele Leute gesehen haben, macht mich stolz.» Selber erkennt er nur noch Konturen in nächster Distanz. Die 10 Meter entfernte Zielscheibe sieht er nicht. Das war vor achtzehn Jahren noch anders, als er nach Spiez gekommen war. Mittlerweile lebt er mit seiner Familie seit fünf Jahren in Köniz.

Der frühere Mechaniker schiesst seit 2014. «Zwei Jahre habe ich nur trainiert, nun bin ich im dritten Wettkampfjahr.» Er ist überzeugt, dass er seinen Bestwert noch verbessern kann. 60 Schüsse in 50 Minuten müssen abgegeben werden. Emini peilt bei jedem Schuss eine 10,9 an; das Maximum. «Ich muss mich konzentrieren», sagt er.

Optronik installiert

Seine Augen sind bei der Schussabgabe geöffnet, aber sein Gewehr ist nicht mit Diopter und Korntunnel ausgestattet. Stattdessen ist eine sogenannte Optronik installiert. Je genauer er ins Zentrum zielt, desto höher ist der Ton, den er auf seinem Kopfhörer empfängt. Weil die Technik auf die kleinste Bewegung reagiert, wechselt die Tonlage ständig. Mich machen die verschiedenen Töne beim Selbstversuch ziemlich schnell sturm im Kopf.

Nebengeräusche ignorieren

«Die Schwierigkeit ist, Ruhe und Konzentration zu bewahren», erklärt Bruno Heimberg. «Man muss die Geräusche des Umfeldes ausblenden können. Das ist nicht einfach, denn unsere Ohren sind super und hören die Nebengeräusche trotz den Kopfhörern.» Heimberg hat die Thuner Gruppe 2014 gegründet und ­Emini zum Mitmachen animiert.

Dass er aktuell intern nur Zweitbester ist, stört ihn nicht. «Das muss man sportlich nehmen», meint der 62-jährige Steffisburger. Am vergangenen Samstag nahm das Duo zusammen mit der Schweizer Meisterin Claudia Kunz-Inderkummen am 32. Final des Österreich-Cups in Salzburg teil.

Emini verdrängte den nach der Qualifikation führenden, den österreichischen Weltmeister Kurt Martinschitz noch auf Platz zwei. Heimberg wurde Dritter. Bei den Frauen siegte die Usterin Kunz-Inderkummen.

Ein Betreuer pro Schütze

Zur Einhaltung aller Sicherheitsvorschriften muss jeder sehbehinderte Schütze während des Trainings und des Wettkampfs einen eigenen Betreuer haben. Um die Punktzahl angetippt zu bekommen, aber auch um zu vermeiden, dass die falsche Scheibe angepeilt wird.

Deshalb stehen Urs Wenger und Fritz Heim immer bei Agim Emini und Bruno Heimberg – auch wieder beim nächsten gemeinsamen Training in Thun. (Berner Zeitung)

Erstellt: 11.04.2018, 08:50 Uhr

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