Wenn der Gute dem Guten an den Kragen geht

In Deutschland läuft zurzeit ein bizarrer Streit zwischen dem Pionier im Antidopingkampf des Landes und seinem früheren Anwalt.

Das Gerangel zwischen Antidopingkampf-Pionier Werner Franke (links) und Michael Lehner. Foto: Keystone

Das Gerangel zwischen Antidopingkampf-Pionier Werner Franke (links) und Michael Lehner. Foto: Keystone

Christian Brüngger@tagesanzeiger

Als Michael Lehner zum Türsteher und Rausschmeisser wurde, wusste er: Seine Mission war schwer beschädigt. Lehner ist eigentlich Jurist, einer der renommiertesten Deutschlands im Sportbereich. Doch vor rund zwei Wochen lieferte er sich ein ­öffentlichkeitswirksames Handgemenge mit dem deutschen Pionier in der Dopingbekämpfung: Prof. Dr. Werner Franke.

Dieser wollte an einer Presseeinladung des Doping-Opfer-Hilfe-Vereins, den Lehner führt, reden. Lehner verbat sich das Ansinnen, hatte ihn darum vorweg per E-Mail gebeten, dem Anlass fernzubleiben. Franke kam trotzdem, Lehner wies ihn am Türeingang ab. Es kam zum Streit.

Dann platzte der Zurechtgewiesene in den Anlass, verlangte das Wort. Lehner bugsierte Franke darauf aus dem Raum. Oder besser: Er drückte ihn raus, Franke wehrte sich. Die Szene, von einer TV-Kamera festgehalten, gehört seither zu den denkwürdigsten im Antidopingkampf, der Eklat zum Bizarrsten in dieser kleinen Welt des Aufklärungssports. Denn Lehner und Franke waren über Jahre ein Team. Franke hatte mit seiner Frau Brigitte Berendonk den ­systematischen Dopingbetrug in der DDR an die Öffentlichkeit ­gebracht, Lehner das Paar quasi als deren Hausanwalt verteidigt. Gemeinsam hatten sie bahnbrechende juristische Siege erreicht und wesentlich mitgeholfen, dass zwangsgedopte DDR-Athleten auch eine finanzielle Entschädigung erhalten.

Konflikt gärt schon länger

Entstanden ist in jener Zeit der Doping-Opfer-Hilfe-Verein, den Lehner mitgründete und Franke mitinitiierte. Er feierte im März sein 20-jähriges Bestehen. In den vergangenen Monaten allerdings entwickelte der 79-jährige Franke einen Furor zum Thema, der Lehner zum Rausschmeisser werden liess – und das Image des Vereins schädigt. Schliesslich kämpft da vor aller Augen ein ­Guter gegen die Guten. Um die eigentliche Sache, also zwangsgedopten früheren Sportlern zu helfen, die von den Medikamenten und dem System schwer ­geschädigt sind, geht es zurzeit nur nebenbei.

Der Konflikt zwischen Franke und dem Doping-Opfer-Hilfe-Verein gärt schon länger. Lehner war angetreten, diesen Unfrieden zu beenden – damit der kleine, ehrenamtlich geführte Verein seinen Aufgaben wieder mit ­aller Kraft nachkommen kann. Dass Lehner nun im Gerangel mit ­seinem früheren Verbündeten in aller Öffentlichkeit zu sehen ist, bezeichnet er als «fatal». Doch er sagt: «Auch Tage nach dem Eklat frage ich mich, ob ich anders hätte handeln können. Die Antwort, so glaube ich, lautet: Nein.»

Dabei hatte Lehner zuvor mit einem offenen Brief in der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» an Franke eine Art Waffenstillstand angeboten und versucht, die Position des Vereins darzulegen. Bloss scheint Lehner den früheren Professor der Zell- und Molekularbiologie in dessen Unruhezustand eher angestachelt zu haben. Und wenn Franke eines immer konnte: die Medien für seine Anliegen zu nutzen. Er hat auch dieses Mal reüssiert.

Schliesslich gipfelte die bizarre Situation darin, dass Franke nach der Presseeinladung des Vereins im Restaurant unmittelbar daneben zur Pressekonferenz lud. Darin fiel das Schlüssel­stichwort: «Psycho-Kacke». Der Naturwissenschaftler ereiferte sich, dass der Doping-Opfer-­Hilfe-Verein nun zu belegen versucht, dass Kinder von Gedopten geschädigt seien – anhand von Arbeiten auch von Sozial- und Geisteswissenschaftern.

Sind es Opfer – oder Täter?

Davon hält Franke: gar nichts. Oder in seinen Worten: Das sei alles nur «Psycho-Kacke». Zudem sagt er, dass der Verein die Zahl an Geschädigten systematisch und damit absichtlich zu hoch ansetze. Es würden damit auch Athleten von einer einmaligen finanziellen Entschädigung profitieren, die niemals Opfer, sondern einzig und allein Täter im DDR-Sport gewesen seien. «Trittbrettfahrer» nennt Franke diese angeblichen Scheinopfer, die mithilfe des Vereins an die Zahlung von rund 10 000 Euro gelangen würden. Dass nicht der Verein, sondern das Bundes­verwaltungsamt entscheidet,wer entschädigt wird, nimmt dem angeblichen Skandal viel Brisanz.

Denken ohne Zwischentöne

Seinen Unmut fasste Franke in einem 62-seitigen Text zusammen, den er Blackbox Doping-«Opfer»-Hilfe nennt und öffentlich machte. Untertitel: «Wie Politik und Öffentlichkeit mit fragwürdigen Zahlen getäuscht werden.»

Zu seinen Lieblingsfeinden zählt in diesem «Pamphlet» («Frankfurter Allgemeine») Lehners Vorgängerin Ines Geipel. Sie gab das Amt im letzten Spätherbst entnervt und ausgelaugt ab. Die Ironie dabei: Doping­bekämpferin Geipel funktioniert wie Dopingbekämpfer Franke. Beide reden Klartext weit über die Schmerzgrenze hinaus – denken ohne Zwischentöne. ­Damit verschaffte Geipel dem Verein zwar immer wieder Schlagzeilen, machte sich aber zahlreiche Feinde, Rechtsstreite inklusive. Franke wiederum griff in seinem mit Mitstreitern verfassten Text fast alle ihm Unliebsamen derart bissig bis primitiv an, dass man bei ihm gar die Charakterfrage stellen muss.

Dabei müsste statt Streit das Thema sein, dass sich der deutsche Sport, die Wissenschaft und die Gesellschaft auch 30 Jahre nach der Wende kaum für die Opfer des DDR-Zwangsdopings interessieren. Ausser dem Verein fehlt es ihnen fast gänzlich an einer Lobby. Dies zeigt sich beispielhaft daran, dass wissenschaftliche Arbeiten zur Materie mehrheitlich fehlen – gerade bezüglich möglicher Schäden von Kindern dieser Gedopten. Solche Papers aber bilden die Grund­lage für den Entscheid, wer von der Einmalzahlung als Geschädigter profitiert. Dass ausgerechnet Franke, ein Wissenschafter durch und durch, diesen Weg ablehnt, ist eine weitere Pointe dieser ­ vertrackten Situation – und passt irgendwie doch zur Geschichte.

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