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Wenn Sportler wie Leibeigene behandelt werden

Wer als Football-Profi in der NFL spielt, verdient gutes Geld. Aber er hat kaum Rechte.

Erst kürzlich stand Buckner (99) noch in der Superbowl. Trotzdem transferierten ihn die San Francisco 49ers.
Erst kürzlich stand Buckner (99) noch in der Superbowl. Trotzdem transferierten ihn die San Francisco 49ers.
David Santiago

Es kam überraschend, für die Öffentlichkeit und ihn selber: Als DeForest Buckner, Footballer der San Francisco 49ers, vor ein paar Tagen von seinem Club nach Indianapolis transferiert wurde, da sagte der Verteidiger: «Es schmerzt.» Buckner war ein Schlüsselspieler und stand mit seinem Team in der Superbowl, trotzdem muss nun er gehen. Er habe für das Team gekämpft und in San Francisco Freundschaften fürs Leben geschlossen. Gegen seinen Wechsel tun kann er aber nichts.

In der National Football League (NFL) wird auf persönliche Befindlichkeiten keine Rücksicht genommen. Noch viel weniger als in Sportarten wie dem Fussball, wo die Spieler deutlich mehr Rechte haben. In der NFL tauschen Vereine die Spieler untereinander aus. Die Verträge bleiben bestehen und laufen beim neuen Team weiter – und können dort angepasst oder einfach gekündigt werden.

Ob oder wohin die Spieler transferiert werden, können sie sich nicht aussuchen. Buckner wäre gerne in San Francisco geblieben, aber: Mit der Unterzeichnung seines Vertrags bei den 49ers vor vier Jahren trat er das Recht ab, selbst zu bestimmen, wo er spielt. Diese Entscheidung obliegt seither dem Teambesitzer – und dazu dient die Transferphase, die in der NFL derzeit trotz Corona läuft. In den ersten zehn Tagen wurden 15 Spieler transferiert, über 50 entlassen, und weit mehr als 100 vertragslose Spieler fanden einen neuen Arbeitgeber. Mit all diesen Wechseln kommt es durchaus vor, dass die Hälfte eines Teams während einer Transferphase ausgewechselt wird.

Vor dem Beginn seiner NFL-Karriere nahm DeForest Buckner an der NFL-Combine teil. An diese Leistungsschau werden die vielversprechendsten College-Spieler eingeladen, damit die Teambesitzer und Trainer sie unter die Lupe nehmen können. Die Spieler werden ausgefragt, gemessen und gewogen und müssen sich medizinischen und sportlichen Tests unterziehen. Der ehemalige deutsche NFL-Spieler Markus Kuhn sagte einmal, dass er sich dabei wie beim Menschenhandel vorgekommen sei.

Bei der Combine müssen die Spieler Übungen absolvieren und werden dabei genau beobachtet. (Bild: Ezra Shaw/AP)
Bei der Combine müssen die Spieler Übungen absolvieren und werden dabei genau beobachtet. (Bild: Ezra Shaw/AP)

Auswege gibt es kaum

So zieht sich das weiter, denn der Vergleich mit dem Menschenhandel lässt sich auch auf den Schritt vom College in die NFL anwenden: den NFL-Draft. In sieben Runden sichern sich die Teambesitzer die Rechte an den jungen Spielern, wobei das schlechteste Team der Vorsaison in jeder Runde zuerst auswählen darf, das beste zuletzt. Wird ein Spieler gezogen, kann er entweder bei diesem Team einen Vierjahresvertrag unterschreiben oder der NFL für immer den Rücken kehren. Nach der Unterzeichnung des Vertrags hat der Teambesitzer das Recht, den Spieler zu jedem anderen Team zu transferieren. Auflagen gibt es keine. So kann es sein, dass ein Spieler wenige Tage nach einem Transfer bereits wieder zu einem anderen Team abgeschoben wird.

Nur wenige Spieler besitzen in ihren Verträgen etwa eine «no-trade clause», die besagt, dass sie nur mit ihrem Einverständnis transferiert werden können. Der Grossteil der Spieler kann so nur dann frei entscheiden, für welches Team er spielen möchte, wenn er entlassen wurde oder der Vertrag auslief.

Doch nicht einmal das ist sicher. Möchte ein Verein einen Spieler unbedingt behalten, kann er ihn mit der sogenannten Franchise Tag belegen und ihm so einen gut dotierten Einjahresvertrag aufzwingen. Diesen muss der Spieler unterzeichnen, wenn er in der folgenden Saison in der NFL spielen will. Einen Ausweg aus dieser modernen Leibeigenschaft gibt es fast nicht.

Streik, Millionenverlust und Imageschaden

Le’Veon Bell fand einen. Er wurde 2013 von den Pittsburgh Steelers im Draft gezogen und unterschrieb den Vertrag über vier Jahre. Nach dessen Ablauf strebte der sehr erfolgreiche Runningback einen langjährigen Vertrag an. Doch er konnte sich nicht mit seinem Arbeitgeber einigen, weshalb ihm dieser mit dem Franchise Tag einen Einjahresvertrag aufzwang. Als im Jahr darauf dasselbe nochmals geschah, entschied sich Bell, zu streiken. Er blieb allen Trainings und Spielen fern und verweigerte jeglichen Kontakt mit Teamvertretern. Nach dem Ende der Saison liessen die Steelers Bell ziehen.

Dieser Weg aus dem Besitz eines NFL-Teams kostete Bell aber mehrere Millionen Dollar, und seine Beliebtheit litt stark darunter. Ein zweiter Weg wäre der komplette Ausstieg aus der NFL. Doch das ist eigentlich keine Option. Denn: Weltweit gibt es nur noch in Kanada eine Football-Profiliga – die genügt den Qualitätsansprüchen von gestandenen NFL-Spielern aber nicht und ist bestenfalls ein Ausweg.

Auch für DeForest Buckner kam ein Ligawechsel nicht infrage. Er unterschrieb kurz nach seinem Transfer eine Vertragsverlängerung mit den Indianapolis Colts über vier Jahre. Ob mit oder ohne «no-trade clause», ist nicht bekannt. Vielleicht erfahren wir das noch in dieser Transferphase.

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