Wie vom Bus überfahren

Superbowl-Rekordsieger Pittsburgh verpasste die Playoffs und ist mitten im Schlamassel. Doch wer ist der Hauptschuldige?

Teamkollegen oder eben Teamgegner? Der umstrittene Ben Roethlisberger mit dem ebenso umstrittenen Antonio Brown. Foto: Th. Henderson (Getty Images)

Teamkollegen oder eben Teamgegner? Der umstrittene Ben Roethlisberger mit dem ebenso umstrittenen Antonio Brown. Foto: Th. Henderson (Getty Images)

David Wiederkehr@DavidWiederkehr

Der Gipfel der Provokation war eine Fälschung. Aber täuschend echt gemacht. Und deshalb sorgte sie für Unruhe, wo es nicht noch mehr Unruhe gebraucht hätte: in der Chefetage der Pittsburgh Steelers. Dieser erfolgsverwöhnte Club, mit sechs Titeln nichts weniger als der Rekordmeister der Superbowl-Ära, hat eben das Playoff verpasst. Und schon das wäre ja Grund genug gewesen für Tumult in der footballbesessenen Stahlstadt.

Doch beim Misserfolg allein blieb es nicht in dieser missratenen Saison. Vielmehr stellen sich in Pittsburgh, während andernorts die Vorbereitungen für die erste Playoffrunde von diesem Wochenende getroffen werden, essenzielle Fragen. Zum Beispiel die, was ein Vertrag wert ist. Oder: wie lange man sich als Trainer auf der Nase herumtanzen lassen will. Und neuestens: ob wirklich Ben Roethlisberger an dem ganzen Schlamassel die Hauptschuld trägt.

Erfolge in jungen Jahren

Lange hatte der stämmige Spielmacher als die Zukunft dieser mächtigen Franchise gegolten. 2006, der Nachfahre von Berner Auswanderern absolvierte gerade einmal sein zweites Profijahr, führte er die Steelers zum Superbowl-Triumph. Drei Jahre später doppelte er nach, noch keine 27, und den Final bestritt er trotz gebrochener Rippen.

Solche Heldengeschichten erzählen sie sich in den USA gerne. Das perfekte Bild erhielt aber bald Risse. Roethlisberger baute einen schweren Motorradunfall ohne Helm und musste sich wegen Vorwürfen von sexuellem Missbrauch vor Gericht verantworten. Die NFL sperrte ihn 2010 deswegen fast die Hälfte der Saison.

Inzwischen steht der Quarterback kurz vor seinem 37. Geburtstag, und der grösste Teil seiner Karriere liegt naturgemäss hinter ihm. Sein Vertrag läuft in einem Jahr aus. Die Frage, die sich jetzt aber stellt: Welches Erbe wird «Big Ben» in Pittsburgh hinterlassen?

Der geplünderte Spind

Im Laufe dieser Saison ist es zum Zerwürfnis gekommen zwischen den Steelers und Runningback Le’Veon Bell. Dieser weigerte sich, eine einseitige, auf ein Jahr beschränkte Vertragsverlängerung zu unterzeichnen, und blieb deshalb allen Trainings und Spielen fern. Freiwillig verzichtete er so auf 14,5 Millionen Dollar. Roethlisberger, dessen Offensive auf die Laufqualitäten Bells angewiesen wäre, sagt, er habe zu vermitteln versucht, Bell habe ihn aber nie zurückgerufen. Danach liess er seine Mitspieler Bells Spind plündern.

«Big Ben ist selbstsüchtig und zeigt gerne mit dem Finger auf andere», urteilt der Kritiker.

Als vor einer Woche das letzte Saisonspiel der Steelers anstand, fehlte mit Antonio Brown auch noch der beste Passempfänger. Brown hatte sich am Knie verletzt, aber das angeordnete MRI geschwänzt. Dafür liess er wenige Stunden vor dem Spiel seinen Agenten bei Cheftrainer Mike Tomlin anrufen und ausrichten, er sei fit. Tomlin verzichtete dankend. Angeblich soll Brown am Tag danach verlangt haben, verkauft zu werden. Tomlin dementierte dies, zumal Browns Vertrag in Pittsburgh noch drei Jahre läuft.

Und doch kam es schliesslich zu dieser Nachricht auf Twitter, die sich als gut gefälschte Provokation herausstellte, den Zusammenbruch der Pittsburgh Steelers aber gut illustrierte: Le’Veon Bell, der Antonio Brown öffentlich fragte: «Bruder, wo zieht es uns als Nächstes hin?» Aus San Francisco, Cleveland oder New York meldeten sich umgehend Spieler, die um das Duo warben.

«Ein furchtbarer Leader»

Das Problem scheint in beiden Fällen Roethlisberger zu sein. Mehrfach war es in der (für die Steelers) nun abgelaufenen Saison zu öffentlichen Auseinandersetzungen auch zwischen Brown und dem Teamcaptain gekommen. Roethlisberger hatte dem Wide Receiver in Presse­gesprächen unterstellt, falsche Routen zu laufen und generell ein Unruheherd zu sein. Brown reagierte schon früh erstmals mit einem Tweet, man möge ihn doch wechseln lassen. Diesen löschte er wieder, geblieben ist offensichtlich der Wunsch. «Ich bin mit freiem Willen gesegnet», liess er nun vielsagend auf dem sozialen Netzwerk verlauten.

Auch auf den Abgang des langjährigen Offensiv-Chefs Todd Haley soll Roethlisberger aktiv hingewirkt haben. Und schon in frühen Jahren sollen Clublegenden wie Plaxico Burress oder Santonio Holmes vor dem damals jungen Roethlisberger geflüchtet sein, heisst es jetzt.

«Big Ben ist ein furchtbarer Leader», urteilte Shannon ­Sharpe, dreifacher Superbowl-­Champion und respektierter ­TV-Experte. Für seine knallharten Analyse bekannt, ist Sharpe mit Roethlisberger wenig gnädig: «Er zeigt gerne mit dem Finger auf andere und ist ein streitbarer und selbstsüchtiger Spieler. Er sucht ständig jemanden, den er für seine eigenen, schlechten Leistungen unter den Bus werfen kann.»

Trainer Tomlin versucht, die Gerüchte so weit wie möglich zu zerstreuen. Brown habe sich unprofessionell verhalten, melden auch lokale Medien. Und doch ist Tomlin Partei: Nach zwölf gemeinsamen Saisons ist sein eigenes Schicksal eng mit jenem Roethlisbergers verknüpft.

NFL-Playoff. Wild-Card-Runde. American Football Conference: National Football League (NFL). Houston Texans - Indianapolis Colts 7:21. Dallas Cowboys - Seattle Seahawks 24:22. Am Sonntag: Baltimore Ravens - Los Angeles Chargers, Chicago Bears - Philadelphia Eagles. Die Super Bowl LIII findet am 3. Februar 2019 in Atlanta statt.

berneroberlaender.ch/Newsnetz

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