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«Wir sind uns noch am einleben»

Orientierungslauf-Königin Simone Niggli-Luder ist vor knapp drei Monaten Mutter geworden. Im Interview spricht die 30-jährige Bernerin über Veränderungen, Rollen und Strukturen sowie die Fortsetzung ihrer Karriere.

Wer wird Sportlerin des Jahres?

Simone Niggli-Luder: Diese Frage habe ich mir auch schon gestellt. Karin Thürig ist mit ihrer Olympiamedaille sicher eine der Favoritinnen. Manuela Pesko sehe ich auch ganz vorne – ist sie nicht Weltmeisterin geworden?

Das war 2007. Dann würde ich auf Karin tippen.

Bei den Männern gibt es mit Roger Federer, Fabian Cancellara, Viktor Röthlin und Didier Cuche diverse Kandidaten. Bei den Frauen fällt es schwer, überhaupt drei zu nominieren, wenn Sie nicht zur Wahl stehen. Worauf gründet dieser Unterschied?

Ich denke, auf normalen Wellenbewegungen. Im Skifahren gab es eine Zeit, in der mit Maria Walliser, Michela Figini und wie sie alle hiessen aus einer einzigen Sportart mehrere Anwärterinnen vorhanden waren

Braucht es als Frau mehr, damit die Leistungen wahrgenommen zu werden?

Das kommt auf die Sportart an. Leistung und Erfolg von Karin Thürig beispielsweise hätten sicherlich mehr Aufmerksamkeit erhalten, wenn sie bei den Männern realisiert worden wären, weil die Frauen im Radsport im Schatten der Männer stehen. In solchen Fällen muss man als Frau wohl über längere Zeit ganz vorne dabei sein, damit man die gleiche Beachtung erhält.

Sie sind seit fast sieben Jahren die Nummer 1, in der öffentlichen Wahrnehmung repräsentieren Sie eine ganze Sportart. Wie haben Sie die OL-Medienpräsenz während Ihrer Babypause wahrgenommen?

Über die ausgezeichneten Leistungen der Männer an der WM ist in Medien ausführlich berichtet worden, das fand ich toll. Auch die andern wichtigen Anlässe sind ähnlich abgehandelt worden wie in den Jahren zuvor. Ich denke, der OL hat die Chance genutzt, es sind neue Namen ins Zentrum gerückt. Hin und wieder musste ich dennoch Schmunzeln, gab es doch kaum einen OL-Bericht, in dem nicht in einem Nebensatz vermerkt wurde, dass ich nicht dabei war.

Hat das mediale Interesse an Ihrer Person während der Schwangerschaft abgenommen oder sich bloss Richtung Privatleben verlagert?

Ich erhielt eher mehr Anfragen für Referate und ähnliche Auftritte. Seitens der Tagespresse nahm das Interesse etwas ab. Nach der Geburt war ich in Medien wie beispielsweise der Schweizer Illustrierten, die sich auf das Privatleben fokussieren, ein Thema.

Wie reagierte die Konkurrenz, als die Babypause öffentlich wurde?

Einige fanden es schön, dass ich diese Pause mache und nicht alles dem Sport unterordne. Es gab natürlich auch solche, die scherzhaft sagten, nun sei endlich die Chance gekommen, eine Goldmedaille zu gewinnen.

Als Mutter sind Sie in eine neue Rolle geschlüpft. Was hat sich in Ihrem Leben verändert?

Wir sind uns noch am einleben; es geht primär darum, den Weg zu finden. Es ist nicht mehr alles planbar, nun ist mehr Flexibilität gefragt.

Bekunden Sie damit Schwierigkeiten?

Am Anfang war es nicht einfach. Matthias (der Ehemann/die Red.) und ich, wir sind beide sehr strukturiert. Ich betrachte die Änderungen jedoch auch als Chance, generell spontaner und flexibler zu werden.

Wird im Hause Niggli nun weniger präzise geplant als zuvor?

Das Training – ich habe es eben erst aufgenommen – werde ich weiterhin planen müssen. Ansonsten hat sich aber einiges verändert. Früher verliessen wir das Haus jeweils fünf Minuten vor Zugabfahrt. Das liegt nun nicht mehr drin.

Haben Sie sich durch die Geburt verändert respektive eine neue Seite von sich kennengelernt?

Ja, schon während der Schwangerschaft. Ich war überrascht, wie locker ich im sportlichen Bereich ein paar Gänge zurückschalten konnte. Ich bin sehr ehrgeizig und hätte nicht gedacht, dass ich so gelassen bleiben würde. Dazu kommt die Verantwortung, die man als Mutter hat. Früher konnte man für sich schauen, nun ist jemand anders ins Zentrum gerückt (schmunzelt).

Genügt der Schlaf, der Ihre Tochter Ihnen lässt, um sich zu erholen und für die täglichen Trainingseinheiten bereit zu sein?

Das ist kein Problem, Malin schläft bereits durch. Diesbezüglich sind Matthias und ich wohl ein bisschen verwöhnt.

Jüngst litten Sie an Rückenbeschwerden, das Iliosakralgelenk war blockiert. Was hatte das für Folgen?

Die Bewegungsfreiheit war eingeschränkt, die Muskeln rund um dieses Gelenk verkrampften sich; ich konnte fast nicht mehr aufrecht gehen. Das war mühsam und schmerzhaft.

Wie geht es Ihnen heute?

Wieder deutlich besser, obwohl ich den Rücken immer noch ein wenig spüre. Ich darf wieder rennen, aber noch nicht ans Limit gehen.

Mit der Physis hatten Sie zuvor nie Probleme bekundet. Machen sich nun erste Abnützungserscheinungen bemerkbar oder führen Sie die Beschwerden auf Schwangerschaft und Geburt zurück?

Der Arzt hat mir gesagt, etwa 50 Prozent der Frauen hätten nach einer Geburt Rückenprobleme. Während der Schwangerschaft wird alles gedehnt, die Sehnen und Muskeln sind deshalb nicht so stabil wie üblich. Da reicht manchmal eine falsche Bewegung für eine Verletzung.

Ihre Teamkollegin Vroni König-Salmi hat nach der Geburt des vierten Kindes als 39-Jährige WM-Silber gewonnen. Wie geht es mit Ihrer Karriere weiter?

Wir werden sehen, ob ich wieder an meine Erfolge anknüpfen kann, aber ich werde es sicher versuchen. Während der Schwangerschaft war ich mir nicht sicher, ob ich zurückkommen oder es bleiben lassen will. Ich schwankte hin und her.

Wann kam der Moment, in dem Ihnen klar wurde, dass sie in den Leistungssport zurückkehren wollen?

Das war so im siebten, achten Monat…

…also in der Zeit, in der sie sich nicht mehr körperlich betätigen konnten.

Genau; ich verfolgte stets die Wettkämpfe, und es hat mich wieder gekitzelt. Das Ganze war ein Prozess, in dem ich irgendwann realisierte, wie viel Freude mir der Sport bereitet.

Werden Sie an der WM 2009 in Ungarn dabei sein?

Ich habe es im Sinn. Vroni und ich haben einen gemeinsamen Traum: den Gewinn einer Staffelmedaille. 2009 betrachte ich als Aufbaujahr. 2010 möchte ich wieder ganz vorne mitmischen.

Ihre Erfolge sind nicht zuletzt auf den Ehrgeiz und die professionelle Einstellung zurückzuführen – halbe Sachen hat es bei Ihnen bisher nicht gegeben. Können Sie sich vorstellen, an einer WM einfach mitzulaufen und sich im Mittelfeld zu klassieren?

Das wird sich im Verlauf der Saison zeigen (schmunzelt). Wichtig ist, dass ich mich nicht schon jetzt unter Druck setze und das Gefühl habe, ich könnte etwas verpassen. Die Bezeichnung Aufbaujahr ist für mich auch aus dieser Perspektive sinnvoll.

Demnach würden Sie in den Einzelrennen auch antreten, sollten Sie sich keine Medaillenchancen ausrechnen.

Ich denke schon. Ich denke aber auch, dass ich Medaillenchancen haben werde, wenn ich mich wie vorgesehen vorbereiten kann. Eventuell werde ich nicht sämtliche Disziplinen bestreiten, das hängt von den Trainingsmöglichkeiten ab.

Ehemann Matthias wird als Leistungssportchef des nationalen Verbandes auch in Ungarn weilen. Was geschieht mit Malin?

Meine Eltern, die pensioniert sind, haben angeboten, in Ungarn dabei zu sein und Malin zu betreuen. Das ist optimal, weil wir die Kleine so jederzeit besuchen können.

Die WM 2010 ist Ihnen auch des attraktiven Geländes wegen wichtig. Wären Sie enttäuscht, wenn Sie in Trondheim keine Medaille gewinnen würden?

Wahrscheinlich schon – diese WM reizt mich. Vielleicht merke ich aber nach diesem Winter, dass sich mein gewünschtes Trainingsvolumen und die Organisation rund um Malin nicht vereinbaren lassen. Dann sähe alles schon wieder anders aus.

Können Sie sich vorstellen, wie Vroni König-Salmi mit 39 Jahren noch um Medaillen zu laufen?

Nein, aber das dauert ja auch noch neun Jahre (lacht).

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