Zufriedenheit ist relativ

Nach erheblichen körperlichen ­Beschwerden ist Judith Wyder in dieser Saison in die absolute Weltspitze zurückgekehrt. Am Wochenende tritt die 28-jährige Bernerin anlässlich des Weltcupfinals vor Heimpublikum auf.

Training für den letzten Höhepunkt: Judith Wyder bereitet sich an der Aare auf den Weltcupfinal vor.

Training für den letzten Höhepunkt: Judith Wyder bereitet sich an der Aare auf den Weltcupfinal vor.

(Bild: Andreas Blatter)

Die Wortwahl lässt keine Fragen offen. «Ich bin zufrieden», resümiert Judith Wyder; das Gespräch im Restaurant Dählhölzli dreht sich um ihren Auftritt an der WM von Ende August im schwedischen Strömstad.

Silber in Sprint und Sprintstaffel, Rang 4 über die Langdistanz sowie mit der Frauenstaffel – die Orientierungsläuferin aus Zimmerwald bewegte sich auf sehr hohem Niveau, leistete sich keinen Aussetzer. Die 28-Jährige versucht, ihre Worte durch Mimik und Gestik zu unterstreichen. Weil sie nur schon in Anbetracht der Vorgeschichte zufrieden sein darf. Weil sie weiss, dass sie zufrieden sein sollte.

Wyder jedoch verkörpert Weltklasse, ist überaus ehrgeizig. Wer die gleiche Frage in andern Worten stellt und bei den Antworten die Zwischentöne beachtet, merkt rasch: Vom Zustand der inneren Zufriedenheit kann nicht die Rede sein. Die Chance, diesen zu erlangen, bietet ihr der Weltcupfinal vom Wochenende in Aarau, vorab der sonntägliche Sprint in der Innenstadt. «Das ist das coolste Rennen in der Saison», hält sie mit leuchtenden Augen fest.

Support vom Chiropraktiker

2014, im ersten Jahr nach der Ära von Simone Niggli-Luder, gewann Wyder je drei EM- und WM-Goldmedaillen, wurde als Nachfolgerin der Überläuferin bezeichnet. 2015, an der WM in Schottland, liess ihr Körper keine Spitzenleistungen zu. Rückenbeschwerden schränkten die Bewegungsfreiheit ein. Der Schmerz strahlte in die Beine aus, die Ursache konnte nicht eruiert werden. Mittlerweile ist das Rätsel gelöst. Zu viel Rotation im Körper führte zu genannten Symptomen.

«Wahrscheinlich werde ich vom ­Training in ­Göteborg in den nächsten Jahren mehr profitieren, als dies an der WM der Fall war.»Judith Wyder

Mit Unterstützung des Chiropraktikers ist es ihr gelungen, den Laufstil ein wenig zu verändern. Wobei die Bernerin konstatiert, der Grat sei schmal, «wenn ich ans Limit gehen muss». Die physischen Beeinträchtigungen tangierten die Psyche; Wyder litt an Motivationsproblemen, sagt, sie habe einen neuen Reiz gebraucht. Worauf sie mit ihrem Partner, dem Ausdauersportler Gabriel Lombriser, entschied, den gemeinsamen Wohnsitz im Hinblick auf die WM in Strömstad für acht Monate vom Marziliquartier nach Göteborg zu verlegen.

Genau genommen handelte es sich um eine Rückkehr, nicht zuletzt um eine für das Gemüt. Wyder hatte die Matura am Ski-Gymnasium in Mora erworben, sagt, die schwedische Sprache besser zu beherrschen als die deutsche. Seit ein paar Jahren bestreitet sie die grossen skandinavischen Staffelwettkämpfe für einen Verein aus Göteborg; sie kennt Stadt, Leute und Trainingsrouten.

«Von unserer Wohnung aus war ich schnell im Wald, konnte auf tiefem Boden laufen. Für uns Schweizer ist das ungewohnt, für meinen Rücken ein Vorteil.» An der EM von Ende Mai in Tschechien glänzte Wyder mit Gold im Sprint und Silber über die Mitteldistanz, obwohl sie zuvor vornehmlich in schwedischem Gelände trainiert hatte.

Verkürzte Intervalle

Es liegt auf der Hand, waren ihre eigenen Erwartungen im Hinblick auf die WM hoch. Im Blog auf ihrer Website bestätigt sich der im Gespräch entstandene Eindruck. Sie schreibt von «zwei stupiden Routenwahl-Entscheidungen» im Sprint, betont den hohen Stellenwert des Langdistanzwettkampfs, indem sie ihn als Hauptgrund für den langen Schweden-Aufenthalt bezeichnet.

Auf die verpasste Medaille in den Walddisziplinen angesprochen, schmunzelt die vierfache Weltmeisterin und gesteht, «lange daran herumstudiert» zu haben. Über den Fakt, wonach sie die Plakette unter normalen Umständen womöglich gewonnen hätte, verliert sie kein Wort. Weil ihr zu Beginn ein Fehler unterlief, musste sie die mit einem Schweizer verheiratete Natalia Gemperle aufschliessen lassen. Fortan klebte die Russin an den Fersen der Bernerin. Möglich wurde diese Tram genannte Konstellation, weil die Organisatoren auf Geheiss der TV-Stationen die Startintervalle verkürzt hatten.

Je länger das Gespräch dauert, desto klarer dringt das reale Empfinden durch. «Wahrscheinlich werde ich vom Training in Göteborg in den nächsten Jahren mehr profitieren, als dies an der WM der Fall war», hält Wyder fest. Sie betont, es gebe auch künftig reizvolle Herausforderungen, die WM 2017 in Estland sowie die EM 2018 im Tessin. Und – natürlich – den unmittelbar bevorstehenden Weltcupfinal, insbesondere das coolste Rennen der Saison.

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