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Ansagen und Nein sagen

Die Geburt seiner Tochter Clea hat das Leben von Beat Feuz stärker verändert als alle Abfahrtssiege zusammen. Der Emmentaler will die letzte Karrierephase voll auskosten.

Zuversichtlich: Jungvater Beat Feuz könnte es sportlich wie privat kaum besser ­laufen.
Zuversichtlich: Jungvater Beat Feuz könnte es sportlich wie privat kaum besser ­laufen.
Urs Jaudas

26 Grad zeigt das überdimensionale Thermometer auf der Promenade in Zermatt. Die Sonne drückt auf 1600 Meter über Meer. In der Hotellobby sitzt Beat Feuz, T-Shirt, kurze Hosen, Badelatschen. Und irgendwie ist es seltsam, sich an jenem Nachmittag übers Skifahren zu unterhalten. Die Nationalmannschaft aber saust längst wieder durch die ­Tore; die Schweizer Speedfahrer trainieren auf dem Gletscher, Feuz berichtet vom guten Gefühl auf den langen Latten, vom Kribbeln, das er wieder verspürt.

Die Lust ist zurück, die Pause, sie hat ihm gutgetan. Gleich nach dem Weltcupfinal Mitte März und dem ersehnten Triumph in der Abfahrtswertung stellte der Emmentaler die Skier in die Ecke. Er war ausgelaugt und machte ein paar Wochen lang, was er eben für richtig hielt.

Dann kam der Sommer und mit ihm ein Geschenk, das sein Leben mehr verändert hat als alle WM-Titel, Lauberhorn-Siege und Olympiamedaillen zusammen. Feuz spricht jetzt langsamer und lacht herzlich, während er sagt: «Nie spürst du so intensive Emotionen wie im Moment, wenn du dein Kind zum ersten Mal in den Armen hältst.»

Die neue Lebensaufgabe

Ende Juni brachte Freundin Katrin Triendl Töchterchen Clea zur Welt. Feuz war dabei im Gebärsaal und erzählt von den Freudentränen, die über seine Wangen kullerten; er spricht von einem Einschnitt, einer neuen Lebensaufgabe. Erstaunlich rasch aber habe sich die kleine ­Familie daheim im österreichischen Aldrans zurechtgefunden. Ein paar Tage Papaurlaub gönnte sich der Gewinner von zehn Weltcuprennen; er lernte, was es zu lernen gab, bevor er sich «reif für die Insel» fühlte. Auf Mallorca traf sich die Swiss-Ski-Belegschaft zum nicht allzu beliebten Konditionsblock mit langen Bike­touren, kurz darauf begann bereits das Schneetraining.

15 Tage haben sich bei Feuz rund zwei Monate vor dem Saisonstart angehäuft, es sind weniger als bei der Konkurrenz, wobei der Emmentaler die Quantität weniger stark gewichtet als die Qualität. Diese stimmt bei den Schweizern, in Zermatt kümmern sich zehn Trainer um Sicherheit, Pistenbeschaffung, Analyse, Zeitmessung. Feuz seinerseits hat es sich auch zu Hause in Tirol so professionell wie möglich eingerichtet.

Einmal pro Woche schaut Physiotherapeut René van Engelen im 3000-Seelen-Dörfchen Aldrans vorbei, es ist ein Zeichen der Wertschätzung seitens des Verbandes, das sich der Abfahrtsweltmeister verdient hat. Schmunzelnd meinte van Engelen unlängst, er müsse Feuz in den Konditionseinheiten nicht bremsen, sondern eher pushen. Damit konfrontiert, sagt Feuz: «Wenn er sagt, ich solle 10 Liegestütze machen, dann mache ich 10 und nicht 12 oder 13.»

Die Gefahr der Übermut

Ein paar zusätzliche Übungen aber liegen wieder drin bei Feuz. Dem linken Knie, der Dauerbaustelle, geht es tatsächlich besser, trotz des intensiven Programms im letzten Winter. Im Kraftraum darf er sich an neue Trainingsformen herantasten, im physischen Bereich erwartet er Fortschritte. Und doch ist Vorsicht geboten, «ich darf nicht übermütig werden», sagt Feuz, «dafür ist zu viel passiert im Knie».

Die eine oder andere Einheit auf dem Gletscher liess er vorsichtshalber aus, was anders als noch im Vorjahr zu keinen intensiveren Diskussionen mit Abfahrtscoach Andreas Evers führte. Athlet und Trainer sind sich zumindest ein wenig nähergekommen, «wir kennen uns besser, finden schneller Lösungen, die für beide Parteien stimmen».

«Nie spürst du so intensive Emotionen wie im Moment, wenn du dein Kind zum ersten Mal in den Armen hältst.»

Feuz ist der Leader schlechthin in der Schweizer Equipe, das wird auch in Zermatt deutlich, wenn er sich die Zeit nimmt, die jüngeren Athleten zu beraten. Wobei er gut damit gefahren ist, sich rar zu machen. Alles um ihn herum sei ­grösser und intensiver geworden durch die Erfolge in den vergangenen Jahren. «Ich muss öfters zu etwas Nein sagen, auch wenn das nicht allen gefällt.»

Wenn möglich wird ihn die Familie im Januar und Februar an die Rennen begleiten, die Freundin dürfte die Medienarbeit im Ziel koordinieren – respektive ihren Liebsten, so gut es geht, abschirmen. «Ich kann nicht auf jeder Geburtstagsparty herumtanzen», meint die Nummer 1 der Abfahrtsweltrangliste. Feuz will die letzte Karrierephase voll auskosten, so wenig Energie verschwenden wie möglich.

Die Genügsamkeit als Mahnmal

Geschieht nichts Aussergewöhnliches, will Feuz zwei, vielleicht drei Saisons anhängen. Sich nicht mehr den Gefahren auf den Speedstrecken auszusetzen und wegen des Nachwuchses aufzuhören, so wie das einst Pirmin Zurbriggen tat, damit befasste er sich nicht. Feuz denkt auch nicht an die Zeit nach der Karriere, der gelernte Maurer sagt, er brauche seine Energie fürs Hier und Jetzt.

Im Moment heisst das: Gegen die Genügsamkeit ankämpfen. Es gibt nicht mehr vieles auf seiner Liste, das es abzuhäkeln gilt, den Triumph in Kitzbühel mal ausgenommen. «Dank den vielen Erfolgen habe ich die innere Ruhe gefunden», sagt der Emmentaler, «aber ich muss weiterhin ständig Gas geben, weil ich mich ganz vorne erwarte und mit 15. Plätzen nichts mehr anfangen kann.»

Zum Schluss kommt Feuz über die WM im Februar in Are zu sprechen. Und wenn er deutlich macht, den Titel in der Königsdisziplin verteidigen zu wollen, ist das als klare Ansage zu verstehen. Als er Handyfotos zeigt vom kleinen schwedischen Ort mit seinen beinahe kitschigen Schneelandschaften, rückt der Winter gedanklich etwas näher. Bei der Trainingswoche im März testete Feuz die Abfahrtsstrecke ein erstes Mal und sagt, er habe sich dabei wie im Gefrierschrank gefühlt. Die Temperatur am frühen Morgen? Minus 29 Grad.

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