Auf dem langen Weg zurück

Im August wurde bei Marc Pfister Hodenkrebs diagnostiziert. Nach Operation und Chemotherapie ­versucht der Skip des Teams Adelboden im Spitzensport wieder Fuss zu fassen. Ab morgen duelliert sich seine Equipe an den EM-Trials in Biel.

Solidarisch: Marc Pfister fielen nach der Chemotherapie die Haare aus. Aus Solidarität rasierten sich Enrico Pfister und Raphael Märki ebenfalls den Kopf. Simon Gempeler wollte indes seine Haarpracht behalten (von links).

Solidarisch: Marc Pfister fielen nach der Chemotherapie die Haare aus. Aus Solidarität rasierten sich Enrico Pfister und Raphael Märki ebenfalls den Kopf. Simon Gempeler wollte indes seine Haarpracht behalten (von links).

(Bild: zvg/Roland Beck)

Marco Oppliger@BernerZeitung

Die Mütze sitzt leicht schräg auf seinem Kopf, er hat sie mit Bedacht angezogen. Marc Pfister setzt sich an einen Tisch, nimmt einen Schluck Kaffee und beginnt zu erzählen. «Wenn ich mir über den Kopf streichen würde, hätte ich die Hand voller Haare.» Deshalb die Mütze. Mitte August war es, als er sich plötzlich unwohl fühlte, «ich hatte keine Schmerzen, aber ich spürte, das etwas nicht stimmte.» Also liess sich Pfister untersuchen und erhielt eine niederschmetternde Dia­gnose: Hodenkrebs. «Als ich die Praxis verliess, stand ich unter Schock», sagt der 27-Jährige.

Marc Pfister ist Skip des Curling-Teams Adelboden. Er übernahm diese Position im Sommer, nachdem sich die Equipe vom langjährigen Skip Sven Michel getrennt hatte. Dies, weil der Interlakner sein Leben nicht mehr voll auf den Sport ausrichten wollte.

Marc und Enrico Pfister sowie ­Simon Gempeler aber haben ein grosses Ziel: Die Teilnahme an den Olympischen Spielen 2018 – und diesem ordnen sie alles unter. Im Juni ist Raphael Märki zur Equipe gestossen. Er ist ein guter Freund der Pfister-Brüder, mit ihnen hatte der Berner während Jahren zusammen gespielt. Doch kaum war das Quartett komplett, erfolgte der Schock.

Behandlung mit Folgen

Nach der Diagnose traf sich die Equipe zu Hause bei Pfister in Lyssach. «Wir tranken ein Bier, besprachen, wie es weitergehen sollte», erzählt er. Klar war: Aufgeben stand nicht zur Debatte.

Doch noch klarer war: Die Behandlung Pfisters musste rasch erfolgen. Der Emmentaler wurde umgehend operiert. Eine Woche später begann die Chemotherapie. Heftig sei diese gewesen, hält Pfister fest. Abwechslungsweise wurden ihm Medikamente und eine Wasserlösung über eine Infusion verabreicht; sieben Stunden lang, fünf Tage nacheinander. «Als ich am Morgen ins Spital kam, wog ich jeweils 72 Kilogramm», sagt Pfister, «am Abend war ich 5 Kilogramm schwerer und richtig aufgedunsen.»

Die Behandlung forderte dem Körper alles ab. Pfister verlor seine Haare, und Kraft und Kondition schwanden. «Am Anfang hätte ich zwanzig Stunden am Tag schlafen können», sagt er.

Doch der Curler hatte Glück. Durch das rasche Handeln wurde der Krebs mit grosser Wahrscheinlichkeit besiegt. Am 26. September hatte Pfister seine letzte Chemotherapie – es war sein 27. Geburtstag.

«Die Routine fehlt»

Die Anteilnahme in der Szene war gross. Seine Teamkollegen besuchten Pfister oft im Spital, Bruder Enrico und Märki rasierten sich aus Solidarität die Haare ab. Und die Spieler aus Genf liessen ihm beste Genesungswünsche zukommen. Gegen jene Equipe werden sich die vier Berner ab morgen in Biel behaupten müssen: Die beiden Teams treten an den EM-Trials in einer Best-of-Seven-Serie gegeneinander an.

Der Sieger darf die Schweiz im November an der Europameisterschaft in Schottland vertreten. «Die Chancen stehen 30:70, sie sind klar im Vorteil», sagt Pfister. Derweil die Genfer einen starken Saisonstart erwischt haben, konnte das Team Adelboden kaum zusammen trainieren, es bestritt erst zwei Turniere. «Die Routine fehlt», hält der Skip fest.

Vergangene Woche absolvierte er in Arlesheim seinen ersten Ernstkampf seit der Chemotherapie. «Das erste Spiel ging noch, doch danach war ich kaputt», sagt er. Pfister kämpfte mit der Müdigkeit, und er hatte Schmerzen, deshalb ging er zwischen den Partien im Hotel schlafen. In den letzten Tagen hat er sich Ruhe gegönnt, um für die EM-Trials bereit zu sein. Was ihn positiv stimmt, ist die Stimmung im Team. «Es ist nun so, wie es sein sollte.»

Dem Duell mit den starken Genfern sieht der Emmentaler deshalb gelassen entgegen. «Wir haben nichts zu verlieren.» Und überhaupt: Gewonnen hat Pfister bereits – einen Kampf gegen einen weitaus gefährlicheren Gegner.

Berner Zeitung

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