Zum Hauptinhalt springen

«Dario Cologna kann gar eine Hypothek sein»

Warum der Olympiasieger für Disziplinenchef Hippolyt Kempf manchmal zur Belastung wird.

Die Chance, 2022 bester Schweizer Olympionike zu werden, wird Dario Cologna nicht reichen. Foto: Getty
Die Chance, 2022 bester Schweizer Olympionike zu werden, wird Dario Cologna nicht reichen. Foto: Getty

Träumen Sie manchmal von Dario Cologna?

Normalerweise nicht. Kürzlich aber träumte ich schlecht, ich hatte irgendetwas verhängt. Dario kam tatsächlich im Traum vor.

Worauf die Frage abzielt: Ihr Handlungsspielraum als Disziplinenchef ist eng mit seinen Leistungen verbunden.

Wenn eine Laurien van der Graaff gewinnt, habe ich auch Ruhe.

Bloss gewinnt in der Regel für Ihr Team eher Cologna als die Sprinterin.

Das stimmt. Liefern unsere Leistungsträger nicht, haben wir sofort Stress, weil Unruhe ins Team kommt.

Sie weichen der Frage aus. Darum anders gefragt: Sind Sie Chef von Colognas Gnaden?

Er gibt in gewissen Dingen den Takt vor, das ist angesichts seiner Position aber nur logisch. Ich muss darum sehr oft Nein sagen, wenn er sich gewisse Rahmenbedingungen anders wünscht. Mein Auftrag ist es ja nicht, nur ein System zu bauen, das für ihn funktioniert. Es muss breiter sein. Darum habe ich immer wieder einmal Diskussionen mit ihm, weil ich nicht alles exakt nach seinen Wünschen ausrichte. Sind seine Gründe berechtigt, gebe ich in der Regel aber rasch nach.

Was ist ihm zurzeit besonders wichtig, auch mit Blick auf den nächsten Olympiazyklus?

Er wollte einen Coach, der täglich dabei und nahe ist. Diesem Wunsch haben wir mit der Verpflichtung des Esten Kein Einaste entsprochen. Damit aber kein falscher Eindruck entsteht: Einaste ist für alle Athleten am Stützpunkt in Davos zuständig, also nicht nur für Cologna. Aber ich hörte beim Engagement von Einaste stark auf ihn.

Cologna wird nach dieser Saison erstmals länger pausieren. Sie haben es ihm schon nach dem Winter 2015 empfohlen . . .

. . . womit man sieht, wie gut er auf mich hört (lacht). Im Ernst: Dario wie das gesamte Team waren nach dem letzten Olympiagold vom Februar zwar glücklich, wussten aber auch, wie gross der Kraftakt war, gerade emotional. Für neue Taten, das wussten wir, muss sich die Betreuercrew neu aufstellen. Das geht Dario genauso. Will er 2022 nochmals an Spielen dabei sein, muss er sich emotional fit machen.

Was heisst das?

Halbe Sachen gehen nicht. Er muss trotz aller Erfolge bereit sein, neue Wege zu gehen und Risiken zu nehmen. Die Vorbereitung auf Spiele ist ein Kraftakt für Körper wie Geist, entsprechend sicher muss er sich sein, dass er dafür frisch, ja gierig genug ist. Die grosse Frage ist darum: Schafft es Dario, dafür noch einmal die entsprechende Kraft aufzubringen?

Noch hat er sich nicht festgelegt. Wie könnten Sie ihm das Weitermachen vereinfachen?

Man muss Folgendes dazu sagen: An den Spielen 2022 in China wird es kalt und windig sein, die Luft dürfte teilweise stark von Wüstenstaub verschmutzt und trocken sein . . .

. . . und damit alles andere als ideal für Cologna, den Leistungsasthmatiker.

Das kommt hinzu. Worauf ich hinauswill: Die Bedingungen werden extrem sein, die Rennen wohl teilweise zu regelrechten Abnützungsschlachten wie mitunter an den letzten Spielen bei ähnlichen Bedingungen. Dario müsste also bereit sein, diese Gegebenheiten anzunehmen und sie spezifisch vorzubereiten, um nur schon die Chance zu besitzen, 5. Gold gewinnen zu können.

Schafft es Dario Cologna noch einmal, sich für Olympische Spiele voll und ganz hinzugeben? Das ist die grosse Frage.

Er wäre dann der beste Schweizer an Spielen je. Eine Motivation?

Das ist gut und recht. Aber eine solche äussere Motivation würde nicht reichen, ihn 2022 als Goldfavoriten am Start zu haben. Es braucht primär und zuallererst die innere Überzeugung, leisten zu wollen. Der Rest ist sehr hilfreiche Zugabe.

Zurück zu den harschen Bedingungen, die ihn erwarten dürften. Wie stärkt man da Körper und Geist?

Da gehen die Meinungen auseinander. Die Schweden bauten extra einen Forschungsbereich um die Frage auf, wie man in der Kälte Leistung erbringt. Sie stellten ein Laufband mit Windkanal in die Kälte. Testeten auch das Verpflegen, das bei Kälte anders ist. Ihre Frauen reüssierten, die Männer nicht. In diesem Bereich haben wir Schweizer zumindest noch viel Potenzial. Wir beschäftigten uns zuletzt eher mit Kraftfragen oder technischen Aspekten. Nun wird die erwähnte Facette hinzukommen.

Fehlt nicht eines: ein wirklich starker Sparringpartner für Cologna im täglichen Training? Seine Kollegen des Distanzteams sind zu langsam.

Wir haben dafür auch das neue Laufband verwenden können. Schliesslich gibt es ein exaktes Tempo vor. Dario kann also nicht langsamer werden, sonst wird er abgeworfen.

Kann ein Laufband starke interne Konkurrenten ersetzen?

Wir dachten früher darüber nach, mit anderen Nationen zu kooperieren. Zuletzt kamen wir etwas von diesem Gedanken ab. Zudem muss ich sagen: Ein Jonas Baumann war in diesem Sommer oft auf Darios Niveau, im letzten Jahr war es Jason Rüesch. Bloss kann Dario dann den Winter durchziehen, während die anderen ausgelaugt sind und mitunter ausfallen.

Cologna der Kollegenschreck?

Er ist zumindest so stark, dass er sehr hohe Umfänge erträgt und dann liefert. Andere sind von diesen vielen Trainingsstunden überfordert. Insofern kann ein solch starker Motor wie Dario gar eine Hypothek sein. Man braucht eine gewisse Routine, um diese Belastungen zu ertragen. Als Athlet sollte man sich gut kennen, sonst kann man ausbrennen.

Themenwechsel zu Nathalie von Siebenthal. Die Aufsteigerin der letzten Jahre ist schwach in den Winter gestartet. Warum?

Nathalie hat zu Beginn immer etwas Mühe.

Machen Sie bereits auf Zweckoptimismus?

Gar nicht. Aber zu Saisonbeginn wirkt noch immer die Vorbereitung etwas nach.

Ich muss Dario gegenüber oft Nein sagen. Mein Auftrag ist es ja nicht, nur ein System für ihn zu bauen.

Was heisst das?

Sie ist einfach gern daheim, hilft auf dem elterlichen Bauernhof. Die Frage ist darum immer: Ab wann trainiert sie voll im Team? Sie braucht im Frühling bzw. Frühsommer stets zwei, drei Monate, in denen sie viel auf dem Hof chrampft. Natürlich trainiert sie in dieser Zeit seriös. Bloss fehlen ihr die technisch wichtigen Trainings, die vom Coach kontrolliert werden. Daraus ergibt sich ein Manko, das sie in den Folgemonaten stets erst aufholen muss.

Warum schicken Sie keinen Trainer regelmässig zu ihr?

Ich kann doch nicht jeden Athleten individuell coachen lassen. So viele Trainer habe ich nicht.

Ist von Siebenthal zu wenig kompromisslos?

Diese Frage kann ich klar verneinen. In ihrer Jugend lief sie am gleichen Tag oft mehr als ein Rennen. Nathalie ist eine grosse Kämpferin mit tollen Ausdauerfähigkeiten. Was man bei ihr gerne vergisst: Sie arbeitet so viel auf dem Bauernhof – aus Freude notabene –, dass ihr diese körperliche Arbeit fürs Langlaufen sehr hilft. Ihr Trainingsmodell mag antik erscheinen, ich Städter aber bekam früher oft zu hören: Während die Förster und Bauern, die den Nordisch-Sport betreiben, durch ihren Brotberuf schon x Stunden trainiert haben, gehst du mit dem ÖV an die Uni. Höre ich Kritik am Trainingsstil von Nathalie, erinnere ich gerne an diese Episode. Ich auf jeden Fall habe Freude, wie sie werkt und tut. Darum wird es Nathalie gar langweilig, wenn sie wie jüngst den Wettkampfblock im hohen Norden absolviert. Denn die Geschäftige fragt sich: Was mache ich bloss den ganzen Tag?

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch