Der Einfluss der zweiten Haut

Spitzenathleten optimieren jeden Aspekt ihres Sports. Die neueste Innovation im Langlauf betrifft den Renndress.

Aerodynamisch dank ausgeklügelter Dressoberfläche: Dario Cologna profitiert dann davon, wenn er in Hochform ist. Foto: Jon Olav Nesvold (Imago)

Aerodynamisch dank ausgeklügelter Dressoberfläche: Dario Cologna profitiert dann davon, wenn er in Hochform ist. Foto: Jon Olav Nesvold (Imago)

Christian Brüngger@tagesanzeiger

Kleider machen auch Sportsleute. Dafür braucht es viel Vorbereitung. 26 Monate arbeitete der Schweizer Sportbekleidungshersteller Odlo am Renndress der Schweizer Langläufer, wie sie ihn an dieser WM tragen. So viel Zeit benötigte die Firma mit Sitz in Hünenberg ZG von der Idee bis zur Auslieferung.

«Für die Athleten ist die Passform fundamental. Sie reagieren darum sehr sensibel, wenn der Dress irgendwo zieht», sagt Edgar Faller, bei Odlo unter anderem zuständig für die Langlauf-Renndresses. «Ein Anzug sollte sich für sie wie eine zweite Haut anfühlen», beschreibt er.

Um das Wohlgefühl der Athleten zu treffen, hat Odlo die Anzüge mit hohem Stretchanteil versehen: Je nach Körperstelle ermöglicht das Material (Elasthan) eine Elastizität von der doppelten Länge. Der Rest besteht aus der Kunstfaser Polyester. Seit 1963 kommt sie bei Odlo zum Einsatz und hat die Wolle samt Knickerbocker längst abgelöst.

Massgeschneidert werden die Schweizer Anzüge in der Regel nicht, sondern anhand der Daten eines «Durchschnittsathleten» in Rumänien hergestellt. Darum fällt im Schweizer Team der Leader Dario Cologna als Modell weg. Er trägt die Grösse XL am Oberkörper. Um die Hüfte ist er ein M, ab Knie gar ein S, hat also eine Popeye-Figur. Die goldene Mitte verkörpern hingegen Jonas Baumann und bei den Frauen Laurien van der Graaff, also geht Odlo von ihren Massen aus.

Die halben Golfbälle

Obschon die Passform für die Athleten zentral ist, betrifft die neueste Innovation von Odlo, das auch die Franzosen oder Norweger (im Biathlon) ausrüstet, die Anzugsoberfläche. Die Schweizer versuchen, die eigenen Langläufer nämlich gar schneller zu machen. Dafür haben sie in Zusammenarbeit mit einem anderen Schweizer Textilunternehmen Schoeller eine 3-D-Struktur am Dress angebracht.

Wie kleine, halbe Golfbälle sehen diese Strukturen aus und führen verteilt über den Anzug dazu, dass sich die Aerodynamik verbessert, weil der Luftwiderstand kleiner wird. Anhand von Computersimulationen über ein 50-km-Rennen mit ca. 25 km/h liess sich mit dem Odlo-Dress die Endzeit um 22 Sekunden minimieren.

Im Wissen, dass die Besten mitunter bloss einige Sekunden trennt, kann ein solcher Dress folglich Gold wert sein. Zugleich: Stimmt die Form wie bei Dario Cologna momentan nicht, bringt selbst der windschlüpfrigste Anzug wenig.

Dass Odlo mit seiner neuen Generation von Anzügen versucht, die Athleten schneller zu machen, hängt auch mit der Entwicklung im Toplanglauf zusammen: Die Besten kommen immer schneller voran. 28 km/h betrug der Schnitt an der WM 2017 über 50 km. Nie war ein so langes Rennen so schnell absolviert worden. Entsprechend kommt der Aerodynamik eine grössere Bedeutung zu als in früheren Jahren.

In Sportarten mit hohen Tempi, beispielsweise dem Zeitfahren im Rad, werden seit längerem aerodynamische Kleider verwendet. Vom Radsport lernte Odlo bezüglich ihrer Dresses, mit einem grossen Unterschied: Im Zeitfahren bewegt ein Profi seinen Oberkörper kaum, sitzt also relativ statisch auf dem Rad. Entsprechend sinkt die Bedeutung der Elastizität im Vergleich zum Langlaufdress.

Schon an Olympia denken

Neben der Aerodynamik wird die (erwartete) Kälte an den Winterspielen von 2022 in China zum grossen Thema für Odlo. Bislang produzieren die Schweizer einen Renndress in der Dicke von 1 Millimeter. Nun denken sie zusammen mit ihren Langlaufteams darüber nach, allenfalls einen Anzug für richtig kalte Verhältnisse herzustellen ? und damit ihr Konzept zu erweitern.

Zurzeit ziehen sich die Schweizer Langläufer bei tiefen Temperaturen dickere Baselayer an, also Unterschichten. Im Prinzip aber missfällt Athleten, wenn sie sich wie Michelin-Männlein fühlen. Sie tragen darum bevorzugt so wenig wie möglich ? und zumindest im Training keine Einteiler. Ansonsten wirds kompliziert mit der Toilettenpause.

Die französischen Biathleten, die Odlo ebenfalls einkleidet, bevorzugen mehrheitlich einen zweiteiligen Anzug. Die Norweger hingegen setzen auf Einteiler. Die Geschmäcke sind je nach Nation also unterschiedlich. Dies gilt auch bezüglich der Farbwahl. Während die Norweger stets ihre Landesfarben aufgetragen haben wollen, entscheidet bei den Schweizern der Sponsor. Statt Rot-Weiss gleiten sie zurzeit darum Blau-Weiss als Botschafter von Swisscom über den Schnee.

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