Der Staat ist der beste Dopingbekämpfer

Um Dopingnetzwerke wie an der Nordisch-WM zu zerschlagen, braucht es Behörden und Whistleblower. Der Sport ist überfordert, wenn er mehr als einzelne Athleten überführen soll.

Staatliche Behörden, wie hier an der Medienkonferenz nach der Doping-Razzia gegen Langläufer an der Nordischen Ski-WM, haben im Sport eine grosse Bedeutung erlangt.

Staatliche Behörden, wie hier an der Medienkonferenz nach der Doping-Razzia gegen Langläufer an der Nordischen Ski-WM, haben im Sport eine grosse Bedeutung erlangt.

(Bild: Keystone Johann Groder)

Christian Brüngger@tagesanzeiger

Das Muster zeigt sich bei vielen grösseren Dopingfällen der jüngeren Vergangenheit: Es braucht einen Insider, der bereit ist, staatliche Machenschaften oder ein privates Netzwerk offenzulegen. Es benötigt eine entsprechende Staatsanwaltschaft beziehungsweise Kriminalbehörde, die zu recherchieren beginnt, mit allem, was an investigativen Mitteln zur Verfügung steht.

Auf diese Weise zerschlugen deutsche und österreichische Polizisten nun an der Nordisch-WM das neuste Dopingnetzwerk. Und so waren schon der Superradfahrer Lance Armstrong oder die Übersprinterin Marion Jones aufgeflogen. Stets waren es staatliche Fahnder, die Betrüger entlarvten.

Dass in dieser Aufzählung der grösste Dopingskandal der jüngeren Geschichte fehlt, nämlich Russland, offenbart die Schwachstelle im Königsweg, ein Betrugssystem aufzudecken: Wenn ein intakter Rechtsstaat fehlt und zuständige Organe im Minimum wegschauen, sind Netzwerke kaum zu knacken.

Trotzdem kann auch die Russland-Causa als Beispiel dienen für die zentrale Rolle investigativer Kräfte: Schliesslich war es die Rechercheeinheit der Welt-Anti-Doping-Agentur, die nach Informationen von Whistle­blowern zu ermitteln begann. Zwar kann sie wie ihre staatlichen Kollegen keine Zeugen vorladen oder Telefone abhören lassen. Sie ist auf Kooperation angewiesen.

Immerhin wird diese Einheit der globalen Dopingbekämpfer aber von einem früheren deutschen Kriminalbeamten geführt. Sie hat sich in den letzten Jahren als das beste Instrument der Privaten gezeigt.

Die Schweiz wäre – Stand jetzt – mässig aufgestellt und würde einen Stresstest kaum so souverän bestehen wie Österreich.

Noch besser aufgestellt sind primär die Australier. Sie gestehen ihrer Anti-Doping-Behörde gar bestimmte investigative Mittel per Gesetz zu. In wirklich substanziellen Fällen wie dem neusten aber ist der Sport chancenlos. Es fehlen ihm die Hebel ? und oft auch die Absichten, bedingungslos aufzuräumen. Denn weiter hat der Sport sein Grundproblem fast über alle internationalen Verbände hinaus nicht gelöst: Er soll sich promoten und gleichzeitig überwachen. Der Interessenkonflikt ist damit unumgänglich. Ausgerechnet die nun kritisierten Österreicher – sie sind in Seefeld abermals in einen grossen Dopingfall involviert – zählen zu den Pionieren in der staatlichen Dopingbekämpfung.

Nach mehreren Fällen gründete Österreich vor rund zehn Jahren eine Einheit innerhalb des Bundesministeriums für Inneres, die gegen Wettbetrug, Doping- und Arzneimittelmissbrauch vorgeht. Primär im Breitensport werden auf dem Schwarzmarkt illegale Mittel im Milliardenwert feilgeboten und sind darum ein gewichtiges Argument, warum ein Staat solche Spezialisten aufbauen sollte. Es geht um viel Geld.

Diese Beamten verfügen über die volle Potenz, die ihnen der Staat an Recherchemitteln zur Verfügung stellen kann. Die Österreicher haben aus früheren Fällen gelernt. In vielen anderen Ländern – die Schweiz gehört dazu – existiert eine solche fundamental wichtige Stelle nicht.

In der Schweiz müsste eine Staatsanwaltschaft der Meinung sein, dass es sich anhand von Indizien zu recherchieren lohnt. Weil aber auch ihre Kräfte endlich sind, kümmert man sich um potenziell grosse Fälle, die in der Wirtschaft anzusiedeln sind. Bislang blieb die Schweiz von grösseren Dopingskandalen verschont. Klar aber ist: Unser Land wäre – Stand jetzt – mässig aufgestellt und würde einen Stresstest kaum so souverän bestehen wie Österreich.

So sehr man die Bedeutung und Kraft der Staaten in der Dopingbekämpfung betonen sollte: Der Sport hat mächtig zuzulegen. Besonders seine Informanten muss er besser schützen. Zurzeit betrachtet er Whistleblower oft als Nestbeschmutzer. Dabei sind sie wertvolle Diener eines glaubwürdigeren Sports.

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