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Die beste Kombination

Wendy Holdener und Michelle Gisin – eine Erzählung über Gold, Silber und Freundschaft.

Samuel Tanner
Geteilte Freude ist doppelte Freude: Michelle Gisin (links) und Wendy Holdener lassen sich feiern. Bilder Key
Geteilte Freude ist doppelte Freude: Michelle Gisin (links) und Wendy Holdener lassen sich feiern. Bilder Key
Keystone

Das erste Dokument ihrer Freundschaft stammt aus dem Winter 2003. Die Mädchen sind zehn Jahre alt, sie tragen Stirnbänder, orange Startnummern und eine grosse Medaille um den Hals. 1. Rang: Michelle Gisin. 3. Rang: Wendy Holdener.

Es ist ein Bild vom Final des Grand Prix Migros in Les Crosets, Kanton Wallis. Die Mädchen schauen dick eingepackt in die Kamera. Skijacken sind die grosse Konstante ihrer Freundschaft. Nach der Siegerehrung fuhren Wendy Holdener und Michelle Gisin damals miteinander ins Tal und redeten, das war ihr erster gemeinsamer Moment. Die Reise führte sie bis ins Jahr 2017 und auf das Podest der Weltmeisterschaften von St. Moritz.

An dem Tag, der mit dem Sturz von Lara Gut zum atmosphärischen Tiefpunkt dieser Wochen hätte werden können, umarmten sich bei der sogenannten Flower Ceremony zwei Freundinnen aus der Innerschweiz. 1. Rang: Wendy Holdener. 2. Rang: Michelle Gisin. Die Reihenfolge hat sich verschoben mit den Jahren.

Oh, Wendy

Das Bild der Kombination erinnerte an die Jahrhundert-WM im Winter 1987 in Crans-Montana, als letztmals zwei Schweizerinnen auf dieser Ebene die ersten beiden Plätze belegten. Alt-Bundesrat und Alt-Skidirektor Adolf Ogi übergab am Freitag der Siegerin die Blumen, er war die Verbindung zu damals.

Das Bild der Kombination erinnerte an die Jahrhundert-WM im Winter 1987 in Crans-Montana.

Nun kamen die Familien im Zielraum an. Bea Gisin, die Mutter von Michelle, sagte: «Ich mag mich noch so gut erinnern an Les Crosets. Da hörte ich vom Speaker zum ersten Mal diesen Namen: Wendy Holdener. Ich dachte: ‹Oh, Wendy, das ist ja wie bei Peter Pan.› Und jetzt ist diese Wendy immer da.»

Daniela Holdener, die Mutter von Wendy, sagte: «Man muss gar nicht viel sagen. Ich nehme Wendy jetzt einfach in die Arme und lasse das Herz pöpperlen. Das spürt sie.» Martin Holdener, der Vater, trug einen Überwurf, auf dem «Go Wendy» stand, und berichtete von Krämpfen in seinen Händen. Überwältigte Familien im Ziel.

Wendy Holdener und Michelle Gisin verloren am Freitag nach dem Rennen die Kontrolle. Sie liessen sich treiben von den Folgen ihres Erfolgs – aber die besten Feste sind vielleicht sowieso die unkontrollierten. Lange standen sie nebeneinander in der Mixed Zone und gaben Interviews. Sie hatten unterschiedliche Medaillen gewonnen, aber sie erzählten die gleichen Geschichten.

Wie sie vor ein paar Minuten auf ihre ­Familien trafen: «Es war ein Gequietsche» (Gisin), «Sie waren ganz aus dem Häuschen» (Holdener). Wie sie beide oft über alle möglichen Dinge reden und «ins Philosophieren» (Gisin) kommen. Und wie das «coole Föteli» (Gisin) von Les Crosets entstand, «auf dem wir superlustig aus­sehen» (Holdener). Ein Kanon gegenseitiger Sympathie.

Sie hatten unterschiedliche Medaillen gewonnen, aber sie erzählten die gleichen Geschichten.

Wendy Holdener, 23, aus Unter­iberg, Kanton Schwyz, ist in ihrer Karriere dreizehnmal auf dem Weltcuppodest gestanden. Sie trägt die Hoffnungen der Schweiz im Slalom. Am Tag vor der Eröffnungsfeier sagte sie: «Ich sehe es jetzt von der anderen Seite – dass ich hier bin an der WM im eigenen Land und das erleben darf.» Am Anfang hatte sie vor allem den Druck gesehen.

Das Update

Michelle Gisin, 23, aus Engelberg, Kanton Obwalden, stand in ihrer Karriere einmal auf dem Weltcuppodest, diesen Winter in der Superkombination von Val-d’Isère. Sie trug am Tag der Eröffnungsfeier, frei von fremden Er­­wartungen, die Schweizer Fahne ins Stadion. Die sportliche Hier­archie, die sich nach Les Crosets etabliert hatte zwischen Holdener und Gisin, blieb auch am Freitag unangetastet.

Nach der Abfahrt war Gisin besser klassiert, nach dem Slalom hatte Holdener die Ordnung wieder hergestellt. Auch wenn es nur um fünf Hundertstel ging. Ohne Skijacke sei das Verhältnis aber ein anderes, erzähl­­te Wendy Holdener einmal, «Michelle weiss viel mehr als ich». Eine gute Kombination.

Am Ende freuten sich Holdener und Gisin auf die Medaillenfeier am Abend. Sie standen nun wieder nebeneinander und schauten dick eingepackt in die Kameras. Die Aufmerksamkeit war leicht ge­­stiegen seit Les Crosets. Aber das Bild sah am Ende dennoch aus wie ein Update von damals.

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