«Die Leute wissen, dass Doping dazugehört»

Langläufer Johannes Dürr griff zu unerlaubten Mitteln und wurde erwischt – nun spricht er offen über Zwänge im Spitzensport.

Johannes Dürr wurde nach den Olympischen Spielen 2014 in Sotschi gesperrt. Trotz seiner Doping-Vergangenheit trainierte Dürr für die Heim-WM in Seefeld, er wollte mit der Staffel sein Land repräsentieren.

Johannes Dürr wurde nach den Olympischen Spielen 2014 in Sotschi gesperrt. Trotz seiner Doping-Vergangenheit trainierte Dürr für die Heim-WM in Seefeld, er wollte mit der Staffel sein Land repräsentieren.

(Bild: Keystone)

Es waren turbulente Wochen für Johannes Dürr, ein emotionales Auf und Ab. In der ARD wurde kürzlich ein Dokumentarfilm ausgestrahlt, in dem der ehemalige Spitzenlangläufer aus Österreich über seine Doping-Vergangenheit spricht und über seine Sperre nach den Olympischen Spielen 2014 in Sotschi. Trotz seiner Doping-Vergangenheit trainierte der 31-Jährige für die Heim-WM in Seefeld, er wollte mit der Staffel sein Land repräsentieren. Doch Dürr schaffte es nicht. Während die besten Athleten des Planeten auf der Loipe um Medaillen kämpften, sass er vor dem Fernseher.

Doch bei der WM in Seefeld ging es in den letzten Tagen nicht nur um den Sport. Am Mittwoch, vor dem Start des Männerrennens über 15 Kilometer klassisch, wurden bei einer Doping-Razzia fünf Langläufer festgenommen, darunter zwei Österreicher. Wie einige Medien berichteten, soll die Polizei auch Hinweise von Dürr zu den Dopingsündern bekommen haben. Diese Zeitung erreichte Dürr nur wenige Stunden nach der Bekanntgabe des Skandals, über die jüngsten Ereignisse mochte er aber noch nicht konkret reden.

Johannes Dürr, vor wenigen Stunden wurde bekannt, dass es in Seefeld einen Dopingskandal gegeben hat. Auch zwei österreichische Athleten sind davon betroffen, Max Hauke und Dominik Baldauf. Was bedeutet das für den Sport?
Es ist ein schlimmer Tag, für den Sport, aber natürlich vor allem für Max und Dominik. Jetzt kann man nur hoffen, dass das alles die Leute aufweckt. Dass sie merken: Es sind nicht einfach nur böse Geschichten, die da über Doping erzählt werden, sondern dass es die bittere Realität ist.

Wie geht es Ihnen persönlich an so einem Tag?
Es ist einfach nur scheisse, auch ich war überrascht, als ich davon am Morgen in den Medien gelesen habe. Ich fühle eine riesengrosse Trauer. Das sind Freunde von mir, die da abgeführt wurden. Das ist nochmals eine ganz andere Liga als einfach aufzufliegen bei einem Dopingtest. Ich bin geschockt, alles, was mir vor fünf Jahren selber passiert ist, ist wieder da. Ich hoffe, die zwei werden von ihren Freunden und Familien aufgefangen.

Hatten Sie schon Kontakt mit ehemaligen Teamkameraden, die nicht betroffen waren? Oder mit dem Verband?
Nein. Und es ist natürlich nicht möglich für mich, jetzt gleich Stellung dazu zu beziehen. Es geht da ja nicht um irgendwelche Zombies, es geht um Menschen – das hat jetzt Vorrang.

Nun wurden gleich fünf Langläufer verhaftet, und auch sie mussten damals aus Sotschi abreisen. Sind Doper schlechte Menschen, sogar Verbrecher?
Nein, das sind sie nicht. Es ist schwierig für mich, die richtigen Worte zu finden, ohne mich selber besserreden zu wollen. Aber was ganz klar ist: Im Spitzensport gibt es dieses unausweichliche Dilemma. Jeden Tag willst du besser werden, du trainierst wie ein Verrückter, tüftelst am Material herum, probierst alles, um 20 Sekunden schneller zu sein. Und irgendwann werden die Margen immer kleiner. Dazu kommt, dass eine ganze Industrie dahintersteht, die von dir abhängig ist. Nur gewinnen ist gut genug, der Druck ist enorm.

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Sie sagten einmal: «Sportfans erleben eine Illusion.» Wie meinen Sie das?
Dass es ein einziger grosser Zirkus ist, eine Show, bei der vieles hinter der Kulisse abläuft, das der Zuschauer nicht mitbekommen soll.

Glauben Sie denn, dass die Zuschauer in Seefeld denken, die Langläufer seien alle sauber?
Nein, ich glaube schon, dass die Leute wissen, was da abgeht. Dass Doping einfach dazugehört. Sie wissen es nicht wie ich, weil ich es hautnah erlebt habe, aber sie haben sicher eine Ahnung davon. Trotzdem schauen die Fans weiter Rennen, fiebern mit.

Sie sagten in einem Interview mit der «Süddeutschen Zeitung»: «Ohne Doping geht es nicht.» Wieso haben Sie zu Dopingmitteln gegriffen?
Als ich von den Junioren raufkam zu den Grossen, da merkte ich, dass es nicht ohne geht. Und weil ich davon hundertprozentig überzeugt war, habe ich diesen Schritt gemacht, sonst hätte ich es sein gelassen oder aufgehört. Ich entwickelte in dieser Zeit eine zweite Persönlichkeit. Die erste war ich als Mensch, die zweite war der Sportler. Der erste Johannes hat immer wieder gesagt: «Alter, was machst du da für einen Scheiss?» Aber der zweite Johannes, der Spitzensportler, konnte nicht anders. Er wollte immer mehr, noch besser werden, noch schneller.

Haben Sie jemanden erzählt, dass Sie dopen? Wusste Ihre Frau davon?
Nein, ich habe es niemandem gesagt, nicht mal meiner Ex-Frau. Ich hätte damals wahnsinnig gerne mit ihr darüber gesprochen, ich habe das ganze ja nicht locker weggesteckt. Es war eine riesige Belastung für mich.

Gab es Momente, in denen Sie sich unschlagbar fühlten, zum Beispiel nach grossen Siegen?
Das ist ja gerade das Problem. Ich habe mir nie gedacht, dass ich der Beste sei, nur weil ich gerade ein Rennen gewonnen und alle stehen gelassen hatte. Es hat mir als Johannes, dem Menschen, gar nichts bedeutet, weil ich wusste, was dahintersteckt: eine riesige Lüge. Und als Sportler kam immer das nächste Ziel, nochmals ein bisschen besser werden, nochmals die Technik perfektionieren. Es gab nie einen Moment der inneren Ruhe, der Zufriedenheit. Es musste immer weitergehen.

Wie haben Sie sich gefühlt, als Sie zum ersten Mal die Spritze mit dem Dopingmittel in Ihre Vene gestochen haben?
Ich habe sofort eine unglaubliche Zerrissenheit gespürt.

Wie hat sich das Doping im Training und im Wettkampf ausgewirkt? Flogen Sie mühelos die Berge hoch?
Ich habe gar nichts gespürt. Es ging nicht plötzlich alles von alleine, es war genauso hart wie vorher. Nur konnte ich mich noch ein wenig mehr quälen, und am Schluss war ich anstatt Zwanzigster halt Dritter.

Der ARD-Dopingexperte Hajo Seppelt hat einmal gesagt: «Dopingfreier Sport ist eine komplette Illusion.» Stimmen Sie dem zu?
Ja, dem stimme ich zu hundert Prozent zu. Als Spitzensportler reicht es dir nicht, wenn du Zehnter wirst an einer WM. Du willst Erster werden, und fertig. Da sind wir wieder beim Dilemma im Profisport. Wir reden ja hier nicht von den Regionalmeisterschaften irgendwo in Deutschland oder in der Schweiz, wir reden hier von der Weltelite, von Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften. Da trittst du gegen die Besten des Planeten an. Zum Beispiel in der Leichtathletik gegen Menschen, die zu Hause um ihre Existenz kämpfen und die eigene Familie ernähren müssen, wie die Marathonläufer in Kenia. Die haben gar keine andere Wahl, und denen will ich nichts vorwerfen, weil die ja sonst nichts zu Essen haben. Aber trotzdem ist es ein riesiges Problem.

Sind Alle Olympiasieger und Weltmeister gedopt?
(Überlegt lange) Ich kann die diese Frage so nicht beantworten.

Also anders: Hätten Sie sauber eine Olympiamedaille gewinnen können?
(Er lacht) Gut gefragt. Nein, das hätte ich nicht geschafft.

Was war Ihr grösster Erfolg, den Sie sauber erreicht haben?
Als ich eine Medaille bei den Juniorenweltmeisterschaften geholt habe, da wurde ich Dritter.

«Es ging nicht alles wie von alleine. Ich konnte mich aber mehr quälen, und am Schluss war ich Dritter anstatt Zwanzigster.»

Dario Cologna ist Olympiasieger, mehrfacher Gesamtweltcupgewinner und so einer der besten Langläufer in der Geschichte des Sports. Ist Dario Cologna gedopt?
Ich bin mit Dario sozusagen gross geworden, wir liefen zusammen bei den Junioren und schafften dann den Sprung zu den Profis. Ich kann zu ihm keine Aussage machen und ihn verdächtigen, das wäre nicht fair.

Sie selber haben Doping genommen und wurden dafür erwischt, bei den Spielen von Sotschi. Was war der Tiefpunkt damals?
Das war ganz schlimm damals in Russland. Nach dem positiven Bescheid wurde ich in ein Hotelzimmer gesperrt, ich durfte mein Handy nicht benutzen, mit niemandem reden. Und da habe ich aus dem Fenster nach unten geschaut und sah für mich in diesem Moment nur eine Möglichkeit: runterspringen. Und dem allem ein Ende setzen. Ich hatte ja nur den Sport, mein ganzes Leben richtete sich danach aus. Und plötzlich wurde mir alles weggenommen. Heute weiss ich, dass diese Gedanken feige waren. Ich habe eine verdammte Verantwortung meiner Familie gegenüber, meinem Sohn. Heute bin ich schockiert über mich und über das, was ich damals tun wollte.

Sie wurden für zwei Jahre gesperrt und sprachen kürzlich in der ARD offen über Ihren Dopingmissbrauch. Unter anderem unterstellten Sie dem österreichischen Verband, Mithilfe geleistet zu haben bei Ihren Praktiken. Wie waren die Reaktionen?
Vom Verband habe ich wenig gehört, es gab nur diese Forderungen, ich solle meine Aussagen richtigstellen, und dann kam es zur einstweiligen Verfügung. Von da an war Ruhe. Und mehr kann ich da im Moment auch nicht dazu sagen. Vonseiten der Sportler habe ich einige Reaktionen erhalten. Grösstenteils waren sie auf meiner Seite, weil ja jeder von ihnen versteht: Es ist so, Doping ist ein Teil des Sports. Und jeder, der das bestreitet, ist nicht ehrlich und lügt.

Was war Ihr Ziel mit dem Film und Ihren Aussagen?
Ich wollte ein Bewusstsein schaffen, dass Doping keine Option ist. Bis heute gibt es keine ernsthafte Auseinandersetzung mit der ganzen Thematik, es ist ein Tabuthema. Das will ich ändern.

Würden Sie wieder dopen, wenn Sie noch einmal zurückgehen könnten?
Mit dem Wissen von heute sicher nicht, ich würde mit dem Sport aufhören. Aber damals war Langlauf mein Leben, er hat alles dominiert, er ist in jede Zelle meines Lebens eingedrungen. Ich weiss noch genau, wie ich meine Frau damals kennengelernt habe, ich sagte ihr: «Du musst wissen, dass der Sport bei mir immer an erster Stelle kommt.»

Sie wagten nach Ihrer Sperre ein Comeback und wollten an der WM in Seefeld starten, in der Staffel. Was wären Ihre Ziele gewesen?
Ich wollte ein Teil der Staffel sein, mehr nicht. Ich hatte keine sportlichen Vorstellungen, die konnte ich ja gar nicht haben. Früher, da wollte ich Weltmeister werden, der Beste sein. Davon war ich nun weit weg. Ein Platz in der Staffel wäre ein Traum gewesen.

«Das Beste ist: Ich muss meine Familie und meine Freunde nicht mehr belügen.»

Früher haben Sie gedopt und wollten Weltmeister werden, nun wollten Sie sauber ein Teil der Staffel sein. Wie weit waren sie leistungstechnisch weg von diesem Ziel?
Weit weg, ich konnte mich nicht aufdrängen, es hat einfach nicht gereicht. Natürlich war ich darüber enttäuscht, aber das Comeback, das ganze Projekt war ja mehr als es nur in die Mannschaft zu schaffen, es ging um meinen Weg zurück. Immerhin habe ich es gewagt, darum kann ich mit der sportlichen Enttäuschung leben.

Herr Dürr, sind Sie ein glücklicher Mensch, heute, da Sie ehrlich sein können?
Heute ist der falsche Tag, mich das zu fragen. Aber ja, es geht mir gut, weil ich mit dem Thema abschliessen konnte. Und trotzdem kann ich heute wieder Rennen schauen am Fernseher, mich der Illusion hingeben und die Show auch geniessen. Das Beste aber ist: Ich muss meine Familie und meine Freunde nicht mehr belügen, muss niemandem mehr was vorgaukeln. Das bedeutet mir viel.

Buch: Johannes Dürr und Martin Prinz. «Der Weg zurück – eine Sporterzählung.» Die Geschichte von Johannes Dürr an die Spitze des internationalen Langlaufs und der Fall in die Tiefe nach seinem Doping-Skandal. Insel-Verlag, 2019. Ca. 35 Franken.

berneroberlaender.ch/Newsnetz

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