Die Zeit ist reif

Das Schweizer Riesenslalomteam ist so stark wie seit Jahren nicht mehr. Entsprechend gross sind die Erwartungen vor dem Klassiker am Chuenisbärgli.

Im Zentrum des Interesses: Loïc Meillard ist der Kopf der starken Riesenslalomequipe. Bilder: Keystone

Im Zentrum des Interesses: Loïc Meillard ist der Kopf der starken Riesenslalomequipe. Bilder: Keystone

Marco Oppliger@BernerZeitung

Es gab Jahre, da fuhr Tom Stauffer die kurvenreiche Strasse von Frutigen nach Adelboden hoch und wusste: Es droht Ungemach. Der Schweizer Cheftrainer musste der Medienschar dann erklären, wann endlich der erste Podestplatz für seine Equipe folgen würde. Und die Auftritte am Chuenisbärgli halfen ihm dabei wenig. Weil sich die Schweizer hier seit Jahren schwertun. Den letzten Podestplatz im Riesenslalomklassiker gab es 2008, vor Jahresfrist bedeuteten die Ränge 11 (Justin Murisier), 13 (Gino Caviezel) und 19 (Elia Zurbriggen) das beste Ergebnis seit 2011 – und sie kündeten einen sanften Aufschwung an.

Als Stauffer am Freitag vor die Journalisten tritt, kann er sich ein Lächeln unter dem markanten Schnauz nicht verkneifen. «Gäbig» sei es, nun eben nicht erklären zu müssen, warum es nicht laufe, sagt er. Schliesslich muss der Berner Oberländer nun das Gegenteil tun. Die Riesenslalomequipe blickt schon jetzt auf den besten Winter seit acht Jahren zurück.

Team ohne Chef

Gleich im ersten Rennen wurde Thomas Tumler in Beaver Creek völlig überraschend Dritter – und wegen der Disqualifikation von Stefan Luitz ist er im Nachhinein noch einen Rang nach vorn gerutscht. Ende Dezember belegte Loïc Meillard in Saalbach-Hinterglemm dann Rang 2. Zur Einordnung: Vor den beiden hatte Carlo Janka zuletzt auf einem Riesenslalompodest gestanden – das war 2011.

Der Aufstieg in der langjährigen Sorgendisziplin ist erstaunlich. Schliesslich fehlt dem Schweizer Ensemble mit dem verletzten Justin Murisier ausgerechnet der arrivierteste Fahrer. Und gleichwohl ist Cheftrainer Stauffer nicht überrascht: «Wir führten viele Diskussionen rund um dieses Team, und wir spürten schon lange, dass es eine gewisse Dynamik gibt, Junge reinkommen werden, die irgendwann mithalten könnten, und es zwei, drei weitere Athleten mit Potenzial hat.» Da sind vermeintliche Routiniers wie Gino Caviezel, Tumler und Meillard am Werk, die noch keine 30 Jahre alt sind. Und da gibt es mit dem sechsfachen Juniorenweltmeister Marco Odermatt ein grosses Talent, das viel Druck macht. «Nun ist es etwa so, wie wir es gerne hätten», sagt Stauffer.

Was auffällt: Trainer wie Athleten streichen die flache Hierarchie in der Mannschaft hervor. Einen Leader gebe es nicht, sagt Meillard. Dieser müsse sich erst herauskristallisieren, hält Helmut Krug fest. Wobei der österreichische Coach vor allem an Meillard denkt. Der Walliser ist in allen vier Riesenslaloms in diesem Winter in die Top 10 gefahren, er agiert trotz seinen erst 22 Jahren mit grosser Konstanz. Mittlerweile ist er die Nummer 5 der Weltrangliste. Und doch sagt Krug, er habe noch keinen sehr arrivierten Athleten. «Aber das ist für uns an und für sich ein schönes Problem, weil alle auf einem hohen Niveau fahren.»

Was wiederum zum zweiten Erfolgsfaktor führt: Die Equipe harmoniert hervorragend. Er habe schon im Sommer gemerkt, «dass wir als Team funktionieren, nicht als Einzelsportler», sagt Tumler. Der Spassfaktor in der täglichen Arbeit sei relativ schwer zu erzeugen, findet Krug. «Aber nun sind wir an diesem Punkt angelangt, deshalb geht es im Moment auch leicht von der Hand.»

Wieder eine Überraschung?

Und so spricht vieles dafür, dass die Schweizer Durststrecke am Chuenisbärgli bald enden könnte. Es versteht sich von selbst, sind die Erwartungen an die Gastgeber mit den letzten Resultaten gestiegen. Dieser Druck, der auch in schwierigeren Jahren immer da war, kann lähmend wirken. Dem gegenüber allerdings steht das Selbstvertrauen, welches die Athleten mit den jüngsten Auftritten sammelten. Sie haben realisiert: Es ist möglich, ganz nach vorn zu fahren.

«In Alta Badia haben sie mich das erste Mal überrascht», sagt Krug und spricht damit den ersten Lauf an, in welchem sich fünf Schweizer in den ersten 15 klassierten. Nun gilt die Gran Risa neben Adelboden als schwierigste Riesenslalomstrecke im Weltcup. Krugs Athleten mögen an und für sich das Streckenprofil des Chuenisbärgli mit den steilen Passagen und den Übergängen. «Nur sind wir hier noch nie richtig gut gefahren», meint er, hält kurz inne und fügt schliesslich trocken hinzu: «Aber sie könnten uns wieder überraschen.»

Verfolgen Sie die Weltcuprennen aus Adelboden – Riesenslalom am Samstag, Slalom am Sonntag – im Liveticker auf unserer Website (1. Lauf jeweils ab 10.30 Uhr, 2. Lauf ab 13.30 Uhr).


Der Branchenriese und seine Herausforderer
Im Riesenslalom gibt es nur einen Favoriten – sollte Marcel Hirscher aber patzen, lauert ein Quintett.

Marcel Hirscher – der achte Streich? Irgendetwas stimme bei ihm derzeit nicht, meinte Marcel Hirscher unlängst gegenüber dem «Blick». Die Aussage passt zum notorischen Tiefstapler, der gerne mit dem Rücktritt kokettiert. Fakt ist: Der 173 cm kleine Österreicher ist weiterhin der Branchenriese, ohne Zweifel. 4 von 5 Riesenslaloms hat er in diesem Winter gewonnen, in Adelboden ist er mit 7 Triumphen (Riesenslalom und Slalom) Rekordsieger. (phr)

Henrik Kristoffersen – diesmal bessere Laune? Siege sind die Ausnahme geworden bei Henrik Kristoffersen, letzten Winter gewann er «nur» einmal. Mit dem Ruf des ewigen Zweiten hinter Hirscher tut er sich schwer, vor Jahresfrist drohte er im Gespräch mit dieser Zeitung davonzulaufen, sollten Fragen über den Rivalen gestellt werden. Der Norweger gehört in jedem Technik-Rennen zum Favoritenkreis, ein wenig aber hat er an Lockerheit eingebüsst. (phr)

Alexis Pinturault – deutsch und deutlich? Seit 7 Jahren gehört Alexis Pinturault zu den Top 3 im Riesenslalom, 10-mal ist er zuoberst auf dem Podest gestanden. In dieser Saison konzentriert er sich wieder stärker auf seine beste Disziplin, fährt weniger Speedrennen. Adelboden sei eine seiner bevorzugten Destinationen, meint der Franzose, der den Klassiker 2017 gewann. Zuletzt lernte er intensiv Deutsch, was er im Siegerinterview beweisen könnte. (phr)

Stefan Luitz – mit der Wut im Bauch? Der erste Weltcupsieg von Stefan Luitz hat sich vor dem Internationalen Sportgerichtshof endgültig in Luft aufgelöst. Weil der Deutsche in Beaver Creek zwischen den Läufen Sauerstoff inhaliert und damit die FIS-Regeln verletzt hatte, wurde ihm der Erfolg aberkannt. Nun fällt der Deutsche aus der ersten Startgruppe, den schnellen Schwung aber wird die «Wundertüte» nicht verloren haben. (phr)

Loïc Meillard – das Ende der Durststrecke? Als einer von nur vier Fahrern ist Loïc Meillard diesen Winter im Slalom und Riesenslalom auf dem Podest gestanden. Er könnte die lange Schweizer Baisse im Heimrennen beenden, seit dem Sieg Marc Berthods (2008) ist kein Einheimischer mehr in die Top 3 gefahren. Als der heutige TV-Co-Kommentator reüssierte, schaute sich der damals elfjährige Walliser erstmals ein Weltcuprennen an. (phr)

Mathieu Faivre – aus dem Schatten der Freundin? Es war ein französischer Olympia-Abgang: Nach Platz 7 in Pyeongchang musste Mathieu Faivre sein Zimmer räumen, ihm wurde mangelnder Teamgeist vorgeworfen. Die Affäre belastete den 26-Jährigen, erst vor Weihnachten meldete er sich mit Platz 3 in Saalbach zurück. Seit 2017 ist Faivre mit Mikaela Shiffrin liiert; weil die Frauen am Wochenende nicht fahren, könnte für einmal er Schlagzeilen liefern. (phr)

Berner Zeitung

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